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Die erste Reaktion, hört man ein Stück der Band AB Syndrom, wird bei Manchem sicher zunächst lauten: Was ist das? Wo ordne ich das ein?!
Nein, leicht macht es dieses Wahlberliner Quartett dem geneigten Schubladendenker sicher nicht. Ihr erstes Album „Alles Deins” erschien bereits 2011, zu flächendeckender Bekanntheit konnte es der im Taunus geborene Bennett, Kopf hinter AB Syndrom, jedoch bisher mit seinem Bandprojekt nicht bringen. Das mag daran liegen, dass diese Art von Musik zumindest für den deutschsprachigen Raum doch sehr neuartig und progressiv ist, so vertrackt und verworren, wie die Texte und Beats zunächst erscheinen mögen. Und immerhin singt er es im eröffnenden Stück ihrer neuen, zweiten Platte „Hey Herz” ja auch selbst: „Uh, yeah! Guck nicht so genau hin!”

Jene Empfehlung sollte allerdings besser nicht auf den Song selbst angewandt werden: Der Takt und die Struktur des Tracks sind nicht auf den ersten Blick durchschaut. Näher am zeitgenössischen Pop zeigen sich die vier Jungs im eingängigen „Hologramm”, das mit MIDI-artiger Synth-Bassline und im Outro mit modern durch den Pitch-Fleischwolf gedrehten Vocals daherkommt. AB_Syndrom_Hey_Herz_Cover_800Auch in „Flaggschiff” finden diese sich wieder – mit ihren 808-Drums und Dubstep-Einflüssen die schnellste und wildeste Nummer des Albums, doch der Signature-Sound von AB Syndrom zeichnet sich insgesamt als eher minimalistisch ab. So lässt auch „Jalousien” der eingesetzten Instrumentierung sehr viel Raum: Ein paar synthetische Flächen und Bässe, leichte Percussion-Nuancen, richtige Drums werden gar nicht benötigt. Diese sanfte Penetration der Gehörgänge reicht aber bereits aus, um den Song als Hit einzuprägen: Bennett singt mit bester Kopfstimme über Isolation, und ehe man sich versieht, hat man auch schon selbst die akzentuiert vorgetragenen „Jalou-si-en!” auf den Lippen!

So experimentier- und spielfreudig, wie sich die Band in ihrer Musik zeigt, kommen auch die Texte daher. Neben Tumblr-fähigen Emotionsformulierungen wie „Ich bin nicht bereit für glücklich, ich bin nicht bereit für dich!” gibt es eine Menge interessante Wortakrobatik und Reim-Spielereien zu hören

„Ich hab‘ dich gestern Nacht um die Ecke gedacht. Ich sag’s dir durch die Blume – und du hast durch die Hecke gelacht!”

In „Lippenblau” sagt es Bennett selbst: „Ich denk so lang‘ drüber nach, bis ich gar nichts mehr versteh’”, seine Texte sind verkopft, seine Vortragsweise schwankt zwischen Gesang und Rap. All das fügt sich jedoch hervorragend in das sehr eigene Klangbild seiner Mitmusiker ein. In „Lagerfeuer” präsentieren uns AB Syndrom melancholische Synthie-Flächen, die mit ihren kleinen, mutwilligen Pitchbend-Disharmonien wunderbar organisch wirken und massig Atmosphäre erzeugen. In den Lyrics verschmelzen die Freude am Wortspiel und der Hang zur Emotion:

„Und alle Wimpern gehen drauf für dich, yeah! Und ich erkenn‘ mich nicht mehr.”

Mit „Herz gesehen” sagt das Album noch ein letztes Mal „Hey Herz”, der Sound sagt aber auch „Hey, James Blake” – Einflüsse des britischen Vorreiters in Sachen progressivem, elektronischem Pop lassen sich nicht von der Hand weisen und werden auch von der Band selbst herangezogen. Dennoch besteht „Hey Herz” in allen Disziplinen den Persönlichkeitstest – so eigen, wie die musikalische und textliche Ebene daherkommen, hat man das hierzulande selten erleben dürfen. AB Syndrom bringen einen frischen Farbton in die hiesige Musikwelt, zumindest in der Nische, die sie sich selbst mit dieser Platte aufgebaut haben. Meinetwegen dürfen sie gern direkt die ganze Wand streichen!

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