Foto: Zirkus Zirkus

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Ahzumjot steht nicht auf halbe Sachen. Nachdem der gebürtige Hamburger mit seinem in Eigenregie entstandenen Debütalbum „Monty” und der darauffolgenden Tour mit Cro und Rockstah einen mittelschweren Hype um seine Musik auslöste, nahm er sich drei Jahre Zeit, um mit dem bedeutungsvoll betitelten „Nix mehr egal” erstmals als Major-Künstler eine Platte herauszubringen. In der Zwischenzeit erwuchs allerdings aus dem damals noch am Wegesrand blühenden Pflänzchen namens Deutschrap ein regelrechter Mammutbaum. Alan, wie Ahzumjot bürgerlich heißt, hätte das kommen sehen können, war doch sein Tourkumpane mit der Pandamaske einer der wichtigsten Ausschlaggeber dieser Entwicklung. Etwas zu spät erschien also das groß angelegte „Nix mehr egal”, etwas zu weit übers Ziel hinausgeschossen klang es dann leider auch noch. Auch Ahzumjot ist mittlerweile nicht mehr allzu zufrieden mit dem Album und entschied sich nun, nach einem guten Jahr direkt nachzulegen – und das jetzt wieder ohne Major, ohne Vertrieb.

„Minus” erschien am letzten Freitag also nach ungewohnt kurzer Wartezeit im künstlereigenen Webshop als beinahe komplett farblos geratene EP. product01Ein schwarzes Booklet im schwarzen Digipak, das eine schwarze CD enthält. Lediglich das Cover lässt noch Züge seines Quasi-Logos, ein pinkes Quadrat, erahnen. Wie gesagt, dieser Mann mag keine halben Sachen! Und so schließt er mit dem Opener „Tag zwei” auch nahtlos an den abschließenden Song des letzten Releases, „Tag eins”, an. Die Orchestralität von damals ist wabernden Synthieflächen gewichen, die großspurige Mentalität einem ruhig singenden, von Hall überlagerten Alan, der genau diese Übergangsphase zwischen den zwei Veröffentlichungen und die Rückkehr zur eigenständigeren Arbeitsweise thematisiert:

„An einem Ort, an dem jeder Tag dem nächsten gleicht, hält man Tag eins für die Ewigkeit. Und wenn alles nicht geklappt hat, stehst du an dem Anfang. Ist doch gut, ’nen Satz zurück zu machen, wenn es nicht geklappt hat. Heut‘ ist Tag zwei.”

Von Glückssträhnen und Enttäuschungen, von tiefen Fällen, die man erst beim Aufprall bemerkt berichtet er selbstreferenziell und klingt trotz durchklingender Zweifel direkt wieder hungriger, als man ihn auf „Nix mehr egal” wahrnahm. Auf dem passenderweise sehr minimalistisch geratenen Titeltrack „Minus” merkt man ihm das noch stärker an. Die Smoothness legt er hier ab und düstere, noisige Elemente halten Einzug in das Instrumental von Levon Supreme, das teilweise an das Klangbild von Kanye Wests Meisterwerk „Yeezus” erinnert. Wieder geht es selbstkritisch im Text zu: Sein Konto ist im Minus und doch fasst Alan seinen Mindstate im leicht psychedelischen Outro immer wieder mit „Brauch‘ ich nicht! Will ich!” in Worte, wenn es um Casios, Jordans oder das neue Kendrick-Album geht.

Für ausufernde In- und Outros zeigt er in den sieben Tracks seiner neuen EP ohnehin wieder ein Faible und leitet das darauffolgende „Schwör’s dir” mit einem Interview-Sample von sich selbst, einer offenbar bezeichnenden Anekdote aus seiner Kindheit ein:

Um mich beliebt zu machen, hab‘ ich damals in der Kita erzählt, ich sei aus Chicago und mein Vater hätte damals jeden Tag gegen Michael Jordon nebenan Basketball gespielt. Und als die Erzieherin herausfand, dass das gelogen war, hab‘ ich sie einfach gebeten, das für sich zu behalten. Und die Kids glauben es wahrscheinlich noch bis heute!”

Nur einer der Songs auf „Minus” weicht merklich von der autobiografischen Erzählweise ab: Die Videosingle „Nxx verloren”, in der er zwar seinen – nebenbei gesagt: großartigen – Rockstah-Feature-Song „Geht, okay” aus „Monty”-Zeiten kurz erwähnt, ansonsten aber nachdenklich über Leben, Tod und das Gefühl des Alleinseins sinniert. Letzteres beschwört er dann aber sogar selbst herauf: Ironischerweise heißt die einzige Kollabo auf der EP „Allein” und an Dissythekids Seite setzt Ahzumjot die heile Welt unsinnredender Leute lyrisch in Flammen, zieht sich lieber zurück statt mit ihnen herumzuhängen. Durch welche Entwicklung dieses Gefühl scheinbar heraufbeschworen wurde, macht er kurz zuvor bereits zum Thema in „Platz / Angst”, seiner ehrlichen Meinungsäußerung zur mittlerweile so massiv gewachsenen Rapszene in Deutschland.

Das beeindruckendste Stück der Platte kommt ganz am Schluss: In „Montag” bringt der Wahlberliner nach all den ohnehin schon ich-bezogenen Tracks seine Zweifel an sich selbst auf den Punkt und gesteht sich ein:

„Kann die wahren Freunde abzählen an einer Hand. Sie bleiben da, ihr wisst schon wen ich meine. Hab’s euch selten gezeigt, nur gemeldet, wenn ich’s brauchte. Das kommt davon, lebt man in einer Stadt, die ach so laut ist.”

Was sich auch auf der EP niederschlägt, beschreibt er in der bitteren Zeile „Egal, mit wem ich rede, es geht immer nur um mich” – doch das alles hier herauszulassen war ganz offensichtlich notwendig und gibt der EP zugleich einen sehr stringenten Aufbau. Dieser rote Faden führt ihn diesmal also an den „Montag”, an dem er nochmal von Neuem anfangen will. Das ist bezeichnend, nachdem er wie gesagt das letzte Album mit „Tag eins” beendete und eine gewisse Weltretter-Attittüde darin durchblicken ließ. Nun also, nach teilweise gnadenlos ehrlichen Songs über das eigene Leben, ist Alan wieder recht gesettlet und benennt den Track ganz simpel nach dem ersten Tag der Woche, nicht dem ersten Tag seiner großen, neuen Welt. So ist „Minus” eine Art Selbsttherapie, eine selbstauferlegte Reduktion auf das Minimum – jene häufig von Prinz Pi gerappte Zeile zitiert er ebenfalls im letzten Song.

Dass all das eine derart zusammenhängende und beeindruckende EP ergibt, ist ein sehr, sehr erfreuliches Zeichen für den kommenden Output von Ahzumjot. Scheinbar ist ihm weiterhin „Nix mehr egal”, wenn es um Gesamtkonzepte und Stringenz geht, doch nun hat er es auch geschafft, dieses Gefühl in eine richtig gute Veröffentlichung zu transportieren. Es ist also wirklich nix verloren und dieser Neustart ist Alan mit Bravour geglückt. Ich starte die EP jetzt auch direkt nochmal neu.

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