Angst macht keinen Laerm 08 Turbostaat

Bescheuert schlechte Smartphone-Fotos: Charles Engelken, noisiv.de

Lange wartete ich auf das dritte Augustwochenende, an dem das Angst macht keinen Lärm Open Air in Potsdam stattfinden sollte. Nachdem ich bei der letztjährigen Ausgabe einen großartigen Tag in Leipzig verbrachte und eines der tollsten Open Airs überhaupt besuchte, stand es für mich niemals außer Frage: Ich muss auch dieses Jahr dabei sein!

Das Line-up ließ dazu keine Wünsche offen, wie ich vor drei Wochen bereits schrieb. Umso größer natürlich die Vorfreude. Da nimmt man dann auch mal einen Eintages-Trip nach Potsdam auf sich. Heißt: Morgens von Hamburg nach Potsdam fahren, das Open Air feiern und danach direkt zurück in die Hansestadt. Das mag anstrengend klingen – war es auch. Aber das war und ist egal – es geht schließlich um dieses eine, dieses wunderbare Eintages-Festival mit dem ganz besonderen Punk-Flair!

Wunderschöne Ankunft in Potsdam

Angst macht keinen Laerm 01

Die Waschhaus-Bühne vor dem Sturm

Von bestem Wetter begleitet am Potsdamer Hauptbahnhof angekommen, traute ich meinen Augen nicht: Schaut man über die Straße hinweg, sieht man einen Haufen „besorgter Bürger“ aka. Nazi-Arschlöcher. Dass an jenem Tag entsprechende Demonstrationen und Kundgebungen in Potsdam stattfinden sollten, war mir bekannt; dass man praktisch direkt von ihnen begrüßt wird, hat mich dennoch dezent auf dem falschen Fuß erwischt. Viel Zeit, um sich dem Haufen entgegenzustellen (einige Linke Gegendemonstranten waren ebenfalls zu begutachten), blieb nicht. Ich musste zum Waschhaus-Gelände, das Open Air sollte bald schon anfangen. Also ab in die Tram und weg da! Mir wird einmal mehr bewusst: Vollidioten gibt es überall, vor allem in der heutigen Zeit.

Die Gedanken ad acta gelegt, schlussendlich beim Waschhaus angekommen und mir wurde ganz wohlig ums Herz. Das Gelände des Waschhauses, welches ich zum ersten Mal sah, ist ja doch ein sehr Hübsches. Zwar mit sehr viel weniger Bäumen, als noch das Conne Island im letzten Jahr, dafür aber mit befestigtem Boden. Eine Schlamm-Party? Ausgeschlossen! Eine Randnotiz, die im Verlaufe des Nachmittages übrigens noch von enormer Wichtigkeit werden sollte.

Im Vergleich zum letzten Jahr hat auch die Vielfalt der Stände enorm zugenommen. Während es futtertechnisch in Leipzig zwar ausreichend, aber relativ karg, war, wurde in Potsdam sehr viel mehr geboten: (Vegane) Falafel, Burger, (Süßkartoffel-)Pommes, Currywurst – das Angebot war überraschend reichhaltig und zudem auch preislich in Ordnung. Auch an Getränkeständen mangelte es bei weitem nicht. Dazu noch Stände von Kein Bock auf Nazis und Pro Asyl. Daumen hoch dafür!

Lygo und Freiburg bringen das Publikum auf Betriebstemperatur

Angst macht keinen Laerm 02 Lygo

Wenden wir uns den Bands zu: Den Anfang machten Lygo. Bereits drei Mal habe ich das Bonner Trio live sehen können, zudem läuft die aktuelle „Misere“-EP noch immer rauf und runter – insofern wusste ich also, was mich erwartet und die Band hat einwandfrei geliefert! Wenn da geschrien wird (und das ist die meiste Zeit über der Fall), dann aber richtig! Vom ersten Song „Da sind Fragen“ an gab es besten Punkrock zu hören, die auch über Songs, wie „Eskapismus“, „Post Mortem“ und „Schiffe versenken“ niemals abflaute!

Da war wieder eine Energie drin, die in dieser Form ihresgleichen sucht! Zwar war der übliche Halbkreis des Publikums vor der Bühne auch hier vorhanden, allerdings schrien einige doch enthusiastisch mit, was von der Band nicht unbemerkt blieb. So darf ein Auftakt in den Open-Air-Tag doch sehr gerne anfangen!

Angst macht keinen Laerm 03 Freiburg

Erfreulich: Die Umbaupausen wurden mit 15 bis 20 Minuten sehr kompakt bemessen und auch eingehalten. Ziemlich bald nach Lygo legten also auch Freiburg los. Auch hier galt für mich: Bereits zwei Mal live erlebt und vor allem vom zweiten Auftritt im Oberhausener Druckluft war ich sehr angetan. „Der Fall ins Messer“ machte den Anfang und sie kannten keine Richtung, als direkt nach vorne: „Keine Gefangenen mit dem Messer / Zwischen den Zähnen durch die Wand“.

Wie immer blieben sie bei den Zwischenansprachen sehr karg, stattdessen lassen sie lieber ihre Musik für sich sprechen, wenn sich Tom und Joppi nacheinander und gleichzeitig anschreien. Das wirkt beim Publikum: Der Halbkreis wird kleiner, die Leute gehen näher an die Bühne ran. „Aktion, Reaktion“ eben!

Love A und Die Nerven: Die Konstante und das Frischfleisch

Angst macht keinen Laerm 04 Love A

Die dritte Band im Bunde ist die erste Konstante des Angst macht keinen Lärm: Love A haben bei allen drei bisherigen Ausgaben des Angst macht keinen Lärm gespielt – entsprechend groß ist ihr Credo beim Publikum. Der Halbkreis? Konsequent geschlossen! Performance-Sänger Jörkk Mechenbier will schließlich beim Texte-Nachhampeln begutachtet werden! Dass er in seiner Meisterdisziplin nicht versagen würde, war klar. Neuerdings solle er keine Witze mehr über sein Alter machen; natürlich lässt er es sich nicht nehmen, genau daraus einen Witz zu machen. Ebenfalls immer an Bord: Die selbstironischen Diskreditierungen gegenüber den anderen Bands („Ich dachte, die Running Order geht chronologisch nach dem Alter? Ihr lacht, es gibt hier ältere Menschen, als ich. Wieso spielen Die Nerven nach uns?“).

Dazwischen gab es dann eine astreine und großartige Performance der Band zu sehen. Ihr Pascow-Cover „Too doof too fuck“ war so gut, wie ich es nie zuvor gesehen habe und mit „Freibad“ haben sie als letzten Song sogar den einen gespielt, den sie eigentlich nicht mehr zum Besten geben, von den Crowds aber seit Erscheinen des „Eigentlich“-Debüts gefordert wird – wie übrigens auch an jenem Nachmittag. Da haben sie sich einen Schachzug überlegt, der natürlich richtig gut beim Publikum ankam. Während des Auftritts gab es die ersten Moshpits zu sehen und überhaupt sind die Leute richtig gut abgegangen!

Mein Zustand nach Love A? Stimme schon jetzt im Eimer, habe jeden Song mitgeschrien! Und das jetzt schon! Aber, egal! An dem Tag ist alles egal! Weiter geht es! Dachte ich jedenfalls. Während Die Nerven nämlich aufbauten, setzte der Sturmregen ein, der eigentlich erst für den nächsten Tag vorausgesagt wurde. Das Programm wurde dementsprechend unterbrochen, die Meute suchte überdachten Regenschutz.

Angst macht keinen Laerm 05 Die Nerven

Eine Stunde später als geplant konnten Die Nerven dann endlich anfangen. Ihr Sound gehört wohl zum Post-esken, was die deutschsprachige Post-Punk-Szene derzeit zu bieten hat. Songs, die sich sehr viel Zeit zur Entfaltung nehmen, zwischendrin sehr ruhig werden und dann in einem riesigen, lärmenden Getose explodieren – es hat etwas hypnotisches, dem Trio dabei zuzuschauen, wie sie sich mit Songs à la „Barfuß durch die Scherben“ und „Der letzte Tanzende“ selbst in Trance spielen – ein Erlebnis der besonderen Art. Zwischendurch weiß das Fratzenspiel von Drummer Kevin Kuhn gleichermaßen zu bespaßen und dem Trance-artigen Post-Punk das i-Tüpfelchen zu verpassen.

Pascow und Turbostaat: Die Krönung

Angst macht keinen Laerm 06 Pascow

Dann ging es wieder rund: Pascow kamen auf die Bühne und sie legten vom ersten Track an so richtig los! Die Energie, die sie vor allem bei der Crowd freisetzen, sucht fast schon ihresgleichen. Ob sie nun ältere oder neuere Stücke spielen: Die Meute dreht durch – aber holla die Waldfee! Egal, ob „Wenn Mila schläft“, „Diene der Party“ oder “Too doof too fuck“ (mein persönlicher Favorit) – da war richtig Stimmung drin! Vor „An die Maulwürfe“ wurde dann auch duesenjaeger-Frontmann Tobi auf die Bühne geholt, mit dem Alex dann gemeinsam den Song sang.

Anschließend mein persönliches Highlight des gesamten Tages: Turbostaat kamen nach der letzten Umbaupause auf die Bühne und da war er auch wieder: Der strömende Regen! Regenschutz hat nun aber keiner mehr gesucht, dafür hat die Band viel zu gut gespielt! Vielleicht war es sogar der beste der fünf Turbostaat-Auftritte, den ich dieses Jahr gesehen habe.

Angst macht keinen Laerm 07 Turbostaat

Auch dieses Mal fingen sie wieder mit „Ruperts Gruen“ an. Das Set glich in weitesten Teilen zwar dem Wutzrock-Set von vergangener Woche, war dadurch aber nicht minder großartig: „Eisenmann“ rief Gänsehautstimmung hervor, „Insel“ als zweiten Song zu spielen, war absolut großartig für die ohnehin schon angeheizte Stimmung und sogar eine Zugabe wurde mit „Fraukes Ende“ und „Surt & Tyrann“ gespielt. Im strömenden Regen jeden Song so lange mitzuschreien, bis die Stimme völlig versagt, hat eben doch nochmal etwas anderes für sich. Nach dem Tages-Headliner war ich von oben bis unten klitschnass, aber absolut glücklich!

Welch schöner Abschluss der Festival-Saison

Anschließend ging es zwar drinnen im Waschhaus mit Gurr und duesenjaeger weiter, allerdings musste ich schweren Herzens meinen Heimweg antreten. Die einstündige Verzögerung hat meinen Zeitplan so sehr durcheinander geworfen, dass ich mir nicht einmal Gurr anschauen konnte, was mich sehr traurig machte.

Um sechs Uhr kam ich dann endlich wieder in Hamburg an. Völlig entkräftet und übermüdet zweifelte ich aber nie daran, dass dieses Open Air es wert war. Für das Angst macht keinen Lärm würde ich jederzeit wieder einen solchen Trip hinlegen – egal, wohin! Mit so vielen großartigen Bands und einem so guten Publikum kann man gar nicht zu einem anderen Ergebnis kommen. Für mich persönlich war es das wohl letzte Festival des Jahres und es war ein würdiger Abschluss!

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