Fotos: Charles Engelken, noisiv.de

Wenn das Angst macht keinen Lärm ruft, wird Folge geleistet. Das Open Air für Punk-Fetischisten, das jährliche Klassentreffen rund um Turbostaat, Pascow und Konsorten. Da setze ich mich auch gerne zwei Mal acht Stunden in den Fernbus und verzichte auf tatsächlichen Schlaf, um nach Dresden zu fahren, wo es dieses Jahr auf dem Gelände des Tante Ju stattfand.

Ausschlaggebende Punkte für einen erneuten Abstecher in den Osten der Republik fanden sich einige, allen voran das (abermals) starke Line-up. Geschmackssicherheit wird hier groß geschrieben und neben den beiden genannten Gruppen sowie Love A, die ebenfalls bei bisher jeder Ausgabe spielten, fanden sich einige weitere tolle Gruppen.

Bevor es auf der Hauptbühne mit der ersten Band losging, starteten Schreng Schreng & La La auf ihrer eigenen kleinen Bühne in den Tag. Eselssänger Jörkk Mechenbier lockt die Besucher, die bereits jetzt vor Ort sind, mit Süßigkeiten näher heran, dann legen sie los und es ist, wie eh und je: Starker Akustik-Punk, blödelige Witzeleien von sowie zwischen Jörkk und Lasse – man fühlt sich sofort heimisch und angekommen. Ein kluger Schachzug von den Veranstaltern.

Nun zu den ersten beiden Bands auf der Hauptbühne: Erst die LokalmatadorInnen von Goldner Anker, anschließend direkt Karies. Letztere sollten auch schon mein musikalisches Highlight des Tages darstellen. Ihr Konzert im Hamburger Hafenklang hat mich bereits mit offenem Mund zurückgelassen und auch dieses Mal sollte es nicht minder beeindruckend werden. Starke Sounds, auffällig viele ältere Songs und eine Crowd, die bis hierhin noch recht zurückhaltend agierte, was Karies-Drummer Kevin Kuhn mit seinen typisch spitzfindigen Reaktionen quittierte, die ich wiederum großartig fand.

Nachdem Schreng Schreng & La La nun noch ein weiteres, etwas kürzeres, Set spielten, sollte die Müdigkeit der Meute nun aber endlich mal ein Ende finden. Die beiden Zauberworte: Captain PlanET! Plötzlich waren alle da! Plötzlich schreien sich Band und Crowd die Lyrics der Songs entgegen und es ist einmal mehr eine pure Wonne, das speziell bei den Hamburgern mitzuerleben.

Von nun an sollte es für die Zuschauer (abseits der Umbaupausen natürlich) keine ruhige Minute mehr geben. Love A waren nun an der Reihe. Mehrschichtenarbeiter Jörkk, der laut eigener Aussage im Urlaub ist und deshalb offensiv Badelatschen trug, war also zum dritten Mal gefordert und lieferte abermals ab. Die komplette Gruppe war in bester Spiellaune und das gegenseitige Anschreien ging auch hier weiter.

Nun zu den beiden Headlinern: Zunächst Pascow. Deren Festival-Sommer begann erst am Tag zuvor auf dem Rockaway Beach Open Air und sollte an diesem Abend schon wieder enden. Die Gimbweiler Vorzeige-Punker machten sich über den Sommer hinweg also sehr rar, was man dem Auftritt auch anmerkte. Das ohnehin schon immer großartige Hin und Her zwischen Crowd und Band war hier nochmal sehr deutlich spürbar und zwischen all den Pits und dem generellen Durchdrehen zog es dann auch Frontmann Alex in die Crowd.

Wie sollten Turbostaat diesen Auftritt nun noch toppen? Spoiler-Alert: Sie haben es geschafft. Im eigenen Wohnzimmer lässt es sich am Besten durchdrehen und so ging es auch bei den Flensburgern von der ersten Sekunde an richtig gut ab. Nach den ersten paar Songs kam dann eine entscheidende Ansage von Gitarrist Rollo: Es ging um einen guten Freund, der ihn seit zehn Jahren begleitet. Der Name: „Vormann Leiss“. Vor zehn Jahren wurde das dritte Turbostaat-Album veröffentlicht und das wollte gefeiert werden: Alle Songs der Platte wurden nun von vorne bis hinten gespielt. Etwas, das natürlich gerade in diesem Rahmen auf dem eigenen Open Air wunderbar hineinpasst.

Nachdem Turbostaat dem Ganzen nun also schon ihre eigene Krone aufgesetzt hatten, könnte man meinen, dass es das gewesen sei und man nach Hause gehen könne. War aber nicht so: Indoor ging es nun traditionell noch mit zwei weiteren Gruppen weiter! Zunächst Ratttengold: Jens Rachut, eine der Schlüsselfiguren der Deutschpunk-Szene, spielt seit 2014 unter diesem Namen Songs seiner vorherigen Bands, die richtig gut ankamen, was eigentlich auch auf der Hand lag: Kaum einer der Anwesenden wäre wohl ohne ihn oder zumindest ohne seinen indirekten Einfluss hier gewesen Jörkk hatte sogar Pippi in den Augen und Rollo stieg aufs Füßeküssen um. Nebenbei schossen die Temperaturen im Tante Ju in ungeahnte Höhen. Wer nicht direkt mit im Pit war, konnte es eigentlich kaum noch aushalten.

Glücklicherweise blieben viele der noch anwesenden Leute, um die letzte Band des diesjährigen Angst macht keinen Lärm zu sehen. Decibelles aus Lyon übernahmen diesen Slot und brachten mit ihrer kratzigen Mischung aus Noise-Punk, Indie und Wave noch einmal alle zum Tanzen. Zwischendurch wurde die Performance für die Botschaft einer Feministinnen-Gruppe unterbrochen, die unter anderem für eine höhere Frauenquote auf Veranstaltungen wie dieser warben – etwas, das beim diesjährigen Angst macht keinen Lärm bereits in Angriff genommen wurde.

Das Angst macht keinen Lärm war nach diesem letzten Auftritt offiziell vorbei für dieses Jahr. Im Vorraum legte Turbostaat-Mercher DJ Friese noch einige flotte Platten auf, allerdings war ich dafür nicht mehr zu gebrauchen: Nach über acht Stunden Anfahrt und einem ganzen Open-Air-Tag war ich nun endgültig am Ende meiner Kräfte, zudem standen noch acht weitere Fernbus-Stunden direkt vor mir. Wieder einmal zeigte sich für mich vor allem eines: Egal, wie beschwerlich die Anfahrten jedes Jahr auch sein mögen – das alles ist es immer und immer wieder wert. Ein ebenso heimisches Gefühl habe ich sonst fast nirgendwo und irgendwie kommt man jedes Jahr nach Hause, obwohl dieses Zuhause jedes Mal woanders liegt. Angst macht keinen Lärm, glücklich aber allemal.

Fotogalerie: Angst macht keinen Lärm 2017