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Am vergangenen Wochenende fand ein, für mich sehr besonderes, Open Air statt: Das „Angst macht keinen Lärm” in Leipzig! Das Line-Up war extrem verheißungsvoll, unter anderem mit Turbostaat, Pascow, Love A und Findus – eine solche Dichte an hervorragender Musik konnte ich mir natürlich nicht nehmen lassen und so trat ich den weiten Weg aus dem Pott hin ins beschauliche (und sehr schöne!) Leipzig an.

Der Tag begann wundervoll: 22 bis 23 Grad Celsius, eitel Sonnenschein, nur wenige Wolken. So muss das laufen! Dazu das weitgehend naturbelassene Gelände des Conne Island, welches ein toller Veranstaltungsort für ein Open Air ist. Der Eintritt erfolgte ab kurz vor 14 Uhr mit rund 25 Minuten Verspätung und genau dann fing der Wetterumschwung an – als ob Paulus uns beobachtete und trollen wollte, weil es an diesem Samstag nichts anderes interessantes auf dieser Welt gab.

Starkes Line-Up vom Start hinweg

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Verschallert im VIP-Sitz

Noch vor Hysterese, der ersten Band des Tages, fing der Regenschauer an, auf uns niederzuprasseln – und wie der das tat! Das Wetter war zwischenzeitlich ein richtiges Arschloch, was mich aber trotzdem nicht daran hinderte, mir Hysterese anzuschauen. Die vierköpfige Truppe rund um die beiden Sänger war ein guter Opener mit Punkrock, der ordentlich nach vorne ging, wobei die Menge bis auf einige Wenige noch zu müde (und wohl zu nüchtern) war, um richtig abzugehen – vor der Absperrung machte es sich dann sogar ein ziemlich verschallerter Hip-Hopper auf einem Stuhl bequem – „VIP-Lounge”, oder so. Ebenfalls erwähnenswert: Der Basser hat sich dem Publikum kein einziges Mal zugewandt und der Gitarrist ist abgegangen, wie ein Zäpfchen – beides erlebt man auch nicht alle Tage.

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Direkt danach dann mein erstes Highlight: Findus aus Hamburg! Die fünf Indie-Punker rund um Sänger Lüam waren hervorragend eingestellt und brachten gute Laune mit, die direkt auf die Crowd überschwappte. Frenetisch wurden dann die Songs mitgesungen und vor der Bühne tanzte der Pogo-Gott das erste Mal so richtig exzentrisch! Zudem war das Set stark und immer wieder mit Highlights bestückt, die die Zuschauer in Wallung hielten, keine der Sekunden war langweilig – hervorragend!

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Love A beim Soundcheck

Danach ging es Schlag auf Schlag mit den weiteren Highlights: Zunächst war Love A dran, die ich mir direkt aus der ersten Reihe anschaute. Ich sah das Quartett ja bereits vor drei Wochen beim KAZ-Open Air, allerdings setzten sie dieses Mal noch eine gehörige Schippe obendrauf! Ein so intensiver Auftritt mit einem Sänger, der hauptberuflich genauso Comedian hätte sein können, und einer Crowd, die komplett im Chaos durchdrehte – ich war noch ein gutes Stück beeindruckter, als ich es nach Findus ohnehin schon war. Diese Crowd war großartig und bereicherte das Open-Air-Erlebnis deutlich! Love A sind live eine noch granatenstärkere Truppe, als auf den Alben und das sagt einiges aus! Da war es dann auch egal, dass die Lautstärke ausgerechnet während Love A heruntergedreht werden musste – vermaledeites Ordnungsamt! Wer braucht so etwas? Alleine das Wort „Ordnung” in diesem Begriff – aber gut, ich schweife ab.

Energisch! Mitreißend! Beeindruckend!

Nach einer weiteren Umbau- und Bierpause betraten Pascow die Bühne. Ich sah die Band erstmals beim diesjährigen Deichbrand und war dort bereits sehr angetan von der Energie, die sie versprühen. Das war auch beim „Angst macht keinen Lärm” kein Stück anders. Die pure Energie und der melodische Nach-Vorne-Punk suchen ihresgleichen. Selbst, wenn man ihre Songs nicht mögen sollte – wie sie sich live präsentieren, muss zwangsweise einfach jeden beeindrucken! Kleines Highlight war übrigens auch der Gastauftritt von Love-A-Sänger Jörkk Mechenbier, der „Spraypaint The Walls” mitsang.

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Nun gut: Mehrere extrem gute Bands durften wir bis zu diesem Zeitpunkt bewundern. Bei vielen anderen Open Airs wäre man damit schon sehr zufrieden nach Hause gegangen; nicht so aber an diesem Samstag! Der Headliner des Tages fehlte nämlich noch und das war eine meiner ganz besonderen Herzensbands: Turbostaat! Zum insgesamt sechsten Mal sah ich die Husumer schon live und jedes Mal war es wie Balsam für meine Seele. Ich freute mich also extrem auf die sympathischen Jungs mit der besonderen Fan-Beziehung. Wurde ich enttäuscht? Natürlich nicht!

Die gesamte Menge wurde, ob der tollen Performance, zum Durchdrehen gezwungen! Wer bis hierhin noch den Propfen in seinem Hintern stecken hatte – er wurde gezogen! Und wie! Ein tolles Set mit Songs von alt bis neu, quer durch die riesige Bestenliste ihrer Werke. Ich wusste zwischenzeitlich gar nicht, wie mir geschah, als ich von links nach vorne, in die Mitte und dann wieder nach links gespült wurde – so muss das sein! Wow! Turbostaat sind jedes einzelne Mal ein Erlebnis für sich und das haben sie auch dieses Mal wieder unter Beweis gestellt.

The Aftermath

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Drangsal

Nach Turbostaat war aber lange noch nicht Ende, denn im Indoor-Venue des Conne Island ging es dann weiter mit Drangsal und Schrottgrenze. Beide Bands kannte ich nicht und ich weigerte mich, im Vorfeld in ihre Musik reinzuhören. Ich wollte das Ganze live auf mich wirken lassen und schauen, ob und wie sie den Unwissenden mitzureißen wissen.

In Anbetracht des sonstigen Line-Ups erwartete ich bei beiden Bands generell irgendwas punkiges. Bei Drangsal lag ich damit aber meilenweit daneben, denn plötzlich schallerte mir englischssprachiger, pathetischer New Wave um die Ohren. Das war wahrlich überraschend, aber keinesfalls schlecht, denn ich für meinen Teil habe ja sowieso ein kleines Herz für New Wave. Während der Drangsal-Sound bekannt New-Wave’ig rüberkam, haben sie diesen typischen Sound gut umgesetzt und sie können auch ausgezeichnet mit ihm umgehen. Nach ein paar Songs Aufwärmzeit sah ich mich plötzlich zum Tanzen animiert und das ist ein gutes Zeichen! Sehr rhythmisch, mit gutem Gesang, irgendwie total konträr zum Rest und gerade auch deswegen so herausstechend.

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Der Abschluss: Schrottgrenze

Schrottgrenze überraschten mich zunächst ebenfalls. Irgendwie Indie, irgendwie Pop-punkig kamen die ersten zwei Songs rüber. Dann drehten sie den Motor auf und schalteten den Post-Punk-Gang ein. Variabel sind sie also, was mich im Nachhinein nicht mehr allzu sehr verwundert, denn schließlich gibt es die Band ja nicht erst seit gestern. Meinen persönlichen Geschmack traf es nicht hundertprozentig, aber das bin ja auch nur ich. Die anschließende Afterparty, die ab Mitternacht begann, bekam ich aber nicht mehr mit. Zu sehr schmerzten irgendwann die Füße und am nächsten Tag ging es früh wieder nach Hause – die Vernunft siegte, man wird ja schließlich auch nicht jünger.

Und sonst so?

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Das Conne Island – jedem, der bisher noch nicht da war, würde ich den Besuch der Location zu einem passenden Konzert empfehlen! Die Location ist bildhübsch, die Atmosphäre ebenso willkommend und in einer Antifa-Hochburg fühlt sich meinereiner sowieso pudelwohl. Es ist bunt, ein bisschen heruntergekommen mit Skate-Anlage und Cillout-Arealen – genauso, wie ich es mag! Das Conne Island atmet Punk und Antifaschismus durch und durch, weswegen ich froh darüber bin, dass es solche Orte auch heute noch gibt.

Apropos: Bier, Mexikaner, Steaks, Wurst (auch vegan!) und Salate – alles günstig, alles tip top in Ordnung! Einzig das vermaledeite Becks hätte man gegen ein vernünftiges Bier tauschen können, aber bei den Preisen will ich echt nicht unnötig meckern.

Danke an alle!

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Ich bin am Ende des Tages insgesamt also überaus positiv gestimmt Richtung Bett gestiefelt. Die Bands waren spitze, die Location traumhaft (wenngleich der Regen das Conne Island in ein Schlammbad verwandelte) und das Personal war ebenfalls nett und gut gelaunt. Das „Angst macht keinen Lärm” war für mich in diesem Jahr mit Abstand das beste Eintages-Festival und dafür muss allen Beteiligten – Bands, wie auch Organisatoren, Security und dem gesamten anderen Personal – ordentlich gedankt werden, denn ohne all diese Menschen wäre das so nicht möglich gewesen! Vielen Dank für einen wundervollen Tag! Nächstes Jahr bin ich garantiert wieder dabei – wo auch immer das Open Air dann stattfinden mag.