Fotos: Charles Engelken, noisiv.de

Es war in jenen Tagen im August ’96, den großen Stunden von Post-Grunge und Eurodance. Kanzler war noch Kohl, die Wiedervereinigung nur paar Jahre her. Der „Kalte Krieg“ lag hinter uns, aus politischem Hardcore-Punk wuchs langsam eine poppige Tochter hervor. Pop-Punk. Bands wie Green Day, blink-182 oder The Offspring kennen heute nicht nur 90s-Kids. Auch Anti-Flag waren dabei. Doch bei der Band aus Pittsburgh sollte alles schon immer etwas anders sein.

Mit einem Fuß in der Szene, mit dem anderen auf den größten Bühnen der Welt. Für Fans von Justin Geever und Co. ist der Spagat unlängst zum Teil des Bandphänomens geworden. Einen typischen Radio-Hit hatte die Band bis heute nicht, dafür finden politische Haltung und Förderung solidarischer Projekte auf der Bühne statt. Am Freitag war es mal wieder soweit: Anti-Flag kehrten mit Silverstein in der Fabrik in Hamburg-Altona ein. Mit dabei: die Worriers und Cancer Bats.

Ein kleines Indoor-Festival hatte sich angekündigt. Ideale Ausgangssituation, war es doch das erste kalte Wochenende in Hamburg seit gefühlten 20 Jahren. Das letzte Konzert von Charles und mir lag keine 24 Stunden zurück, satte 300 Kilometer von der Fabrik entfernt. Und doch freute ich mich, erstmals seit langer Zeit wieder in den mehrstöckigen Laden einzukehren. Ein Club, der Räume für sozialbenachteiligte Menschen schafft, sich engagiert und das offen in seinen Räumlichkeiten zur Schau stellt. So muss das.

Die Support-Bands waren mir im Vorfeld nicht bekannt, auch zum Reinhören reichte es leider nicht mehr. Sei‘s drum – war vielleicht auch besser so. Der rohe Eindruck zählt, vielen im Publikum geht‘s wenig anders. Die Worriers aus New York machten den Anfang, legten gegen halb acht los. Ein undankbarer Slot, war der Einlass doch längst nicht durch und ein Ende der Garderobeschlangen noch nicht abzusehen. Sie machten das Beste draus: Lauren Denitzio zog das straffe Set von Song zu Song, setzte Statements gegen veraltete, binäre Geschlechterparadigmen.

Fotogalerie: Worriers

Als die Cancer Bats aus Kanada die Bühne betraten, war die Fabrik bereits ordentlich gefüllt. Auch die Theken konnten sich währenddessen nicht beschweren: zwar machte die Hardcore-Band einen fitten Eindruck, doch gehört hat man das alles schon Mal – im letzten Jahrzehnt. Die Stimme von Frontmann Liam Cormier wirkte dennoch kräftig, teils aber übersteuert, und außer einem „Sabotage“-Cover, blieb von dieser Performance nicht sehr viel im Gedächtnis. Die Cancer Bats machten anschließend Platz für eine weitere Band aus Kanada – Silverstein waren an der Reihe.

Fotogalerie: Cancer Bats

Ich fühlte mich zurückversetzt in das Jahr 2006. Spricht es aus dem Munde desjenigen, der unter Freunden lebte, welche die zweite Platte „Discovering the Waterfront“ stets als musikalische Bibel auf dem Stick ihres MP3-Players mitführten – einen iPod konnte sich keiner leisten. Beeindruckend, wie die Stimme von Shane Told auch heute noch so klingt wie damals. Neben Klassikern wie „My Heroine“ und „Smile In Your Sleep“, spielten Silverstein auch neuere Titel wie „The Afterglow“ und „Whiplash“, welche deutlich zugänglicher daherkommen und Clean-Vocals deutlich mehr Platz bieten. Live definitiv stärker, als auf Platte.

Fotogalerie: Silverstein

Plötzlich ist es 1996 – Anti-Flag beginnen ihr Set mit „Die For Your Government“, einem ihrer größten Titel überhaupt. Die Meute musste sich gar nicht mehr aufwärmen, war von der ersten Sekunde unter Feuer. Der Vorteil von Abenden wie diesen. Einige der Fans stimmten den Kracher aus ihrem gleichnamigen Albumdebüt gar schon vor Konzertbeginn an – loyale Fans, mit der Setlist schon im Blut. Sowas wünscht sich jede Band. Das Crowdsurfing ließ nicht lange auf sich warten, und dennoch ahnte man, dass auf dieser Bühne heute noch soviel mehr geschehen wird.

Alles wurde ausgepackt: „I Came. I Saw. I Believed“, „This Is The End (For You My Friend)“ und natürlich auch „American Attraction“, die letzte Single aus dem 2017er „American Fall“. Auszüge aus dem neuen Akustikalbum „American Reckoning“ sucht man heute vergebens, vermissen tut das in diesem Hexenkessel auch nicht wirklich jemand. Nachdem sich die Menge zu „Underground Network“ aus dem gleichnamigen 2001er Albumdurchbruch weiter anstachelte, baten Justin und Co. Vertreter von Amnesty International auf die Bühne, um auf ihren Infostand in der Fabrik aufzumachen. Auch das Team der Hardcore Help Foundation blieb nicht unerwähnt, das unermüdlich auf dem Konzert nach neuen Supportern suchte.

Anti-Flag beendeten den Abend nicht ohne Zugabe, enterten für vier weitere Songs nochmal die Bühne, dadrunter u.a. Bretter wie „The Press Corpse“. Ein kleiner Festivalabend in der Fabrik ging damit zu Ende, der letztlich nur eine Frage offen lässt: Warum bin ich nicht öfter in diesem schönen Laden?

Fotogalerie: Anti-Flag