„Das hier ist weder Kunst noch Rave – nichtmal in 6.000 Jahren. Wir erzählen euch auch nicht, dass man an Tagen wie diesen vor’m Mails checken die Welt retten könne oder dass Liebe unsere Religion sei. Wir sind die Anderen.“

Mit diesen Worten aus der Aufbau West-Videosingle „& das ist erst der Anfang“ wird die Attitüde schnell klar: Diese vier Typen aus Ostwestfalen geben ganz offensichtlich nicht sonderlich viel auf die hippe, deutsche Musikerlandschaft, die sich aneinander anbiedert und den immergleichen Electro-/Indie-/Hymnen-Pop auf die Charts loslässt. Damit stehen sie erstmal recht allein auf weiter Flur, so verkumpelt und vernetzt wie die deutschsprachige Popszene sich derzeit gibt. Also auf in die Flucht nach Vorn – da ist man doch lieber gleich „Zweitbester“.

715RK7wdjwL._SL1500_Mit ihrem ersten Album versuchen Aufbau West nun also, dem Konsens einen Arschtritt zu verpassen und stellen sich dem Mainstream entgegen. „Digger was könn‘ wir denn dafür?! Habt ihr uns denn nix zu erzähl’n?“ fragt Florian Berres mit Kodderschnauze und gibt im nächsten Song nochmal direkt dem Hipstertrend einen mit: „Seid unsere Opinionleader, tanzt zu The Cure oder Shakira […] und wenn ihr rotzt, ist das Street Art!“

Das Ganze klingt dabei etwas wie Such a Surge auf 2014 übersetzt. Allzu weit hergeholt ist der Crossover-Vergleich nicht, denn während die Songs meist sehr rocklastig instrumentiert sind, wird öfter gerappt als gesungen. Vielleicht doch eher OK Kid mit Rage Against The Machine-Momenten? Auch egal, Aufbau West wollen sich nicht in Schubladen zwängen lassen, sondern sich lieber austoben. So ist neben den Kampfansagen an das Popkultur-Establishment textlich viel Persönliches zu hören. Leadsänger und Songwriter Berres schafft es hier, authentisch zu bleiben und dabei Emotionalität in wunderbaren Bildern einzufangen: „Ich will so große Gegenstände so schmerzhaft zweckentfremden, ihnen mit bloßen Händen meinen Namen eingravieren!“

Der musikalische Freundeskreis von Aufbau West befindet sich, passend zu ihrer Attitüde, eher bei Bands, die Trends und Coolnessfaktoren nicht hinterrennen und es so nie in die Liga der ganz Großen schafften, aber ihr Ding machen und treue Fanbases aufbauen konnten. Bands wie Grossstadtgeflüster und Jennifer Rostock lassen sich im Booklet grüßen. Letztere werden bekanntermaßen angeführt von der Liveshow-Rampensau Jennifer Weist. Und siehe da: „Titten raus!“-Jenny gibt sich auf „Die sicher schlimmste Wahl“ die Ehre und steuert den einzigen Featurepart des Albums bei. „Sag mir bidde, dass wir nie weg gehen!“ wird im Chorus gefleht – und das sind Sätze, die man der Band glaubt, die den Hörer die Emotion mitfühlen lassen. Auch wenn Spackos wie die das nicht wahrhaben wollen.

„Zweitbester“ ist vielleicht nicht an allen Stellen ganz rund – den Kinderchor beispielsweise im gefühlt tausendfach wiederholten Refrain von „Deine Mutter“ hätte man sich schenken können. Aber soll man sowas einer Band vorwerfen, die ganz offensichtlich Ecken und Kanten haben und damit am Popzirkus anecken will? Im Gesamten bringt das Debütalbum eine erfrischende, neue Note in den deutschsprachigen Independent Rock und darf sich gerne mit den angeprangerten Genregrößen messen.

Lohnenswert ist der Kauf allemal – nicht zuletzt für das hübsch gestaltete Digipack mit Goldprägung und Ausstanzung inklusive schickem Poster-Booklet. Erschienen ist das Werk am 21. November über Fleet Union und Richard Mohlmann Records. Kleine Off-Topic-Randnotiz zum Schluss: Auf letzterem Label erschien bereits vor zwei Jahren mit „Applaus“ von Manual Kant ein absolutes Wahnsinnsdebüt. Jetzt aber viel Freude beim Zelebrieren des Zweibester-Seins!

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