Was dem Trendsetter seine Soundcloud, ist dem Nischenhörer sein Bandcamp. Oder so! Beide Streaming-Plattformen bestechen durch ihre ungezwungene Herangehensweise, dass Bands und Künstler_innen ihre Musik ohne Vertrieb und sonstige Gatekeeper einfach in die Welt posaunen können, wann immer es ihnen passt. Bei Bandcamp fühlte ich mich durch den Fokus auf Alben immer etwas mehr zu Hause und besuche die Seite stets sehr gerne.

Kurz vor Weihnachten 2016 saß ich allein vor meinem Rechner und durchsuchte aus einer Laune heraus den Bandcamp-Tag „bubblegum“. Heraus kam kurz vor Schluss meine Neuentdeckung des Jahres, der verrückte Tscheche Lazer Viking, zu dem ich hier eine Rezension verfasste. Seither frequentiere ich immer wieder mal gerne die Neuerscheinungen bestimmter Tags, wie sie chronologisch und ungefiltert gerade in die Welt geblasen werden. Neben viel Quatsch stößt man hier nicht selten auf echte Perlen, sodass ich manches abends regelrecht vor Bandcamp versacke.

Ein Glück, dass mir für solcherlei Tätigkeiten noisiv.de als Katalysator dienen kann und ich von nun an allen, die gern neue Musik entdecken, aber kein Interesse an ewiger Recherche haben, eine Hand voll Fünde kuratieren und vorstellen möchte. So regelmäßig, wie es mir Zeit und Lust erlauben. Heute war ich für Volume 1 unseres Bandcamp Mixtapes vorwiegend auf den Tags „garage“ und „power-pop“ unterwegs.


Projector aus dem britischen Brighton sehen furchtbar cool und sympathisch aus, haben auch schon eine ausgereifte Produktion und das Label Roadkill Records im Rücken, das ihre ersten beiden Songs gleich mal auf Kassette gepresst hat. Mit Recht – „Break Your Own Heart“ transportiert Grunge in die Neuzeit. Female fronted und vielversprechend.

Negative Space aus London nannten Ende letzten Jahres ihr Album „Gestalt“, das hat doch was. Mit „Physical Form“ übersetzen sie sich das deutsche Wort nochmal selbst, eines der unaufgeregteren Stücke der Platte. Ihre gnadenlose Liebe zur Gitarre geht dennoch nicht verloren – auf diesen No-Wave-artigen Stücken macht die Band sehr viel Spaß. Wer noch mehr Punk braucht, hört den Rest.

Der hier hat sogar schon ein Musikvideo und bringt zur Zeit erste Singles seiner zweiten Platte heraus: Michael Rault kommt aus Toronto und spielt psychedelischen Pop, der aus allen anderen Zeiten als der heutigen stammen könnte und gerade deshalb in genau diese gehört. Lovely.

The Loud Residents kommen aus Málaga und können auch gar nicht so gut englisch singen, aber der Text, den sie für „Still Friends“ geschrieben haben (und der glücklicherweise auch auf Bandcamp steht), ist so tröstend und ehrlich, dass man diese fünf Spanier dafür nur lieben kann! Hatten auch vor drei Jahren schon ein ganz gutes Lied über Geschlechtsverkehr. Wobei es hier dann wirklich eher musikalisch anspricht.

Über Cosmo Colorado erfährt man nicht mehr als die Ortsangabe Germany und die Bandbeschreibung 1 boy. Er hat gerade eine kurze 3-Track-EP namens „Keller“ mit witzigem Cover veröffentlicht und drückt sich in schönen Noise-Arrangements aus Gitarre und Computer aus, die mal Richtung Surf, mal Richtung Darkwave tendieren. Damit soll er bitte gerne weitermachen!

Hui, drei Berliner in bunten Pullis, einer davon mit Mumins-Print, und dann dieses Cover und dieser Albumtitel, wie ihn auch eine Band bei Sarah Records hätte wählen können! „Anyone Can Draw“ hat tatsächlich manchmal mit diesem niedlichen Gitarrenpop zu tun, meistens sind Adventure Team aber doch etwas lauter. Letzten Freitag haben sie die Platte erst veröffentlicht, als Kassette beim holländischen Label Geertruida. Das heißt tatsächlich Gertrude, und Labels, die nach weiblichen Vornamen benannt werden, versprechen – wie mein obiger Vergleich beweisen sollte – oft Gutes. Sollte man sich mal weiter reinhören.

„UK Surf“ heißt der stärkste Song aus dem Demo von doused, die Band kommt jedoch aus dem US-amerikanischen Philadelphia und hat auch wenig Surf-Attitude, spielt vielmehr verträumt dröhnenden Shoegaze, den sie in ihren selbstgewählten Tags aber lieber „shitgaze“ nennen. Ich nenne das Understatement.

Lo-Fi-Bedroom-Dreampopper gibt es unzählige auf Bandcamp, meist sind es Soloprojekte. Im Falle von Family Volleyball aus – schon wieder! – Philadelphia haben wir es allerdings mit vier blutjung aussehenden Typen zu tun, die den Sound gemeinsam sehr gekonnt umsetzen und mal janglend den Sommer herbeisehnen, mal – wie bei „Pale“ – nach winterlicher Behaglichkeit klingen.

Zuletzt nehmen wir noch einmal Fahrt auf, Closet Goth aus Phoenix stehen kurz vor Release ihrer Debüt-LP und erinnern mich von Look und Attitüde an Crywank, sind aber lauter. „Why is no one laughing at my jokes“ fragen sie sich und ärgern sich an anderer Stelle über Menschen, deren Wortschatz nur aus banger, squad und lit besteht. Die Tracklist der noch nicht veröffentlichten Stücke verspricht ein ähnlich sympathisches Album.


Ich hoffe, der eine oder andere konnte an meiner Goldgräberei Freude und neue Höranreize finden. Ich freue mich über eure Kommentare zu den heutigen Ausgrabungen oder eure ganz eigenen Schätze! Volume 2 des Bandcamp Mixtapes kommt bestimmt.