Schöne Weihnachten zusammen! Schon über ein halbes Jahr her, dass ich mir zuletzt die Zeit nahm, einen längeren Blick in die Tiefen von Bandcamp zu werfen. Aber Weihnachten ist die ja die Zeit, in der man Zeit hat. Und die nehme ich mir, um Einblicke in ein unweihnachtlich-soziophobes Genre, nämlich Coldwave und Co., zu erhalten. Das „und Co.“ umfasst in diesem Fall so tolle Bandcamp-Tags wie „witchwave“ und „dreampunk“ – unwiderstehliche Genrebegriffe für mich! Obgleich ich in jenen Gefilden bisher eher fachfremd bin, im vergangenen Jahr aber der neue Release von unhappybirthday meine Aufmerksamkeit in diese Richtung zu lenken wusste. Höchste Zeit, alle Genreklassiker zu überspringen und den Untergrund der Szene abzugrasen!

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Als „Neue Deutsche Welle instrumentals for weirdos‘ dancefloor“ bezeichnet die Gruppe Parole e Azioni ihre auf dem Berliner Kassettenlabel Detriti Records erschienene Instrumental-EP. Diesem Dancefloor würde ich definitiv einen Besuch abstatten, so gelungen und getrieben wie dieser tanzwütige NDW-EBM-Hybrid klingt!

Die zwei Sankt-Petersburgerinnen von Ритуальные услуги (Google übersetzt mit „Rituale“) kombinieren ihre kühlen Industrial-Drums mit Post-Punk-Bässen und Indie-Gesangsmelodien, deren russischen Inhalt ich zwar nicht verstehen kann, klingen tut’s aber top und die Riot-Girl-Attitude, die das Cover verspricht, hält der krachige Sound ein.

Näher an dem, was ich mir unter Coldwave tendenziell vorstelle, sind Boy Harsher aus Massachusetts mit ihren zwei vorab releasten Songs der im Februar erscheinenden, zweiten Platte „Careful“. Das Duo weiß mit eingängig-stakkatischen Synthie-Melodiefolgen und etwas robert-smithigem Gesang zu überzeugen. Meinem Blogmitstreiter Babak gefällt das schon bei Facebook. Mir jetzt auch.

Eher auf die Gitarren setzen die Actors aus Vancouver ihren Fokus, doch auch hier meine ich immer wieder den Einfluss von The Cure herauszuhören. Schön theatralisch!

À propos Theater: Wer mit so einer schmachtig-tiefen, tiefbetrübten Stimme (vgl. Daughn Gibson) hausieren geht wie der Typ von Black Marble, wird immer Zuflucht in meinem Herzen finden! Zurecht erschien im Oktober das zweite Album „It’s Immaterial“ beim ehrwürdigen Label Hardly Art.

Vor einer Weile erfuhr ich, dass man in der mir fremden elektronischen Musikszene neben Minimal auch vom Genre Maximal spricht. Carpenter Brut aus Frankreich sind sicherlich nicht das, was man darunter eigentlich versteht, klingen aber wie der Einfach-alles-zusammengekippt-Cocktail nach einer Goth-Party unter Palmen. Synthetisch, instrumental, übersteuert und einfach nur übertrieben ist ihre „Trilogy“ geraten, und das ist auch gut so.

Wir bleiben im frankophonen Raum, gehen aber über fünfzig (!) Jahre zurück nach 1967, als die einzige Single von Adam’s Recital als Jukebox-Promo in Belgien erschien, jüngst von Cameleon Records wiederveröffentlicht. Wer die „Back from the Grave„-Sampler von Crypt Records, die sich mit der damaligen Garage-Szene befassen, kennt, weiß um das Punk-before-Punk-Gefühl, das die Bands der 60’s heraufzubeschwören wussten. So geht es mir auch hiermit, passt zwar nicht recht in die Reihe dieses Artikels, weiß aber zu überzeugen – besonders mit dem deutlich hörbaren Akzent!

Mein Top-Fund des Tages sind die texanischen Rosegarden Funeral Party mit ihrer EP „The Chopping Block“, bei der mir kein besserer Kommentar als der eines Bandcamp-Supporters einfallen mag: „I wonder what it would have sounded like if Joan Jett fronted The Smiths?” What’s even better, is RFP Vocalist / Guitarist Leah Lane is only fuggin 19!? The future is bright.“

Zuletzt habe ich mir noch ein Genre ausgedacht und kurz gehofft, dass noch niemand darauf gekommen ist, aber doch, Subterranea und ein paar andere taggen ihre Musik mit „grave wave“. Und übrigens auch mit „dungeon synth“! Die Kanadier klingen düster, dröhnend, experimentell, sakral, bedrohlich und vor allem: Immer wieder anders. Nur nie nach einem Heiligabend-Soundtrack.


So, hab‘ ich euch die Weihnachtsstimmung verhageln können? Ich freue mich auf Feedback, wünsch‘ euch eine gute Zeit und hoffe auf eine baldige Rückkehr mit dem nächsten Bandcamp Mixtape!