Rich Meyer und Johnny Stevens von Highly Suspect im Molotow. (Fotos: Charles Engelken)

Mittwoch, 1. März. Tatort: Das Molotow auf der Hamburger Reeperbahn. Wer an diesem Abend mit gültigem Ticket vor dem Eingang des mehrstöckigen Indieclubs stand, hatte gleich doppelten Anlass zur Freude: für nicht einmal zwanzig Tacken sollten zwei großartige Konzerte und ein DJ-Set drin sein. Eine Nacht, die trotz allem mit Missverständnissen beginnen sollte.

Offenbar kam es vor dem Konzert der mehrfach Grammy-nominierten US-Band zur Verwechslung, aus einem Support-Gig wurden plötzlich zwei. Die Fans konnten sich zwischen dem gewaltigen Auftritt von FEWS, einer Post-Rock-Formation aus Stockholm, sowie einem trapversetzten Hip-Hop-Set vom Highly Suspect-Tour-DJ entscheiden.

FEWS: Support von einem anderen Stern

FEWS, ursprünglich mit eigenem Konzert angekündigt, wurden kurzfristig zur Support-Band von Highly Suspect degradiert, dessen Auftritt vom Kleinen Donner in den Molotow Club verschoben wurde. Die Schweden spielten ein starkes Set in der SkyBar des Kiezclubs, mischten ihrem Post-Rock ein paar starke Desert-Einflüsse und Punk-Experimente bei. Einige Stücke sollen gar erst nur Tage vor dem Gig entstanden sein.

Der Anfang war gelungen: gegen halb zehn sollte es in den Molotow Club hinuntergehen, wo bereits ein voller Laden gespannt auf das Trio wartete. Eine eigenartige Spannung, setzte der Tour-DJ von Highly Suspect dem Publikum doch erstmal Basssalven aktueller Trap-Hits von Travis Scott und Co. entgegen. Don’t get me wrong: I love hip-hop. Gerade aber an einem Abend wie diesem, tat sich das Set aüßerst schwer daran, neue Freunde im überfüllten Molotow zu finden.

Highly Suspect und zwei Stunden pure Liebe

Ehe Frontmann und Gitarrist Johnny Stevens die ersten Töne zum Real Life-Cover „Send Me An Angel“ anschlug, begnügnete man sich als Zuschauer mit wenigen Zentimetern Beinfreiheit, einer anstehenden Bierdürre und dem leckeren Schweiß der Nachbarn. Liebe deinen Nächsten war angesagt. Eine Philosophie, die sich auch beim Merchstand bemerkbar machte: nicht mehr als 10 Euro wollte man dort für ein Shirt des Trios haben. Allerdings waren Medium und Small auch nicht mehr verfügbar.

Das Konzert begann Johnny Stevens nach eigener Aussage angeschlagen: gekleidet mit Cap und einer übergezogenen Kaputzenjacke enterte Stevens die Bühne, vom Gesicht war erst einmal nur wenig zu sehen. Der Gig am Vorabend in Berlin sei ziemlich groß gewesen, Deutschland schon jetzt ein aufregender Tourstopp. Am Ende des Abends sollte von einem kranken Johnny Stevens allerdings nichts mehr viel übrig sein.

Highly Suspect drehten im Molotow auf, ließen keine Erwartungen links liegen: Dem hervorragenden „Serotonia“ wurde ein zentraler Spot auf der Setlist zugesprochen, das Grammy-nominierte „My Name Is Human“ oder auch „Mom“ aus der Vorgängerplatte „Mister Asylum“ durften etwas später dran. Das Publikum wurde zu keiner Zeit vergessen, auch machte es sich Johnny Stevens mitsamt Gitarre direkt im Moshpit gemütlich.

Trotz relativer Platzknappheit ließ das Publikum seine Dankbarkeit nicht vermissen. Auch als Bassist Rich Meyer mit zwei Soloballaden (u.a. „Winston“) zu einer kleinen Verschnaufpause einlud, dachte die Menge gar nicht dran den sympathischen Musiker dabei zu stören. Man genoß die Ruhe zwischen den Stürmen, ein zwischenzeitliches Blues-Gitarrensolo von unglaublichen zehn Minuten, sprach Bände.

Rock? Ist noch lange nicht tot: Highly Suspect und „The Boy Who Died Wolf“!

Als sich dieses Trio unter den diesjährigen Nominees der 59. Grammy-Verleihung zusammenfand, war bei mir das Erstaunen erstmal groß. Wer ist diese Band, die sich... Weiterlesen →

Das Trio um Highly Suspect legte nach fast zwei Stunden und mehreren Spontanzugaben, eines der größten Gigs hin die das Molotow am Nobistor bislang gesehen hat. Kein Zweifel, dass diese Band schon bald große Hallen vollmachen und Festivalbooker glücklich machen wird. Ihr Sound, so vielseitig er auch ist, findet bei jüngeren, wie auch älteren Fans so viel Zuspruch, wie man es zuletzt nur bei den großen Bands des Planeten erlebt hat. Ein Konzertbesuch ist dieser Tage pflicht.

„The Boy Who Died Wolf“ ist am 18. November via 300 Entertainment erschienen.

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