Foto: David Koenigsmann

Foto: David Koenigsmann

Ich weiß noch, wie in meiner Hip-Hop-geprägten Jugend – es muss so 2007, 2008 gewesen sein – ein damaliger Freund eine MySpace-Nachricht an Jan Delay schickte mit der Frage, wann denn endlich ein neues Beginner-Album erscheinen würde. Tatsächlich antwortete Jan, der damals immerhin schon mit „Mercedes Dance“ zum genreübergreifend beliebten Solokünstler geworden war: In etwa einem Jahr solle das Ding draußen sein! Da hat sich wohl jemand leicht verschätzt, aber was soll’s: Fast ein Jahrzehnt nach dieser Erinnerung kommt nun am Freitag endlich „Advanced Chemistry“ auf den Markt, das vierte Album der (ehemals Absoluten) Beginner. Mit Fug und Recht lässt sich wohl behaupten, das ein sehr großer Teil der deutschen Rap-Hörer seit dem 2003er-Vorgänger „Blast Action Heroes“ auf genau diesen Tag gewartet hat.

Wie soll es eine Platte, die so lange so viele auf sich warten ließ und mit der Zeit entsprechende Erwartungshaltungen schürte, nun schaffen, auch einem möglichst großen Teil das zu geben, was er sich vorgestellt hat? Die Vorabsingle „Ahnma“ spaltete die Masse ja bereits: Viele waren begeistert von dem frischen Sound und der Ansagen-Attitüde des Tracks, nicht minder viele wollten sich hingegen mit dem Gzuz-Feature nicht anfreunden und weinten den „Bambule“-Zeiten hinterher. Jenen wird dann die zweite Auskopplung „Es war einmal“ vielleicht besser gefallen haben in ihrem klassischeren Beginner-Stil.

Hört man sich nun durch das gesamte Album, muss zunächst mal festgestellt werden: Keine der beiden Seiten bekommt wirklich das, was sie sich wünscht. „Advanced Chemistry“ ist alles andere als ein zweites „Bambule“, derweil aber auch keine 180°-Drehung der Beginner-typischen Song-Ästhetik. Aber nun mal der Reihe nach: Einer scheint schonmal von sich und seiner Crew überzeugt zu sein, nämlich Eizi Eiz, der den ersten neuen Song „Meine Posse“ so eröffnet:

„Ich komme rein, sage Boom-Tschackalacka! Macht ma‘ Lärm für den coolen Motherfucker! […] Es geht Boom-Tschack-Rattattattat, bin das Kind von Mama Platzda und Papa Lapapp!“

Lautmalerisch und mit ordentlich Selbstdarstellung geht’s also los bei den Hamburger Füchsen, zu denen sich passenderweise auch Samy Deluxe gesellt und zum „vierten Beginner“ ernennt. Auf ähnliche Art und Weise funktionieren hier auch „Rap & fette Bässe“, das mit massig Ohrwurmpotential daherkommt, und „Thomas Anders“, auf dem sich Megaloh die Ehre gibt.

Während Tracks wie diese zwar überzeugen, aber nicht unbedingt in Text oder Beat übermäßig interessant sind, wird es bei „Schelle“ schon deutlich spannender: Zunächst versetzt einen das Reggae-Instrumental in „Searching for the Jan Soul Rebels“-Zeiten zurück, kurz danach grätscht Denyo allerdings mit einer knarzigen Ladung Bass rein und macht „Urlaub im Club“, wo er sich bereits auf seiner letzten Solo-LP „Derbe“ heimisch fühlte. Beginner-AdvancedChemistryEin gelungener Mash-Up, der gerade auch live funktioniert – unter anderem beim Deichbrand Festival konnte man sich davon bereits überzeugen.

Denyo bringt auf „Advanced Chemistry“ nicht nur seinen neuen Sound unter, sondern hat ganz offensichtlich auch einen Narren an einer ganz eigenen Form von Wortspielereien gefressen: Wenn er „Wiener Krawallzer“ tanzt, sich dabei an „Molotow-Cocktailkleidern“ erfreut und dafür Bestnoten bei „Brandstiftung Warentest“ absahnt, fällt das schon auf. In vielen Fällen funktionieren seine Strophen damit allerdings auch besser als die seines Kompagnons Jan, der sich vielleicht ein paar Mal zu oft abfeiert, dafür aber nicht immer die richtigen Lines findet, um den Hörer auch wirklich von jenen Aussagen überzeugen zu können. Stattdessen bringt er aber seine Partytrack-Connaissance ein – jahrelange Disco-No.-1-Erfahrung lässt grüßen -, klar hörbar zum Beispiel auf „Rambo No. 5“, das wie eine gelungene Mischung aus seinem Soloschaffen, Deichkind und Seeed klingt. Mit dessen Chorus treffen sie voll ins Schwarze und brauchen dafür nicht mehr als zwei Zeilen:

„Wir sind im Haus, ihr seid daheim! Wir gehen aus und ihr geht ein!“

Neben all dieser Feierstimmung wird zwischendurch in „Kater“ auch die Schattenseite aufgezeigt, die sie mit sich bringt. Songs über verkaterte Tage gibt es zwar schon genügend und auch Zeilen wie „So voll wie ich war, so leer bin ich jetzt“ sind nicht die Neuerfindung des Rades, dennoch ist das Stück gelungen und bietet im Albumkonstrukt Abwechslung und Ruhepol.

Deutlich zu beobachten ist, wie sehr die Beginner ihre Gästeauswahl auf die Songkonzepte zugeschnitten haben. Jeder bewegt sich hier auf dem Gebiet, das ihm am Besten liegt: „Macha Macha“ mit dem starken Haftbefehl-Feature könnte genau so gut aus einer Soloplatte des Offenbachers stammen, auch Gzuz kriegt bei „Ahnma“ die aus seinem Straßenrap bekannte, düstere Beat-Atmosphäre, während der alte Weggefährte Dendemann sich an einem konkreten Thema austoben darf, wie er es aktuell Woche für Woche in Jan Böhmermanns Neo Magazin Royale tut. Auf „So schön“ philosophieren sich Dende, Denyo und Eizi eine Hommage an die verschiedensten Frauenbilder zusammen, kommen dabei aber zu wenig über Oberflächlichkeiten hinaus und liefern so den schwächsten Track der Platte ab. Schade, denn gerade auf den außerhalb seines TV-Engagements derzeit so veröffentlichungsscheuen Eins Zwo-MC hatte man sich sehr gefreut!

Damit kommen wir auch wieder beim Ursprungsproblem an: „Advanced Chemistry“ hat unter enormem Druck zu leiden, ausgehend von den verschiedenen Vorstellungen, die sich jeder vorab selbst für diesen Release zurechtgelegt hatte. So lässt es sich gar nicht vermeiden, dass sich auch jeder an den unterschiedlichsten Ecken dieser LP stoßen wird. Die beste Antwort darauf gibt die Hook von „Thomas Anders“:

„Und ich sag‘ Sorry Baby, dass ich anders bin! […] Und entspricht das nicht deinen Wünschen, dann nimm das Telefon und wähl‘ die 0815!“

Die neue Beginner-Platte kann es nicht allen recht machen. Wie könnte sie auch, so vielschichtig, wie ihr Publikum ist? Die Lösung muss beim Hörer selbst liegen: Abstand von den eigenen Erwartungen nehmen, „Advanced Chemistry“ ganz unvoreingenommen einige Male durchhören und feststellen, dass es ein wirklich schönes Rap-Album geworden ist, auf dem die Band ihre früheren und neuen Stärken wunderbar miteinander vereint. Die Platte macht Spaß, wird live noch mehr Spaß machen und wir alle dürfen froh sein, dass sie nach so vielen Jahren endlich erschienen ist. Die Beginner sind back around the Eck. Finally.

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