Fotos: Charles Engelken, noisiv.de

Die Fans haben Erinnerungen mit dabei. Der erste Kuss, der erste Liebeskummer, die erste Platte. Sie schweben in den Köpfen der nahezu 3.500 Berliner Zuschauer, welche sich in Scharen vom nahgelegenen Bhf. Platz der Luftbrücke in Richtung Columbiahalle bewegen. Einige summen Songs vor sich her: „Like Eating Glass“, „Banquet“ oder „Price of Gas“. Die Titel haben inzwischen dreizehn Jahre auf dem Buckel, einige davon fanden sich seither nur selten auf Setlisten wieder. Bis jetzt: Bloc Party touren ihr fantastisches Albumdebüt „Silent Alarm“ erstmals in voller Länge.

Eine einmalige Gelegenheit

Sind wir nicht ein Hamburger Blog? Nun. Viele Künstler sind uns keine Reise wert, die meisten Konzerte schon gar nicht. Bei dieser Konstallation ist das anders: Die britische Band um Frontmann und Gitarrist Kele Okereke, kündigte im Frühjahr an, ihren 2005er-Durchbruch wieder auf europäische Bühnen zu bringen. Ein Glück, dass deutschlandweit nur den Berlinern vergönnt war. Das konnten wir so nicht stehen lassen. „Silent Alarm“ hat uns sozialisiert, ist Teil unserer Geschichte geworden und hat endlos viele Bands inspiriert, über die wir heute Zeilen auf dem Blog verlieren. Diese Gelegenheit konnten wir uns nicht nehmen lassen.

Fotogalerie: Middle Kids

Sowas haben wir noch nicht gesehen

Bevor die ersten Töne eines der prägendsten Indie-Rock-Platten des letzten Jahrzehnts erklingen sollten, spielten die Middle Kids aus Sydney ein solides Support-Set herunter. Die Indie-Band wusste zu überraschen: Die Bühnenshow machte im Vergleich zu üblichen Support-Standarts einen stattlichen Eindruck, und Frontfrau und Gitarristin Hannah Joy spielte obendrein noch spiegelverkehrt auf einer linkshändler Gitarre. This is a first. Die Stücke sind catchy und eigneten sich gerade noch, um als künftiger Indie-Geheimtipp durchzugehen. Anspieltipps: „Edge of Town“ und „Salt Eyes“.

„Silent Alarm“-Live – mit einem Twist

Während sich die Bands auf der Bühne abwechselten, warf ich einen Blick auf die Columbiahalle. Ein starker Sound, ein schicker Logenbereich und Ausschank an jeder Ecke. Warten kann schlimmer sein. Trotzdem donnerten mir im Vorfeld Fragen: Wie wird „Silent Alarm“ im Jahr 2018 klingen, wie die Neubesetzung um Drummerin Louise Bartle und Bassist Justin Harris? Die Antwort ist erstaunlich einfach, wie auch überraschend: Schlichtweg Großartig.

Die Verwirrung war eingangs groß – so eröffnete das emotionale Nostalgiefeuerwerk „Like Eating Glass“ nicht den Abend, wie weitestgehend angenommen. Bloc Party starteten mit „Compliments“ und setzten den Trend aus den vorherigen „Silent Alarm“-Konzerten fort, das Album konsequent rückwärts zu spielen. Ein sinnvoller Schachzug, finden sich die großen Fan-Favorites wie „Helicopter“ oder „Banquet“ doch relativ zum Beginn der Platte ein.

Präziser Spaß auf 60 Minuten

Der Band aus London war der Spaß bei jedem Titel anzusehen, selbst beim schwerst-melancholischen „So Here We Are“ konnte sich Kele Okereke kein Lächeln verkneifen. Dabei gab‘s ein straffes Programm auf Ohren und Augen: die Performance bewegte sich nah an der einstündigen Albumlänge, auf Experimente und ausschweifende Soli wurde verzichtet. Auch die LEDs der Lichtshow schienen haargenau auf Song und Einsatz abgestimmt. Und trotzdem, ist aus dem „stillen Alarm“ an diesem Abend ein lauter geworden.

Alles gar nicht so selbstverständlich. Noch zum letzten Album „HYMNS“, bespielten Bloc Party das SchwuZ in Berlin vor weniger als einem Drittel des jetzigen Publikums, auch die Ticketpreise fielen geringer aus. Die Entscheidung, mit dem altbewährten Debüt nochmal durch Stadt und Land zu ziehen, kann unter diesen Aussichten als kritisch, aber nachvollziehbar gewertet werden. Insbesondere, weil alleine die Hälfte der damaligen Besetzung kein Teil der „Silent Alarm“-Tour ist – und offenbar weder einen Gastauftritt, noch einen Shoutout wert ist.

Die Uhr wurde weiter zurückgedreht

„Like Eating Glass“ wurde zum krönenden Abschluss des Haupt-Sets, sollte die oberkörperfreie Meute in der Columbiahalle jedoch nicht zum letzten Mal in die Moshpits ziehen. In Form zwei weiterer Zugaben folgten in bunter Mischung jeweils Titel aus dem aktuellen Album „HYMNS“ und modernere Bloc Party-Gassenhauer wie „The Prayer“ und „Flux“.

Hardcore-Fans durften sich zudem über „The Marshals Are Dead“, „Tulips“ und „Little Thoughts“ freuen – Titel, die ein Jahr vor dem Albumdebüt auf den ersten EP’s der Band gelandet sind. Für Abende wie diese fährt man gerne in die Haupstadt.

Fotogalerie: Bloc Party