Foto: Robert Winter

Foto: Robert Winter

Mittwoch, der 30. September 2015: Vielleicht zum letzten Mal in diesem Jahr gibt die Sonne Hamburg nochmal Pfötchen und so treffe ich den Kölner MC Veedel Kaztro draußen neben dem Haus73 im Hamburger Schanzenviertel, überhalb des Kleinen Donners, wo er wenige Stunden später mit Gold Roger und Johnny Rakete auftreten wird. Schon im Frühjahr berichtete ich über den ersten Gig der selben Tourcrew in ebenjener Location, später spielten die Jungs auf dem Hamburger Spektrum Festival. Nun hatten sie abermals auf keinen Fall die Absicht, auf Tour zu gehen und ich freue mich, in diesem Rahmen für euch ein Gespräch mit Veedel Kaztro über seine aktuellen Releases, seine Einflüsse und Mitstreiter geführt zu haben!


Ihr seid heute bereits zum dritten Mal dieses Jahr in gleicher Besetzung in Hamburg. Gab es denn zwischen den bisherigen Gigs größere Unterschiede? Worin unterscheiden sich Club- und Festivalshows für dich?

Der zweite Gig war ja eine Soloshow von mir, Densen und ich haben vor der gemeinsamen Show von Gold Roger und Johnny Rakete gespielt. An Festivalshows finde ich auf jeden Fall nice, dass man eine große Bühne hat und sich viel bewegen kann. Die beiden Auftritte hatten gemeinsam, dass die Hamburger uns gefühlt mehr feiern als andere Städte, es gibt hier eine größere Fanbase, was mich wirklich etwas stolz macht.

Wie wird der Gig heute Abend denn aussehen?

Wir alle haben mittlerweile neue Alben oder EPs rausgebracht und werden dementsprechend viel neues Material spielen. Ich würde gern sogar noch mehr neue Sachen unterbringen, aber mittlerweile gibt es einfach zu viel, um alles zu spielen. Wir haben deshalb jetzt ein bisschen Medley-Shit gemacht, es gibt auch ein paar Klassiker, die auf jeden Fall dabei sein müssen.

Man könnte sagen, dass du in eurer Tourcrew der erfahrenste MC bist, zumindest der mit den meisten Veröffentlichungen. Wirkt sich das auf euer Verhältnis irgendwie aus?

Ich habe zwar glaube ich die meisten Tracks und auch Auftritte hinter mir, aber eigentlich sind wir live alle dope. Zumindest würde ich mir zuschreiben, dass ich ganz gute Ansagen mache und mich viel bewege – durchdrehen muss sein! Da bin ich auch von anderen Genres beeinflusst, von Bands wie At The Drive-In – die sind wirklich eine Instanz, wie sie live immer durchgedreht sind!

Wenn wir schon von deinen Einflüssen sprechen: Du beziehst dich ja auch häufiger auf deutsche Musik außerhalb von Rap, zum Beispiel Tocotronic, Die Ärzte und wenn ich das richtig gedeutet habe auch But Alive…

…ja, genau! Bei „Für uns nicht” und „Vergiss den Quatsch”. Ich würde But Alive wirklich als prägendste deutsche Band für mich nennen, die habe ich schon ganz früh rauf- und runtergehört.

Von dort kommt man ja auch schnell zu Kettcar und damit zur deutschen Indieszene generell. Ist das auch noch interessant für dich?

Ich hatte 2008 meine Indie-Phase und finde Kettcar auch gut, aber habe mir nie ein ganzes Album angehört. Es ist und bleibt aber Marcus Wiebusch, und der ist einfach ein großer Held für mich. Ich habe mir sogar ein Motiv von Eric Drooker, der die Cover gemacht hat, tättowieren lassen!

Lass uns über deine Releases sprechen. Die „Fussball EP” und „Fenster zur Straße” unterscheiden sich ja sehr voneinander: Punchlines auf modernen Beats gegenüber ernsten Tracks auf Boom Bap. Für welchen Stil steht Veedel Kaztro denn mehr?

Wenn ich mich entscheiden müsste, dann auf jeden Fall die ernsten Sachen. Es war beim neuen Album eine bewusste Entscheidung, auf Humor größtenteils zu verzichten und es so zusammenhängend zu machen. Im Idealfall ist es aber eine Kombi aus Beidem, wie es schon bei der Büdchen LP war. Ich mag eben auch Musik, die man gut nebenbei in der Runde hören kann, deswegen werde ich auch weiterhin nicht nur schwere Kost machen.

Fenster zur Straße erscheint ja ganz offiziell als Release von Veedel Kaztro und Mels. Das erste Büdchen Tape hast du allerdings auch schon mit ihm gemeinsam gemacht – wie kam es zu der Entscheidung, ihn jetzt konkret auf dem Cover nennen?

Der Unterschied war, dass wir beim Büdchen Tape hauptsächlich Fremdbeats genutzt haben, ein klassisches Mixtape also. Beim neuen Album hat Mels bis auf die ersten vier alle Beats gemacht und es war mir wichtig, zu betonen, dass wir ein Team sind. Den ganzen Produktionsprozess und die Ideenfindung sind wir zusammen durchlaufen. Natürlich möchte ich Mels damit auch gerne pushen und ihm Aufmerksamkeit geben!

Wo wir schon bei Kollaborationen sind, du hast ja schon einiges mit der Antilopen Gang gemacht, die zumindest früher viel in der – wenn man das so nennen will – Zeckenrap-Szene aktiv waren. Siehst du dich nach den Ansagen auf Fenster zur Straße als Teil so einer Szene?

Live ist es tatsächlich mehr geworden, dass ich klare Statements abgebe und auch auf dem Intro der B-Seite gibt es ja die „Man kann nicht immer nur Scheiße labern”-Ansage. Aber mich da komplett einzuordnen, wäre denke ich nicht passend. Ich finde es schon wichtig, kritisch zu sein und wenn man eine gewisse Aufmerksamkeit hat, sie für etwas vernünftiges zu nutzen. Ich finde das alles sympathisch, aber darauf beschränken will ich mich nicht.

Deine andere, große Connection ist die Sektor West Büdchen Gang. Wie kam die eigentlich zustande? Seid ihr schon immer Kumpels, oder ist das nur über Rap entstanden?

Die Sektor West Büdchen Gang ist ein Joint Venture der Büdchen Gang und Sektor West. Die Büdchen Gang war immer meine Crew mit Young Paul, Young Clemens, Mels und DJ Densen, die ich schon lange kenne. Von der Sektor West-Seite sind dann Ammo, Sparky, Ehmozi und so weiter dazugekommen. In Köln hört man schnell voneinander, wenn man Musik macht. Jetzt machen wir gemeinsame Sache und pushen uns gegenseitig, in erster Linie sind das aber meine Freunde – zufälligerweise machen wir halt alle Mucke.

Wen von der Gang sollten wir denn in naher Zukunft im Auge behalten?

Gerade gibt es ganz gut Output – Young Pauls EP ist gerade rausgekommen, Jaes bringt im Oktober die „Der Tag an dem etwas starb” EP – auch überwiegend von Mels produziert! Im November kommt Dufsens Produzentenalbum, im Dezember TAMIs Album „Klassische Musik”, im Januar dann „The Big Young Clemens Theory” und im Februar, pünktlich zu Karneval, hoffentlich unser gemeinsamer Sampler, den wir gerade planen und aufnehmen.

Dann haben wir ja eine Menge heiße Tipps abbekommen, danke! Hast du denn als Mensch, der sich für viele Genres begeistern kann, noch eine rapfremde Empfehlung?

Zwei Sachen aus dem Post-Hardcore-Bereich möchte ich gerne empfehlen – zum einen Bear vs. Shark, die nur zwei Alben rausgebracht haben und lange aufgelöst sind, aber sehr geile Musik gemacht haben. Zum anderen Standstill, eine spanische Band, die auf dem ersten Album sehr harten, schreiigen Post-Hardcore gemacht haben. Das war Anfang der Nullerjahre auf dem Label des Kölner Plattenladens Underdog Records. Später sind sie ruhiger geworden, sehr düster und schwermütig. Die kann ich jedem empfehlen!

Danke für das Interview und viel Spaß bei der Show!


Nach dem Interview mit Veedel Kaztro hatte ich außerdem die Ehre, Gold Roger ebenfalls für ein Gespräch zu treffen, dass ihr in den kommenden Tagen auch bei uns auf noisiv.de finden werdet!

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