Foto: Matthias Kestel

Die Gruppe Candelilla aus München besteht schon seit über eineinhalb Jahrzehnten, damals noch als Schülerband, 2009 folgte nach diversen Umbesetzungen dann die erste Platte „ReasonReasonReasonReason“ bei Red Can Records, dem Label des Münchner Gigposter-Artists Señor Burns. Dieser Tage erscheint ihr drittes Album „Camping“ und doch fühlt es sich trotz all der vergangenen Jahre fast wie ein Debüt an, scheint der Band doch erst mit diesem Release eine flächendeckendere Aufmerksamkeit zuteil zu werden. Dabei profitiert das Quartett sicherlich von der Stuttgarter Post-Punk-Szene um Die Nerven und Konsorten, die in den letzten Jahren einen durchaus vergleichbaren Sound wieder richtig salonfähig gemacht haben.

Nach dem instrumentalen Intro „Augen“, das neu hinzugewonnene Hörer zunächst im Unklaren über den musikalischen Stil der Platte lässt – es könnten durchaus auch Explosions in the Sky-mäßige Stücke auf diese postrockige Einleitung folgen – zieht uns Mira Manns Stimme im darauffolgenden „Hand“ jäh in eine weitaus düsterere Welt herab:

Überprüfen, verwalten, errechnen, bearbeiten.
Durchsuchen, vergleichen, entziffern. Keinen Zentimeter bewegen!

Auch hier ließe sich schnell eine Luftlinie gen Stuttgart ziehen, sind es doch genau solche Beamtenbegrifflichkeiten, aus denen sich Flávio Bacon von den großartigen Human Abfall seine tiradenartigen Texte schmiedet. Aber Candelilla sind mitnichten als Abklatsch der diversen im württembergischen angesiedelten Post-Punker zu bewerten, vielmehr spicken sie jenen Sound immer wieder mit untypischen Elementen, wie den schrillen elektronischen Klängen in „Atmen“. Dabei klingt die Platte völlig in sich geschlossen und dennoch divers: So prescht die Band in „Tier“ stark nach vorn, andere Songs wie „Ruhig draußen“ wabern sich mit minimalem Schlagzeugeinsatz in eine Trance.

Zeilen wie „Ich mag deinen Körper, er hat eine schöne Oberfläche“ aus ebenjenem Track fassen die eigene Note in Manns Texten ganz gut zusammen – seltsam sachlich, Emotionen werden bis zur Kenntlichkeit entstellt, heruntergebrochen und uns dann dargeboten, wie man es auch auf dem tollen Albumcover von „Camping“ erkennen könnte. Ganz ähnlich auch in der Vorabsingle „Intimität“, die Szenen einer Liebe in nüchternen Substantiven erzählt:

Eine Grenze, ein Tonfall, eine Lust.
Ein Umkreis, eine Entwicklung, ein Blick.
Eine Psychose, ein Gespräch, ein Coversong.
Ein Ort, ein Vorschlag, eine Pause.
Eine Suche, eine Rolle, ein Reim.
Die Erotik, der Verrat, das Schweigen.

Mit dem abschließenden „Wüste“ nehmen uns Candelilla auf einen letzten akustischen Trip mit, eine herrliche Kombination aus Piano und tiefen Bässen bilden das Fundament für einen in Worte gefassten Fiebertraum von einer symbolischen Wüste und Kontrollverlust, dann ist sie vorbei, die dritte LP von Candelilla, und lässt ihren Hörer erstaunt zurück – im etwas verwirrten und sehr begeisterten Sinne zugleich.
Dieses höchst spezielle und dabei so starke Album, unter anderem von Tobias Levin produziert, erscheint diesen Freitag bei Trocadero Records. Wer wissen will, was aktuell wirklich spannendes in der deutschen Musiklandschaft los ist, erwirbt es.

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