In Zeiten der uneingeschränkten Zugänglichkeit zu beinahe jedem Musikstück aus aller Welt kommen einem Sampler, Compilations, wie auch immer man sie nun nennen will, doch recht outdated vor. Die ollen Kassenschlager „Dream Dance“ und „Bravo Hits“ gibt es zwar noch, doch die Tage ansprechender Zusammenstellungen neuartiger Musik à la „C86“ sind weitestgehend gezählt. Die Damen und Herren der Labels Staatsakt und Euphorie jedoch trotzen diesen Entwicklungen und schlossen sich bereits 2014 für die erste Ausgabe von „Keine Bewegung“ zusammen. Klarer Sieger damals: Schnipo Schranke, denen dank „Pisse“ der gebührende Szeneruhm zuteil wurde. Auch Bands wie Erfolg und Der Bürgermeister der Nacht traten hier erstmals vor ein etwas breiteres Publikum. Umgarnt von exklusivem Material von Ja, Panik bis Messer also ein rundum gelungenes Projekt.

Dieses geht am kommenden Freitag also mit „Keine Bewegung 2“ endlich in seine nächste Runde. Eine grandiose, GIF-lastige Seite gibt’s on top, um der Betitelung des Ganzen den Rest zu geben. Denn dass hier die Bewegung, die Innovation in der deutschen Musikszene, zelebriert wird, zeigt schon die immens gestiegene Anzahl an InterpretInnen. Ganze 22 Acts lieferten Stücke für das schon auf dem Cover flirrende Werk ab. Den grandes madames von Schnipo Schranke wird dabei nun die Ehre des Closers zuteil, zuvor jedoch bietet die Doppel-LP wieder einigen vielversprechenden, bis dato beinahe ungehörten Bands eine würdige Bühne.

Dringend zu nennen ist hier bereits der Opener „Goldene Zukunft“ von der Leipziger Gruppe Das Paradies, das zwar nach bekanntem Indie-Powerpop klingt, in Zeiten der Abwesenheit eines Solowerks von Moritz Krämer aber wahnsinnig gut tut. Trucks hingegen drängen sich noch etwas stürmischer in den Gehörgang und treten mit ihrem postpunkigen „B-Feld“ in Erscheinung. Ein guter Ersatz für die bei Volume 1 noch frischen Trümmer, die damals in Form einer großartigen Erobique-Zusammenarbeit den vielleicht besten Track ihrer Karriere ablieferten. Wo deren zweites Album nach einem mittelmäßigen Kompromiss aus frühem Gitarren- und neuentdecktem Funky-Sound klang, darf Leadsänger Paul Pötsch sich nun mit seinem neuen Projekt Pötsch & Munk vollends austoben und macht gleich wieder viel mehr Spaß! Zudem sitzt er, was manchem schon bekannt sein dürfte, am Schlagzeug der antifolkigen Ilgen-Nur, deren Track „Cool“ hier seine Vinylpremiere feiern darf.

Wo der Böhmermann’sche Orchesterleiter Albrecht Schrader mit seiner klamaukigen „Ode an die Öde“ etwas über das Ziel hinaus schießt, gleichen Lampe mit ihrem tragikomischen „Morgen fang‘ ich an“ wieder aus und hauen en passant mit „Rauchen ist kein Sport“ noch die zitierwürdigste Zeile des Samplers raus. Drangsal klingt mit seiner Demo „Heultage“ nach den frühen Ärzten (also super!), Isolation Berlin übersetzen den Pulp-Klassiker zu „Gewöhnliche Leute“ und finden zudem ihr lakonisch-cooles Äquivalent von der anderen Seite Deutschlands: The Düsseldorf Düsterboys mit ihrem Lo-Fi-Song „Teneriffa“. Nicht nur des Bandnamens wegen eine der interessantesten Entdeckungen, die die Platte zu bieten hat.

Die vielen Fettungen und Tüddelchen (könnte auch ein Bandname für Volume 3 werden) in diesem Artikel dürften langsam schon klar machen, dass auf „Keine Bewegung 2“ so viel los ist, dass es sich kaum in überschaubare Form bringen lässt. Es sei denn, man hört sich das einfach an. Den Einstieg machen bekanntere Bands wie Candelilla in Bestform und Gurr mit „Atemlos“ (no Helene included) leicht, ein paar wundervolle Neuentdeckungen gibt’s draufzu und machen den Kauf mehr als lohnenswert.

An zwei Terminen gibt es das Ganze, beziehungsweise immerhin manches daraus, sogar live: Die „Keine Bewegung Festivals“ finden am 30.11. im Hamburger Uebel & Gefährlich sowie am 01.12. im Festsaal Kreuzberg statt!