Seit vergangenem Freitag sind sie zurück auf der Bildfläche: Das vielleicht größte Phänomen der hiesigen Feiermusikszene. Kaum eine Band ist so sehr „Everybody’s Darling“ wie Deichkind – ohne, dass sie es wirklich darauf angelegt hätten. Doch seit sie 2006 ihren Hip-Hop nach Elektrohausen auswandern ließen und den „Aufstand im Schlaraffenland“ probten, kommt man nicht mehr an den Hamburgern vorbei. Deichkind laufen in Großraumdisko wie in der roten Flora oder Küchen von Philosophiestudenten mit ihren Hybridwerken aus Kiffen-Saufen-Feiern und Gesellschaftskritik.

Von diesem Erfolgsrezept lassen sie so schnell offenbar auch noch nicht ab und veröffentlichten kurz vor Release von „Niveau Weshalb Warum“ die Videosingle „Denken Sie groß“, die ähnlich wie schon „Bück dich hoch“ daherkommt: Tanzbarer Ohrwurm trifft auf sarkastische Betrachtung der Arbeitswelt. Denn „Arbeit nervt“ immer noch, gegen den Zerfall der Welt kann man wohl nicht mehr viel tun – „und auf einmal hörst du sooooo ’ne Musik“ und hast wenigstens etwas gutes zum Tanzen!

Deichkind hangeln sich am Zahn der Zeit entlang auf ihrem neuen Album. Auf knallgrellen Synthiebeats werden Social Media („Like mich am Arsch“), Marketing-Sloganizing („Powered by Emotion“) und First World Problems („Mehr als lebensgefährlich“) durch den Kakao gezogen. Das ist alles nicht neu, aber so deutlich wie Deichkind traut sich kaum eine andere Band an solche Themen heran. Sie nennen das verzogene Kind beim Namen:

Connecting People! Born to perform! Dafür stehen wir mit unserem Namen. Klinisch getestet – sie baden gerade ihre Hände drin. Jetzt klappt’s auch mit dem Nachbarn!

Manchmal ist der Zeigefinger vielleicht etwas zu sehr in die Höhe gereckt, aber bei manchen Teilen der Deichkind-Zielgruppe ist das sicher nötig und so nutzen sie ihre Stellung sinnvoll, um auf ihren Electro-Brettern Missstände anzuprangern. Hie und da fehlt der doppelte Boden, doch dann kommen sie wieder mit einem düster-hymnischen Dystopie-Track wie „Die Welt ist fertig“ um die Ecke und zeigen, dass sie auch anders können.

Alles erledigt, die Welt ist fertig! Wir bedanken uns für jede Mitarbeit ganz herzlich! Alle Straßen sind geteert, Gelsenkirchen liegt am Meer. In Grönland wachsen Palmen, alle Groschen sind gefallen. Zeitumstellung abgeschafft, alle Tattoos abgemacht. Keine Ampel zeigt mehr rot – wir lassen das jetzt so!

Zugegeben, die Dutch House-Knallbonbons können auf Dauer anstrengend werden. Trotzdem zeigen Deichkind darauf wieder mal, dass sie gute Storyteller und auch wirklich gute Rapper sind. Und auch, wenn das eine oder andere Songthema schon recht ausgelutscht wirkt: Zumindest einen Song über Flohmärkte hat ja wohl noch niemand gemacht – und dann sogar so großartig! So ist für jeden was dabei – ob nun zum Kopfnicken oder Kopfzerbrechen.

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