Foto: Sonja Stadelmaier

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„Es ist die allerhöchste Eisenbahn, die Zeit ist schon vor drei Stunden angekommen“ – so schrieb es ein Humorist namens Adolf Glaßbrenner anno 1847 in einem seiner Theaterstücke. Okayer Gag für seine Zeit, denke ich, aber dass jenes Sprüchlein einmal zum Sprichwort aufsteigen würde, hätte er wohl nicht erwartet. Mittlerweile hat Herr Glaßbrenner auch noch eine Kombo mitzuverantworten, mit der man ebensowenig hätte rechnen können. Francesco Wilking, der Frontmann von Tele. Moritz Krämer, Szeneliebling mit einer einzigen Solo-LP. Max Schröder, ehemals Hund Marie bei Herrchen Olli Schulz. Felix Weigt, gern gebuchter Live-Bassist für allerlei Indie-Künstler (und Lena). Diese vier Herren, keiner von ihnen als unbeschriebenes Blatt zu bezeichnen, bilden seit 2011 Die Höchste Eisenbahn und veröffentlichen heute ihre zweite Platte bei Tapete Records: „Wer bringt mich jetzt zu den Anderen“.

Wo einen auf „Schau in den Lauf, Hase“ noch ein französisch akzentuiertes Computerstimmchen mit „’allo, das ist die ‚öchste Eisenbahn!“ zum Albumbeginn begrüßte, ist das mittlerweile nicht mehr nötig – die Supergroup ist nun fast schon bekannter als ihre vorangegangenen Band- und Soloveröffentlichungen und legt daher direkt los mit einem ruhigen Popstück, das auf Pianogrundlage sogleich eine wundervolle Aussage in sich trägt: „Wir haben so lange nachgedacht, bis wir wütend waren“!

Sowas können sie, diese Eisenbahner. Die richtigen Worte für das finden, was man sonst nur fühlen kann. Das hört man auch auf Stück Nummer zwei, der Vorabsingle „Lisbeth“, das den Hörer mit seinen Gitarrenriffs verzaubert und im Text von einer Art skinny love berichtet – und das womöglich besser, als es Bon Iver einst tat! Vollends verliebt in Song und Band dürfte eigentlich jeder spätestens dann sein, wenn Moritz Krämer zum Schluss voller Inbrunst singt: „Jetzt sind wir wieder beide ängstlich und alleine!“

Am Soundbild hat sich im Vergleich zum ersten Album einiges getan: Noch variabler kommt Die Höchste Eisenbahn nun daher, klingt auf „Stern“ auf einmal elektronisch, auf „Nicht atmen“ dann gar nach Yachtrock.

Zwischendrin spicken sie ihr 55 Minuten starkes Werk immer wieder mit wunderbaren Indie-Perlen, die man erst in all der Abwechslung gar nicht recht wahrnimmt, die sich jedoch langsam, aber sicher in Kopf, Herz und Tanzbein festsetzen. Mit dem ebenfalls als Single ausgekoppelten „Blume“ wickeln uns Wilking und Krämer mit einem Chorus um den Finger, der zunächst cheesy wirken mag, aber doch zu gut ist, um ihn je wieder zu vergessen:

„Seit ich dich kenne, hab‘ ich keine Ruhe. Sag‘ all deinen Freunden, am besten noch heute, unsere Liebe wird aufgehen wie eine Blume!“

Immer wieder klingt das frühere Schaffen der beiden Sänger durch: „Beschweren“ könnte durchaus von Moritz Krämers nach wie vor grandiosem Soloalbum stammen, das abschließende Stück „Erobert & Geklaut“ bringt hingegen den alten Tele-Flair zurück. Die Höchste Eisenbahn ist aber mehr als nur die Summe ihrer einzelnen Teile. Gemeinsam haben sie einen eigenen Sound geschaffen, der unter normalen Umständen in all seinem Abwechslungsreichtum zu diffus wirken würde, sich aber wie durch ein Wunder hervorragend auf Albumlänge trägt.

Diese Wundertüte muss zwar mehr als bloß einmal durchstöbert werden, um alles in ihr entdecken zu können, doch von Durchlauf zu Durchlauf spielt sich die Band auf „Wer bringt mich jetzt zu den Anderen“ ins Herz ihrer Hörer. Um mit ihren eigenen Worten zu sprechen: „Das sind gute, gute Leute!“ Das war vorher schon klar, doch gemeinsam sind die vier besser denn je. Einen Musketier-Vergleich spare ich mir jetzt aber besser. Lieber gleich nochmal die Platte auflegen!

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