Bild: Foto Schiko

„Diese ganzen Rapper, die intelligent sind, etwas zu sagen haben, links sind – mir kommt es so vor, als käme da kaum noch Feedback! Die Hip-Hop-Szene sollte zumindest in irgendeiner Form kritisch sein und eine Haltung haben.“ So oder so ähnlich sagte es Kool Savas im HipHop.de-Interview mit Rooz vor wenigen Tagen.

Veedel Kaztro schenkt dessen Uralt-Überhit „LMS“ eine 2017er Neuinterpretation und gibt dem inhaltlich doch recht einfach gehaltenen Battletrack-Original eine gänzlich neue Ebene:

„Die Weißen – was haben sie geleistet?
Tausend Jahre Sklaverei, Genozide, Kreuzzüge, Sitcoms und so weiter. Bild‘ dir nichts ein auf die Scheiße! […]V

An alle ignoranten Shoppingopfer: Lutscht meinen Schwanz!
An alle vollgestopften Ausbeuter: Lutscht meinen Schwanz!
An alle Robocops, die zuschlagen: Lutscht meinen Schwanz!
An alle Staatschefs, die rumklüngeln: Lutscht meinen Schwanz!“

Schon klar: Der auf Hip-Hop-fremde Hörer und Leser recht pubertär wirkende Kehrvers ist geblieben, aber Veedel Kaztro macht zumindest seinen Mund auf und schießt scharf gegen Pegida, AfD und co. Auf seinem neuesten „Büdchen Tape“ – dem dritten in der Reihe, die „Büdchen EP“ und „Büdchen LP“ nicht einmal berücksichtigt! – mehr denn je. Das darauf enthaltene „LMS 2017“ ist bissig, doch der einstige Halbfinalist des MOT-Wettbewerbs kann noch mehr, als Klassikern neues Leben einzuhauchen.

Schon auf seiner letzten LP „Fenster zur Straße“, hier bei uns besprochen, verkündete der Kölner MC stolz: „Veedel K singt Arbeiterlieder“. Spätestens am Freitag, wenn sein neues Tape erscheint, dürfte jedem klar werden, dass er damit nicht gelogen hat. Zumindest jedem, der genauer hinhört: Denn oberflächlich geht’s im Track „Falafel“ bloß um veganes Fast Food, die Twitter-Gemeinschaft wird sich über den Ausruf „Bruder muss los“ freuen. Der Turnup-Schein trügt jedoch, wie die Strophen zeigen:

„Mein Opa war sein Leben lang am Fließband, und mein Vater ackert bei der AWB.
Meine Ma – Scheine machen in der Großküche und muss am Wochenende dann noch putzen geh’n.
Es gibt nichts geschenkt, Alter – kapitalistisch. Dein Papi ist reich, meiner ackert bis siebzig.“

Aus den von ihm selbst genannten, obigen Gründen isst Veezy also „immer nur im Laufen“, Arbeit wartet, Releases werden gemacht – Arbeiterschicht-Familientradition sozusagen. Die Schaffensfreude des Rappers merkt man ja sogar bei uns – innerhalb von zwei Jahren ist das hier schon der fünte noisiv.de-Artikel über ihn!

Auf „Almans“ beweist er abermals sein Talent, moderne Twitter-Begrifflichkeiten – die türkische Übersetzung für Deutsche hört man ja derzeit von allen Wipfeln zwitschern – mit sinnhaften Inhalten zu kombinieren und verkündet aus Perspektive des Almans: „Ist das Bier gekühlt, dann krieg‘ ich immer dieses Wir-Gefühl!“

Natürlich kommt ein Büdchen Tape nicht ohne Live-Kracher aus, besonders die vorab ausgekoppelten Singles wie „Veezy macht blau“ und „Respek“ dürften sich dafür hervorragend eignen. Unten stehen übrigens auch Veedels Tourdaten für den Mai! Besonders spannend wird’s aber besonders auf den vergleichsweise ruhigeren Stücken „Angst“ und „Stadt unter Wasser“, auf denen Veedel auch neue Erzählformen für sich entdeckt. Solche Tracks sind dann schlussendlich die Beweise dafür, dass sich der Junge vom Büdchen auf ein neues Level gehievt hat und mit dem „Büdchen Tape III“ sein bisher stärkstes Werk abliefert. Gar nicht mal so einfach, bei der Masse an bereits erschienenen Releases, doch hier sitzt einfach alles. Ich lege mich fest: Veedel Kaztro ist der Rapper, nach dem Kool Savas im Zitat am Anfang dieses Artikels gesucht hat. Er ist der Rapper, der Kritik mit hervorragend sitzenden Lyrics und Instrumentals unter einen Hut bringen kann. Ich ziehe selbigen vor dieser Leistung.

Veedel Kaztro – Von Büdchen zu Büdchen Tour

  • 04.05. – Köln, Underground
  • 20.05. – Stuttgart, Freund + Kupferstecher
  • 25.05. – Frankfurt, Ponyhof
  • 26.05. – Berlin, Musik & Frieden
  • 27.05. – Leipzig, DHF
  • 28.05. – München, Muffatcafè
  • 01.06. – Hamburg, Kleiner Donner

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