orsons

Da sind sie wieder, die vier Schweine aus der Scheune, wie sie sich damals auf „Das Album“ inszenierten. Seitdem ist viel passiert: Akustische Souljah Boy-Coverversionen, Popmusik über geschlechtsumgewandelte Ex-Nazis und vor wenigen Tagen das schon jetzt legendäre Twitter-Konzert, bei dem es die Location zerlegte – so zumindest die Behauptungen in Tweets namhafter Rap-Journalisten und -Künstler. An Ideen mangelt es den Orsons also ganz sicher nicht. Ihr neues, am Freitag erscheinendes Album ist dementsprechend auch proppevoll mit ganzen 17 Songs, auf denen so einiges los ist.

wg„What’s goes?“ startet mit dem Titeltrack, der auch die erste Videosingle darstellt – und unüberhörbar den Nachfolger zu „Rosa, blau, grün“ vom letzten Orsons-Album. Wieder ein Representer, wie Deutschrap es schimpft, und es lassen sich klare Querverweise zwischen den Rapparts der beiden Songs ziehen. Besonders erwähnenswert ist hier die extrem versierte Strophe von Tua. Der Ex-Royalbunker- und Ex-Deluxe-Records-Schützling wurde eben wirklich „geboren mit einem hautfarbenen Aux-Kabel am Bauchnabel“! Gepaart mit dem klamaukigen Sample machen die Orsons direkt klar: Rap können sie, Beats sowieso, und am Allerbesten natürlich Humor! Dass sich dieser Humor bei „What’s goes?“ ganz besonders in Vocal-Samples und Denglisch niederschlägt, zeigt dann auch „Papa Willi und der Zeitgeist“. Bereits vorab sprach man von einem geradlinigeren Albumsound und grenzte sich vom Vorgänger „Das Chaos und die Ordnung“ deutlich ab. Zu sehr habe das Major-Label den vier Rappern in ihre Songs reingeredet, und so gibt Tua kund:

„Mainstream und ich ist wie Tanzen und ich – ich mach’s hin und wieder, ich kann’s nur nicht!“

Zugegeben: An die teilweise absurd häufig wiederholten Samples wie in „Papa Willi“, „Ventilator“ oder „Schwung in die Kiste“ muss sich das Ohr erstmal gewöhnen. Hier gilt: Nicht kleckern, klotzen! Wenn die Orsons sich auf etwas einigen können, wird es auch bis zum Exzess durchgezogen, so scheint es. Es definiert aber auch einen Signature Sound, den frühere Werke oft vermissen ließen. Die Produktion wurde auf Orsons-Album Nummer 4 zu größten Teilen in Tuas Hände gegeben, der ja auf Solopfaden schon länger den Fokus auf diese Kunstform legt. Einige Songkonstrukte sind dann dennoch etwas over the top: „Das Klo“ ist im Lyrischen leider ein Griff in selbiges.

Trotz aller gaglastigen Songs ist „What’s goes?“ aber keineswegs einseitig. Andere Pfade schlagen Songs wie „Lass uns chillen“ ein, in denen sich die Orsons durch Sänger Maxim unterstützen lassen. Melancholisch wird hier ein dunkel wummerndes Instrumental mit allerlei Weltschmerz betextet.

Eines der absoluten Highlights des Albums ist das durch KAAS erdachte und vorgetragene „Sunrise 5:55 A.M.“. Wer mit früheren KAAS-Solosongs wie „Die Geister der Liebe“ oder „Wunderschöne Welt“ nicht durch Liebesüberschuss überfordert war, ist hier goldrichtig, denn nach sehr langer Zeit ist erneut der gute, alte Lovemovement-Begründer in Bestform zu bewundern. Ja, das ist Kitsch, aber das ist KAAS, der darf das!

„Jeden Morgen wenn die Sonne um fünf vor aufsteht, sag‘ ich ihr Hallo und schau‘ ihr ins Gesicht. Denn egal wie viel Wolken sich uns in den Weg stellen – wenn ich nach ihr rufe, zeigt sie sich!“

Auch der verkopfte Maeckes zeigt sich von der sonnigen Seite und geht „mit seinem Selbstwertgefühl an die Börse“: „Leicht“ ist ein waschechtes Liebeslied auf einem modernen Tieffrequenz-Beat, textlich hingegen besucht Maeckes höhere Sphären, denn „zusammen sind wir leicht, alleine bin ich schwer“. Tua hingegen bildet im darauffolgenden „Seitdem“ den klaren Gegenpol:

„Immer dann, wenn es nicht so gut läuft, immer dann denk‘ ich kurz an dich und erinner‘ mich kurz daran, wie scheiße wir waren.“

Themen wie SalamiFunghiZwiebelPartyPizzen nach dem Ableben werden ebenso behandelt wie Marihuana in „Oben vom Heu“ oder WG-Abschiedspartys. Irgendwo zwischen Grund- und Hochschulniveau finden die Orsons ihre ganz eigenen Songtext-Welten und sind eines auf keinen Fall: langweilig. Dub-Einflüsse, straighter Hip-Hop und sogar Jumpstyle finden ihren Weg auf die instrumentale Ebene des Albums. So ist „What’s goes?“ in seiner Gesamtheit ein ziemlich irrer Trip, bei dem man sich an der einen oder anderen Stelle die im Titel bereits ausformulierte Frage stellt. Manchmal auch die Frage, ob nicht manch ein Stück auch als späteres Bonusmaterial hätte fungieren sollen. Sie sind nicht in jeder Sekunde zugänglich und nachvollziehbar, doch daraus ergibt sich ihr unabstreitbares Alleinstellungsmerkmal. Die Orsons leben in ihrer eigenen Welt und was sie dort fabrizieren, ist unglaublich unterhaltsam. Auf alle denkbaren Arten und Weisen. Wir formen das O!

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Foto: Nico Wöhrle