Aus Wolke wird Die Sonne. Wie sich das meteorologisch erklären lässt? Man weiß es nicht. Musikalisch erschließt sich das Ganze besser. Oliver Minck + Benedikt Filleböck = Wolke, eine seit 2005 bestehende Zwei-Mann-Band, die mithilfe von Klavier/Keyboard, E-Bass und Rhythmusmaschine chanson-hafte Kompositionen vorträgt. Und jetzt der Clou: Wolke + Gitarrist + Schlagzeuger + Bassist = Die Sonne.

Diese beeindrucke neue Himmelserscheinung wurde am 15. August 2014 durch Tapete Records auf eine Langspielplatte gebannt, nachdem die Herren Minck und Filleböck die neuen Bandmitglieder ursprünglich für ein neues Wolke-Release in ihre Räumlichkeiten luden. Was zu Zeiten von reinen Duo-Aufnahmen noch an popdurchtränkte Kammermusik erinnerte, änderte sich durch die drei Neuzugänge grundlegend und ein energetischerer Band-Sound entstand. Was sich nur als neuartige Lichterscheinung hinter der Wolke erahnen ließ, war dann schnell als neue Band deklariert, Die Sonne war gefunden.

So startet die Platte passenderweise mit den Worten „Ich hab‘ mich neu erfunden. Jetzt steh‘ ich außer Konkurrenz. Ich hab‘ mich überwunden. Ich bin jetzt ein ganz and’rer Mensch.“, nachdem das Intro diesmal eben nicht wie bisher durch Mincks Klaviermelodien einleitet, sondern durch Gitarre und ein sich langsam aufbäumendes Schlagzeug. Und nachdem „Neu Erfunden“ noch nicht allzu sehr aus sich heraus kommt, ist spätestens bei „Wir Sind Wir“ klar, dass durch die neue Bandbesetzung eine wirklich neue Farbe in den Kosmos rund um Wolke und Sonne gebracht wurde: Indierock.

Sänger Oliver Minck zeigt sich auf dem selbstbetitelten Album als gewohnt verkopfter Lyriker mit charmantem Hang zum Pathos. Seine Texte sind geprägt von sowohl persönlicher Zerrissenheit als auch Einsicht. Auf „Es Funktioniert Einfach Nicht“, das zunächst nur leichte Abschiedsmelancholie spüren lässt, brechen Stimme und Musik in der Mitte des Songs aus, Minck skandiert: „An uns’rer Verzweiflung halten wir uns fest! […] Wir wollen’s nicht einseh’n, wir werden’s nicht einseh’n!“

Im späteren Teil des Albums zeigt sein Gesang, der stets von Halleffekten und gerne auch von Chören unterstützt wird, eine regelrechte Lebenslethargie auf: „Jeder Moment ist ein Moment den du ertragen musst. Jede Sekunde rückt dich näher Richtung Tod.“ (aus „Der Nebel“)

Das selbstbetitelte Debütalbum von Die Sonne ist selten völlig wolkenklar, besonders im Lyrischen zeigt sich immer wieder Fragilität und Tragik. Ganz deutlich ist aber spürbar, dass das frisch gegründete Quintett diese Platte mit absoluter Spielfreude aufgenommen hat, wodurch der Sound in Stücken wie „Verschwunden“ einen fast jammigen Groove findet. Kein Song wirkt wie ein Lückenfüller, jeder könnte für sich stehen und doch funktioniert die Zusammenstellung hervorragend als Gesamtwerk. Mit zwölf Songs und einer Dreiviertelstunde Spielzeit bringt dieses Album eine wunderbare Note in die florierende Szene des deutschsprachigen Gitarrenpops.

Wolke wird laut Labelinformation weiter bestehen, das ist auch gut so. Die aktuelle Konzentration auf dieses neue Projekt ist vielleicht sogar noch besser – die Frischzellenkur hat nach vier Wolke-Alben viel Neues und Schönes mit sich gebracht und ich freue mich schon jetzt auf weitere Lichtblicke von der Sonne.

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