East Cameron Folkcore

Ein Donnerstag Abend am Hamburger Hafen: Frischgebügelte Hemden verlassen gemeinsam mit der strahlenden Sonne das Areal am Fischmarkt. Gerade noch wurden letzte Arbeitsplätze geräumt, teure Parkplätze freigemacht, Excel-Tabellen und Geschäfte geschlossen. Das Leben der Stadt hinter Glasfassaden und Schnickschnack hat sich gerade zu Bett gelegt, da richtet sich das Hafenklang auch schon auf und hält zum wiederholten Male eine deutliche Botschaft bereit: Nicht mit uns!East Cameron Folkcore aus Austin, Texas werden diese überbringen.

Lasst mich vorneweg etwas klarstellen: Austin hat wenig mit dem Bild des Cowboy- und George-Bush-Texas zu tun, das man gemeinhin über die hiesigen Medien vermittelt bekommen mag. Die Stadt liegt nicht nur im Herzen Texas, es ist auch das Herz des US-Bundesstaats. Nirgendwo anders verdienen Subkulturen, Musik (SXSW!) und Künste jeder Art eine größere Anerkennung als in der liberalen Hauptstadt des konservativen Staates. Und doch – 8.400 Kilometer weiter in Hamburg könnten die Probleme sich derzeit nicht unähnlicher sein.

Hafenklang

Das aktuelle Album der Folk-Core Band speist sich aus einer bedrückenden Atmosphäre von Angst und Sorge. Kultstätten weichen Glasfasaden, Kapital geht über Charakter, Clubsterben wird zum Alltag. Die geliebte Heimatstadt droht der Gentrifizierung zu verfallen und Kultur fällt der Gewinnmaximierung zum Opfer. Die acht Musiker die ich am Donnerstag Abend im Hafenklang spielen gesehen habe, haben den Kampf im Kingdom of Fear jedoch längst noch nicht aufgegeben.

Yellowknife

Mit im Schlepptau hatten die Texaner gleich zwei Support-Acts. Sänger Tobi Mösch von Yellowknife, wie auch Henri Parker & The Lowered Lids legten ab 21 Uhr mit großem Gefühl und großer Spielfreude los, bedienten das Publikum mit eingängigen Popsound. Yellowknife-Frontmann Tobi ging erst einmal mit wundervoll sanfter Stimme auf Schmusekurs, lies mit Balladen wie Automatic und Stay ein paar Frauenherzen vom Anker. Anschließend lud der Kölner noch zum Bier an der Bar, den Sympathiewerten in der Luft schlußzufolgern, ein Selbstgänger. Prost!

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Die Sonne setzte derweil Kurs auf Westen, Ohren und Beine blieben weiter warm: das Trio Henri Parker begeisterten mit einem spielerischen Folk-Pop Sound, der an die besten Tage von Bands wie blink 182 und Green Day erinnerte. Für den Punk sorgte die kantige Location schon von ganz allein. U.a. mit dabei: Gunnar Vosgröne am Cello, welcher einst seine Brötchen bei Escapado und Tomte verdient. Erinnert sich wer?

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Zusammen mit Banjo und Gitarre zimmerten die Norddeutschen das kleine Festival zum vorläufigen Höhepunkt, die Debüt-LP soll demnächst aufgenommen werden. Hätte ich meine S-Bahn nicht rechtzeitig kriegen müssen, hätte ich auch zur Tour-EP gegriffen. Aber so? Damn!

Henri Parker

Seis drum – die Uhr schlägt halb 11, das Mini-Festival wartet auf seinen Headliner. Ist warten überhaupt der richtige Ausdruck für eine Band, die sich gemeinsam mit dem Publikum seine Vorbands anschaut? Als East Cameron Folkcore die Bühne des Hafenklangs betreten, scheint die Bühne staunend zusammenzuschrumpfen: acht Musiker suchen und finden Platz, während draußen die letzten Kippen ausgedrückt und der Saal sich bis auf wenige Meter füllt.

Nicht nur auf dem Langspieler geht es düster zu: ganz in Schwarz haben sich die US-Amerikaner gehüllt, die lässigen Jeans und Shirts der Vorbands wurden aufs Parkett verwiesen. Jetzt soll die große Show beginnen – und wie sie beginnt. Der Titeltrack der neuen Platte eröffnet den Gig in Hamburg. Kingdom of Fear ist ein gnadenloser Showcase der unglaublichen Talente die diese Formation antreibt. Die Stimme Jesse Moores schmeichelt den Harmonien seiner Ehefrau und Bandmitglied April Perez-Moore, welche alsbald im emotionalen Wechselspiel mit der Lead-Gitarre schon früh für den ersten bewegenden Moment sorgt. „Radiohead!“ höre ich aus dem Publikum, Erinnerungen an Pablo Honey werden wach. Ein wunderschöner Beginn.

East Cameron Folkcore Live

Wie auch auf Platte schließt The Joke mit großen Stimmen und reichlich Pathos nahtlos an die Klänge der vergangenen Minuten an. Bei 969 wird klar: wir folgen dem Pfad des Konzeptalbums. Das tun wir auch äußerst gern. In der Luft liegt die Ausseinandersetzung mit der Freiheit, dem Kampf gegen das System und natürlich: der Liebe. Kingdom of Fear ist kein einfacher Folk-Schongang. Entstehen nähen zu Folk-Poppern wie Of Monsters & Men werden sie zelebriert und Minuten später wieder gebrochen. Folkcore eben, auch wenn der Name ursprünglich einem schlechten Witz des Frontmanns vorrausging.

Definitiv kein schlechter Witz sind gesellschaftliche Auswüchse wie genmanipulierte Lebensmittel und die damit verbundene Gier nach Geld und Macht. In The Greater Fool diskutiert Moore diese Missstände, welche in weiten Teilen der Gesellschaft eine ungesunde Akzeptanz erfahren. Da trifft es sich wunderbar, dass der Sänger uns an die Hand nimmt und mit nötigen Tipps versorgt, diesen Zustand zu verändern: „Advertisements polluting our space. Get yourself a can of spray paint son and have your peace said without paying their rate.“

East Cameron Folkcore Live

Der fünfte Titel des Abends, Fracking Boomtown, handelt wie der Name schon sagt von Bade- und Massageöl. Kleiner Scherz. Oder doch nicht? Lasse ich den Abend revue passieren, hat dieser sich tatsächlich sogar angefühlt wie eine Massage aus dem Spaß am Spiel und politischer Mahnung. Den Musikern ist den bedeutungsschwangeren Lyrics zum Trotz längst nicht das Vergnügen aus den Augen gesegelt. Gut so!

Wenig später war die Zeit gekommen: Moore trat zurück, Blue Mongeon übernahm den Lead-Gesang. Kaum legte das Multitalent in Übergröße sein Saxophon zur Seite, raunte mit When We Get Home mein persönlicher Favorit der Platte durch das Hafenklang. Ohne jetzt zuviel verraten zu wollen: diesem Stück wird auf noisiv noch besondere Aufmerksamkeit zu teil kommen. Ihr dürft gespannt sein.

Ansprachen ersparte sich die Band weitestgehend, warten sich schließlich acht Musiker auf der Bühne die Finger heiß die neuen Stücke zu spielen. Our City verdiente eine Ausnahme. Moore verwies auf die modernisierte Umgebung des Hafenklangs, samt dessen Prunkbauten und Geschäftsräumen. Die Gentrifizierung vernichte auch ihre Heimatstadt daheim in Texas, man müsse sich daher zur Wehr setzen, Flagge zeigen. Den anwesenden Fans riet Moore: „The only way to care about the things we care about, is to care about the things we care about.“ ‚Nuff said!

East Cameron Folkcore Live

Irgendwann war dann selbst Kingdom of Fear vorbei: Trompeter Blake Bernstein übernahm zwischendurch die Front, Klassiker aus dem 2013er Werk For Sale begeisterten Publikum und gebahren aufs Neue ein paar feuchte Schweißperlen. Wenn du Salinger Is Dead im Programm haben kannst, verzichtest du auch nicht drauf. Es war ein schönes Gefühl dem Hafenklang beim Chorus zuzuhören. „Take Me Hoomeeeee“ schrie es durch den kleinen Laden am Fischmarkt, im Kopfkino dachte ich bereits an meine letzte Bahn.

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Beinahe Mitternacht musste ich feststellen wie schnell der Abend doch vorrüber gehen konnte. Drei grundverschiedene Acts, darunter die Band die mit Kingdom of Fear eines der bislang stärksten Alben des Jahres auf den Weg brachte – alles richtig gemacht, Babak!

Jetzt seid Ihr dran – gebt der texanischen Kombo ruhig auf einem der kommenden Festivals (siehe Hurricane Festival bzw. Southside Festival) mal eine Chance. Persönlich rate ich Euch zur Soloshow, da diese erlaubt dem Konzeptalbum den notwendigen Raum überlässt, den es zur vollen Entfaltung sämtlicher Gänsehautpartikel in eurem Körper bedarf. Ein kurzes Festival-Set, gespickt mit Stücken vergangener Platten, wird das wohl nicht leisten können. Also Freunde: noch könnt ihr Karten bei Grand Hotel van Cleef ergattern! East Cameron Folkcore haben einiges mit Euch vor.

Tourdaten:

  • 01.06 Jena, Rosenkeller e.V. Jena
  • 02.06 Dresden, Groovestation
  • 03.06 Leipzig, WERK2-Kulturfabrik
  • 04.06 Erlangen, E-Werk
  • 05.06. A-Wien, B72
  • 07.06 Munich, Ampere
  • 08.06 Dornbirn, Conrad Sohm (w/ Frank Turner)
  • 09.06 A-Innsbruck, Weekender Cafe & Club (w/ Frank Turner)
  • 10.06 A-Salzburg, Frank Turner & The Sleeping Souls (UK) | Rockhouse Salzburg
  • 12.-15.06 CH – Interlaken, Greenfield Festival
  • 12.-14.06 NL-Landgraaf, Pinkpop Festival
  • 16.06 Cologne, Underground Cologne
  • 17.06 Trier, Ex-House
  • 18.06 Wiesbaden, Schlachthof Wiesbaden
  • 19 – 21.06 Scheeßel, Hurricane Festival
  • 19 – 21.06 Neuhausen corner, Southside Festival
  • 19 – 21.06 Duisburg, Traumzeit Festival

East Cameron Folkcore Live

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