Death Grips - Live in Hamburg

Killerclowns machen die Stadt unsicher, Death Grips vernichten sie: am Dienstag hinterließ das experimentelle Hip-Hop-Trio das Uebel & Gefährlich in Schutt und Asche, brach überschüssige Genregrenzen auf und schmetterte mit ihren Salven aus Keyboards, Drums und Shouts die größte Punkshow des Jahres aufs zertretene Parkett in Hamburg. Die vielleicht interessanteste Hip-Hop-Band unserer Tage hat bedeutende Spuren hinterlassen.

Es ist 21:55 Uhr. Vor 55 Minuten hätten Drummer Zach Hill, Keyboarder Andy Morin und Frontman Stefan „MC Ride“ Burnett schon die Bühne betreten sollen. Aber nichts. Gar nichts. Im Uebel & Gefährlich ist außer einem konstant aufladendem, elektronischen Soundbite von „Inanimate Sensation“ des 2015er-Doppelalbums „The Power That B“ nichts zu hören. Es gibt auch nichts zu sehen: Vorband nada, Soundcheck hinter dem Vorhang, Band-Merchandise Fehlanzeige.

Es ist 21:57 Uhr. Plötzlich öffnet sich der schwarze Vorhang. Sie sind da. Sie sind tatsächlich da. Was sich in den nächsten knapp 80 Minuten abspielen soll, hat wohl selbst der hellste Fan der geheimnisvollen Kombo nicht kommen sehen: Zach Hill reisst Lawinen von Schlagzeugeinschlägen herunter, während Andy Morin und MC Ride Energien in den Raum blasen, die strahlen wie drei Kernkraftwerke – trotz minimalster Ausleuchtung (das Gesicht des Rappers blieb – mit Glück – nur den Zuschauern der ersten Reihe vorbehalten).

Death Grips - Live in Hamburg #2

Es ist 22:52 Uhr. Du bist platt, tot, zerstört. Vom Leben getrennt, die Adern der Haut entrissen. Die Kehle entleert, rausgeschrien und per Slam Dunk in den Bierbecher geworfen. Hast du dich beim Opener „Whatever I Want (Fuck Who’s Watching)“ oder später bei „World of Dogs“ oder „Hot Head“ noch mit einer Punk- und Hip-Hop-Party arrangieren können, lag spätestens mit „Giving Bad People Good Ideas“ das Testament gedanklich auf deinem Schreibtisch. In a good way: selten hat der Moshpit so liebevoll und rücksichtslos aufeinander Acht gegeben wie am Dienstag Abend. Klagen über fehlende Vorbands, Ansagen oder Merch? Keine Einzige.

Es ist 23:11 Uhr. Wasser wäre jetzt gut, so denke ich mir. Ehe ich mich versehe, werden mehrere starkbefüllte Wasserbecher durch das Publikum gereicht. Mein Körper dankt, ging ihm doch langsam die Flüssigkeit für sein Schweiß aus. Das Konzert neigt sich langsam dem zu. Nach einer Reihe neuer Songs aus „Bottomless Pit“ und mehrerer Auszüge aus dem aggressiveren zweiten Teil der „The Powers That B“-Platte „Jenny Death“, welche allesamt nahezu nahtlos ineinander übergegangen sind, scheint es Zeit zu werden für „Guillotine“ – dem größten Hit von Death Grips – und den Ende einer unglaublichen Nacht.

Eine Zugabe spielen sie nicht, bereuen tut im Bunker auf St. Pauli aber niemand irgendwas. Obwohl, vielleicht: das fehlende Ersatzshirt in meiner Tasche war ein fehlendes Ersatzshirt zuviel. Nachdem das nasse Oberteil eine knappe Stunde später gegen mein Duschwasser ausgetauscht wurde, war ich höchstdankbar dafür, Teil dieses Konzertabends gewesen zu sein. „Eben mal so auf Festivals mitnehmen“ – so eine Band ist Death Grips nicht. Muskelkater und ein kleiner Hörschaden am Tag danach? Schon eher. Ein toller Abend. Jetzt dürfen sogar die Killerclowns gerne kommen.

Die aktuelle Platte „Bottomless Pit“ ist am 6. Mai über Harvest Records erschienen.