Blacktape2

Hip-Hop ist in Deutschland seit jeher eine Kultur geprägt von Aufs und Abs, von Trends und Tradition, von Beständigkeit und Brüchen. Für den wohl bedeutsamsten Bruch zu Beginn der 00er Jahre zeichnete sich besonders ein Mann verantwortlich: Marcus Staiger gründete damals in Berlin den Royal Bunker, der zur Brutstätte außerordentlicher Künstler wie Kool Savas, Sido und Bushido oder auch K.I.Z. wurde. Diese Rapper brachen in ihrer Musik immens mit der bis dato im Rap so präsenten Attitüde, die sich heute wohl als Backpack-Mentalität bezeichnen lässt. Zuvor waren es Bands wie Freundeskreis, die Deutschrap verkörperten. Damals Teil der Gruppe: Sékou Neblett, Regisseur des neu anlaufenden Films Blacktape. Und ausgerechnet er, Repräsentator der traditionsreichen Stuttgarter Rapszene, suchte sich für seinen 90-Minüter Marcus Staiger als einen der Hauptprotagonisten aus!

Gemeinsam mit dem seit Langem als Hip-Hop-Journalist bekannten und geschätzten Falk Schacht machen sich Staiger und Neblett in Blacktape auf die Suche nach einem mysteriösen MC, der Mitte der 80er Jahre bei einer Veranstaltung in einer Heidelberger US-Kaserne die Bühne gestürmt und – vielleicht als erster überhaupt – deutsche Rap-Texte vorgetragen haben soll. Aus dem anfangs noch als Dokumentation mit namhaften Interviewpartnern aufgezogenen Film erwächst eine Schnitzeljagd mit dem Rapper Tigon, der die beiden Journalisten und den ab und an selbst auftretenden Sékou Neblett auf Trab hält und für einige Reibereien im Team sorgt.

Durch Nebletts Vorgehensweise bei den Drehs verschwimmen die Grenzen zwischen Realität und Inszenierung: Der konkrete Plot wurde den Hauptdarstellern Schacht und Staiger nicht vorab kommuniziert, vielmehr wurden sie spontan vor Situationen gestellt und reagierten teilweise schauspielend, teilweise aber auch die Kameras scheinbar vergessend darauf. Und so ist Blacktape am Ende gar keine Dokumentation über die deutsche Rapszene geworden, sondern eine höchst spezielle, ziemlich spannende Mischung aus Reportage und Spielfilm, die wie nebenbei besonders szenefremden Zuschauern die hiesige Rap-Historie skizziert. Ein Film über den Ethusiasmus für Musik, den unstillbaren Wissensdurst guter Journalisten und zudem über – dem mittlerweile etwas gemilderten Streitgeist Staiger sei Dank – die eine oder andere Versöhnung.

Blacktape

Nach der Vorpremiere im Hamburger Abaton waren Sékou Neblett und Falk Schacht für eine Diskussionsrunde anwesend, die zwar nicht jede Frage nach der Authentizität einzelner Szenen beantwortete, dafür aber so manche witzige Anekdote aus der Produktionsphase des Films beinhaltete – schade eigentlich, dass Hip-Hop-Urgestein Torch das Interview für Blacktape nicht freigab, denn den von Falk Schacht umschwärmten weißen Bademantel hätten wir doch zu gerne gesehen. Doch auch ohne ihn erfreuen sich Rapfans an vielen bekannten Gesichtern, die von den Stieber Twins bis Haftbefehl reichen. Allen anderen sei der Gang ins Kino ebenfalls empfohlen, denn dieser außergewöhnliche Film dürfte jeden beeindrucken, der auch nur ein bisschen Verständnis für die Liebe zu einem Musikgenre aufbringen kann.

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