Dieser Tage geht ja vor allem eine Wiederveröffentlichung ordentlich durch die Musikmedien: „The Queen is dead“, das große, große Album von den Smiths. Und ja, das Werk und seine Schöpfer waren absolut prägend für den gesamten Independent-Rock, -Pop, und was auch immer alles an Sub- und Sub-Sub-Genres daraus schon erwachsen sind. Kennt jeder, liebt jeder, mit Recht. Aber wäre es nicht auch einmal schön, einen Klassiker wieder- oder gar völlig neu zu entdecken, der weniger auf dem Schirm der Allgemeinheit ist und seinen Klassikerstatus eher für eine vergleichsweise überschaubare Zahl an Menschen innehält? Auf „Saurus“, die zweite LP der Gruppe Locas in Love, dürfte dies zutreffen. Und da ich mit meinen damaligen fünfzehn Jahren, als das Werk 2007 veröffentlicht wurde, deutlich zu jung war, um die Hochphase von Morrissey und Marr ansatzweise miterlebt zu haben, wurden zufällig genau diese Platte und ein Track wie „Egal wie weit“ für mich zu dem, was für andere deutlich früher „There is a light that never goes out“ gewesen sein könnte.

Um an dieser Stelle den Bogen zu schlagen: Mit „Da ist ein Licht“ brachten die Kölner auf ihrer vorletzten Doppel-LP „Use Your Illusion 3 & 4“ – hier bei uns besprochen – eine Art Neuinterpretation des Smiths-Evergreens heraus, auf selbigem Album fand sich ebenso mit „Neue Sachen“ ein zweiter Part des „Saurus“-Openers „Sachen“. Um die Wichtigkeit ihres hier thematisierten Werks ist die Band sich also durchaus bewusst und veröffentlicht es zu Ehren seines zehnten Geburtstags mithilfe von Staatsakt in dieser Woche neu. „Saurus X“ enthält neben dem Original-Album auf Vinyl ein Making-Of-Buch, ein Tour- und Reisetagebuch von damals sowie ein Songbuch mit den Texten und Akkorden. Als sei das nicht genug zu lesen, möchte ich hier auch noch einige Zeilen über die zwölf Stücke von „Saurus“ verlieren.

Zwischen pubertärer Selbstfindung und einem ausgeprägten Suchtrieb nach neuen, deutschsprachigen Bands, der in Ermangelung sozialer Kontakte oder gar Konzertlocations und Plattenläden in näherer Umgebung, im Internet stattfinden musste, wurde mir 2006 zunächst Karpatenhund, wenig später dann auch deren Mutterband Locas in Love in die DSL-Leitung gespült. Wo man sich beim erstgenannten Locas+1-Projekt noch auf „unelitäre und für jeden zugängliche“, hibbelig-poppige Musik fokussierte, ging es auf dem 2007er „Saurus“ dann doch etwas mehr an die Substanz. Denn ein Protagonist lauert in Björn Sonnenbergs Texten hier hinter jeder Ecke: Der Tod. Sei es in der Liebeserklärung „Ich würd‘ die Kugel für dich fangen“ („Honeymoon is over (if you want)“), auf dem Schauplatz einer Beerdigung („High Pain Drifter“) oder im markerschütternden Finale des langen, beeindruckenden Stücks „Egal wie weit“:

„Dass du jedes Jahr vor Weihnachten an Selbstmord denkst, und all die Vorwürfe, die du noch zu machen hättest.
Dass dein kolossales Scheitern letztlich hier anfing, wirst du niemals verraten, nicht einmal, um dich selbst zu retten.“

Solche Momente sind es, die „Saurus“ zu einem so großen, wenn auch manchmal schwer genießbaren Werk machen. Schon zu Beginn, wenn der Alltag und die „Sachen“, die „Beschäftigungen, Erledigungen, Unfreiwilligkeiten und Dinge“ so klar ausformuliert und damit ad absurdum geführt werden, klingt das zwar noch recht gefällig, trifft den geneigten Hörer dann aber doch so treffsicher im Kopf, dass man nicht anders kann, als das eigene Leben und Tun zu reflektieren und sich wenig später in „Monkey“ erneut wiederzufinden:

„Ich habe eine lange Liste von Leuten, mit denen ich etwas klarzustellen hätte. Von Aussprachen, für die es jetzt zu spät ist. Von Witzen, die mir zu spät eingefallen sind. Von Malen, wo ich besser meinen Mund gehalten hätte.
Und sie wird immer länger, und ich kann nichts vergessen, und bin furchtbar besessen.“

Es fällt auf, wie Sonnenberg Texte wie diese mehr spricht als singt, fast runterrattert, und dann doch, bei näherem Hinhören, den sprichwörtlichen Nagel stets auf den Kopf trifft. Wobei ein so ausgeleiertes Bonmot seinen Lyrics wohl kaum gerecht wird. Vielleicht ist das auch ein wichtiger Grund dafür, dass „Saurus“ nie das Standardwerk der deutschen Gitarrenmusik wurde, das es hätte sein können: Wer Locas in Love hört, muss auch ernsthaft zuhören, sich mit ihnen und auch sich selbst befassen. Die Band bietet keinen snackable content für die Spotify-Playlist oder, um in der Zeit zu bleiben, das MySpace-Download-Tool aus dubioser Quelle. Wer dazu nicht gewillt ist, tut sie womöglich vorschnell als verschroben ab. So erzählte mir auch Björn Sonnenberg-Schrank, wie er mittlerweile heißt, im Dezember 2015, ihm sei „im Laufe der Zeit bewusst geworden, dass unsere Musik sehr seltsam ist und oft auch seltsame Leute anspricht“.

„Wir mussten einsehen, dass unsere Musik seltsam ist!” – Björn Sonnenberg (Locas in Love) im Interview

Sie sind schon ein Phänomen, diese Locas in Love. Da veröffentlichen sie Anfang des Jahres mit dem Doppelalbum „Use your Illusion 3 & 4” meine... Weiterlesen →

Ich kann nicht anders, als mich – insbesondere rückblickend auf mein 2007-Teenager-Ich – in dieser Aussage wiederzufinden. So erklärt sich dann wohl auch, dass das Album bis heute in meine persönlichen Top 10 gehört. Früher sehnte ich mich nach einem bewundernswerten Mitmenschen wie dem in „Comandante“ besungenen, heute vielleicht nach ein paar weniger „Sachen“, die das wirklich Wichtige immer irgendwie zu verhindern wissen. Was über die vergangenen zehn Jahre jedenfalls konstant blieb, ist die Tatsache, dass ich die Platte nicht hätte auflegen müssen, um die Zitate dieses Artikels niederzuschreiben. Es trotzdem zu tun, ist jedoch jedes Mal wieder empfehlenswert. Auch 2027 werde ich das das wohl noch machen.

Auf seinem 2015er Doppelalbum singt Sonnenberg: „Ich bin wie ein Teenager“. Höre ich heute wieder „Saurus“, muss ich mich da zeitweilig wohl schon wieder in einer seiner Zeilen wiederfinden. Doch abseits dieses persönlich-nostalgischen Bezugs ist es auch das Album, mit dem Locas in Love zu ihrer eigenen Sprache – lyrisch wie musikalisch – gefunden haben, damit also auch der optimale Einstieg in das Gesamtwerk des Quartetts – für alle Gut-Zuhörenden zwischen 15 und 105.

„Saurus X“ erscheint am Freitag bei Staatsakt, das volle Album wird an folgenden Terminen und Orten auch live dargeboten:

  • 02.11.2017 – Essen – Zeche Carl
  • 03.11. 2017 – Stuttgart – Merlin
  • 04.11. 2017 – Hannover – Faust
  • 17.11. 2017 – Berlin – Badehaus
  • 18.11. 2017 – Hamburg – Molotow SkyBar
  • 19.11. 2017 – Köln – BRITNEY powered by Schauspiel Köln
  • 14.02.2018 – Nürnberg – MUZ
  • 15.02.2018 – Frankfurt – Das Bett
  • 16.02.2018 – Karlsruhe – Jubez
  • 17.02.2018 – Freiburg – White Rabbit
  • 21.02.2018 – Fulda – Kreuz
  • 22.02.2018 – München – Milla
  • 23.02.2018 – Wien – Flex
  • 24.02.2018 – Augsburg – Brechtnacht
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