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Nachdem wir euch gerade erst das persönliche Gespräch mit Veedel Kaztro hier präsentiert haben, wandern wir nun bloß einige Minuten weiter in der Zeit: Kurz darauf traf ich ein weiteres Drittel der „Niemand hat die Absicht auf Tour zu gehen”-Crew und durfte auch Gold Roger, seines Zeichens Gewinner des ersten Moment of Truth-Videoturniers, für ein Interview treffen. Wir sprachen darin ausführlich über die Gesellschaftskritik in Gold Rogers Texten und der deutschen Hip-Hop-Szene im Allgemeinen und erfahren auch erste Fakten zu seinem Debütalbum. Warum „Räuberleiter” genau das nicht war und was er ab jetzt anders machen wird, lest ihr nun hier!


Nachdem ihr im Frühjahr schon hier gespielt habt und später beim Spektrum Festival, seid ihr heute schon zum dritten Mal gemeinsam in Hamburg. Wie haben sich die Club- und Festivalshow für dich unterschieden? Wird es heute Abend große Änderungen geben?
Beim letzten Mal bin ich ja zu zweit mit Johnny Rakete nach Veedel Kaztro aufgetreten, was auch sehr viel Spaß gemacht hat. Ansonsten ist aber eigentlich eine Clubshow wie hier nur besser durchorganisiert – beim Spektrum waren wir fünf Minuten vorm Gig erst hinter der Bühne, hier haben wir halt einen Soundcheck. Generell ist es mit den Jungs schon fast Routine, wir sind mittlerweile gut gemeinsam eingespielt. Heute Abend werden noch ein bis zwei Gimmicks neu dazukommen, aber das sollte alles laufen!

Jetzt, wo du mit Veedel so viel zu tun hast: Wenn das Moment of Truth-Turnier noch liefe und er hätte es gegen Schote im Halbfinale geschafft – was würdest du Veedel im Finale an den Kopf werfen?
Naja, was man halt so macht – ich würde seine Verwandtschaft und Freunde, Young Paul und Mels und so, alle dissen, ein Mels-Shirt anzünden, seine Gitarre kaputtschlagen. Keine Ahnung, mit seiner Freundin bei ICQ schreiben, was man halt so macht, wenn man zerstören will! (lacht) Nein, wir haben tatsächlich damals schon für den Fall, dass Schote verloren hätte, geplant, gar nicht zu battlen. Wir hätten das ganze System überwunden und im Video Frieden geschlossen – das wäre halt wirklich revolutionär gewesen in so einem komischen Battle! Die ganzen Idioten, auch im VBT und so, peilen das einfach nicht.

Wäre das mit Schote so nicht möglich gewesen?
Ich kannte ihn da noch nicht so gut und dachte, wenn ich ihn frage, verwendet er das im Battle gegen mich, falls er Nein sagt! (lacht)

Wo du gerade schon Veedels Connections ansprichst, darüber habe ich auch gerade schon viel mit ihm geredet. Bei dir hingegen ist das gar nicht so präsent, man bekommt wenig davon mit, wer dein Umfeld bildet. Bist du musikalisch ein Einzelgänger?
Bei Veedel ist es ja so, dass er in seiner Sektor West Büdchen Gang viele Rapper hat. Meine Crew besteht eher aus Leuten wie Timo Milbredt, der meine Videos macht – im Übrigen aber auch ein begnadeter Rapper ist! -, die Produzenten Dienst & Schulter aus Köln oder Freddy. Das sind alles Leute, die eher im Hintergrund Sachen machen. Ich hänge eher weniger mit Rappern ab, aber viel mit Kreativen!

In der Tourkonstellation bist du, zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung, eigentlich der unerfahrenste MC. Die beiden Jungs hatten schon vor dir Releases und eine gewisse Bekanntheit. Wirkt sich das auf euer Verhältnis oder die Shows in irgendeiner Form aus?
Man merkt auf jeden Fall, dass Domi – also Johnny Rakete – der beste Live-MC ist. Der ist halt so ein richtiger Jam-Typ und freestylet nach der Show noch, da merkst du, dass er so richtig präsent ist am Mic. Und Veedel hat natürlich ein unfassbares Repertoire an Songs, weil er so viel gemacht hat. Aber sonst haben wir alle Bock und ich besser‘ mich auch langsam – um Domi zu killen reicht’s noch nicht, aber bei Veedel, da guck‘ ich mal! (lacht)

Deinen aktuellen Release „Räuberleiter” wolltest du ja ursprünglich nicht als Album bezeichnen, sondern als Mixtape. Wo liegt denn für dich der Unterschied und woher kam diese Überlegung?
Das ist für mich immer noch ein Mixtape! Zum einen kam’s als Free Download raus, was ich für essentiell halte. Viele Deutschrapper machen jetzt ein Scheiß-Album und nennen es dann Mixtape, um sich zu schützen. Zum anderen habe ich für „Räuberleiter” einfach Beats zugeschickt bekommen, gepickt und darauf getextet, da habe ich mit der Musik nichts zu tun. Für das Album arbeite ich jetzt aber komplett mit Dienst & Schulter zusammen, bei ein paar Songs noch mit Moglebaum. Wir waren dafür extra zusammen in der Eifel, haben es von Grund auf produziert, ohne zu samplen und so. Das ist für mich der richtige Workflow eines Albums.

Dein Label Melting Pot Music hat „Räuberleiter” ja trotzdem eher als Album nach draußen kommuniziert, der Begriff Mixtape fällt jetzt nicht mehr so häufig. Die Jungs reden dir jetzt aber nicht großartig rein, oder?!
Nein, aber das war auf jeden Fall so ein Ding zwischen uns! Bei MPM wird „Räuberleiter” als Debütalbum von mir gehandlet, wogegen ich mich auch hart gewehrt habe, aber da sitzen die am längeren Hebel! (lacht) Aber sie reden mir auf keinen Fall rein und ich habe das beste bekommen, was geht – wir haben viele Exemplare verkauft und dadurch die Kosten ganz gut gedeckt, trotzdem habe ich auch meinen Willen durchgesetzt, dass es for free ist und auch bleibt. Ich bin super zufrieden bei MPM.

Die Platte ist ja durchaus gesellschaftskritisch geraten. Was kann die Gesellschaft denn tun, um die neidischen Nazis loszuwerden, die du bei „Yunus” thematisierst?
Das ist ein sehr breiter Themenkomplex, wie so etwas entsteht, aber ich denke, die einfachte Antwort darauf wäre, den Bildungsetat aufzustocken! Wir geben viel zu viel Geld für anderen Scheiß wie zum Beispiel Waffen aus. Ich glaube, das Geld wäre auf jeden Fall besser in Bildung angelegt! Es gibt natürlich auch schlaue Faschisten, so einfach kann man sich das nicht machen. Aber dieses Bewusstsein, dass die Gesellschaft das kollektiv verurteilt, muss man in der Schule schon vermitteln.

Und mal abgesehen von dem großen, gesellschaftlichen Thema – was braucht denn Deutschrap an politischem Bewusstsein? Du hast dich beispielsweise nach dem 16Bars.de-Interview beim Splash darüber ausgelassen, dass sie deinen kritischen Kommentar zu der Deutschlandflagge nicht ins Video genommen haben. Traut sich Deutschrap zu wenig?
16Bars hat sich das jedenfalls nicht getraut, was ich auch traurig finde. Generell sehe ich das Thema gemischt, ich feiere zum Beispiel LGoony krass und glaube, da wäre das auch deplatziert – wobei er vom Charakter, so wie ich ihn kennengelernt habe, auch genau die richtige Einstellung hat. In dieser Musik hätte das aber nichts zu suchen. Trotzdem finde ich, es könnte mehr Politisches kommen, wobei das ja gerade auch in der Popmusik wieder en vogue zu sein scheint – Sidos neues Album zum Beispiel wird in Pressetexten als ein linkes Statement bezeichnet. Von daher mache ich mir da keine Sorgen, denn spätestens jetzt, wo es in ist, machen es nächstes Jahr eh alle! (lacht) Schon zynisch irgendwie!

Die Attitüde, politische Inhalte in Musik zu transportieren, ist ja ansonsten auch eher in anderen Genres wie Punk angesiedelt. Hast du mit solcher Musik auch Berührungspunkte?
Ich habe erst mit 17 angefangen, Hip Hop zu hören und vorher eigentlich nur Punk. Das kommt ja auch gerade immer öfter, bei Bands wie der Antilopen Gang und so, dass Leute sagen: Eigentlich höre ich keinen Rap, aber das finde ich gut! Auch Veedel ist ja ein Typ, der so einen Background hat. Es gibt viele krasse politische Rapper wie Sookee, mittlerweile kommt aber sogar schon der erste Abschaum, der das ganz ekelhaft ausschlachtet. Swiss zum Beispiel, der macht jetzt einen auf Zeckenrapper, ist aber in Wirklichkeit einfach nur ein richtig oberflächlicher Sexist! Es gibt also leider schon die ersten, die das zu plündern und monetarisieren versuchen.

Bist du selbst denn jemand, der sich zu dieser konkret politischen Rap-Szene zählen würde?
Ich bin da ja nur ganz am Rande präsent. Ich will das gar nicht und könnte es es auch nicht, fände das sogar von mir eher verlogen. Ich bin gar nicht der sonderlich politische Typ, sondern nur so politisch, wie ich meine, dass es eigentlich jeder sein sollte! Im Endeffekt kann ich mich von vielen Sachen auch selber nicht frei machen. Egal, wie schlimm ich den Kapitalismus an sich finde, würde ich lügen, wenn ich sage, nicht gerne mal nach Hawaii fliegen zu wollen! Und da setzt die Spirale ja schon wieder an, dass ich für sowas dann auch mit meiner Musik Geld machen will. Das ist doch eigentlich schon so ein ekelhafter Mindstate, dass ich persönlich zu korrumpiert bin, um zu sagen, ich bin jetzt der deutsche Politikrapper! Das wäre verlogen.

Trotzdem hast du meiner Meinung nach einen guten Weg gefunden, in deinen oft autobiografischen Texten zu zeigen, wie sich gesellschaftspolitische Themen in deinem Alltag niederschlagen. Hast du in dieser Form von Lyrics deinen Stil gefunden und machst so weiter?
Ich finde, viele Sachen habe ich ziemlich flach und naheliegend gemacht. Zwar gibt es Songs wie „Yunus”, wo ich jetzt nicht einfach einen Track gegen Rechts machen wollte, sondern es anhand dieser Geschichte mit meinem Kollegen verarbeite. Selbst das finde ich aber noch sehr flach, was Songwriting angeht und möchte das in Zukunft subtiler machen. Wenn man reift, was Texten angeht, werden die Aufhänger nicht mehr so offensichtlich. Das Thema bleibt zwar präsent, rückt aber in den Hintergrund einer Geschichte. Ich bin in dem Bereich echt ein schlechter Texter und will besser werden!

Dann freue ich mich schon sehr auf das kommende Album! Gibst du, als Rapper mit Punkvergangenheit, uns zum Schluss noch einen Tipp aus rapfremden Gefilden mit auf den Weg, den sich jeder mal anhören sollte?
Momentan höre ich ehrlich gesagt fast nur noch Beats! Ansonsten höre ich mich aber auch durch so Sixties-Mucke, zu der ich bisher nie gefunden habe, The Kinks zum Beispiel. Aber ansonsten… Terrorgruppe spielen wieder live, habe ich gehört, das war damals mein erstes Konzert bei ihrer damaligen Abschiedstour. Unter anderem spielen die jetzt auch mit einer befreundeten Band – hört euch Mann Kackt Sich In Die Hose aus Dortmund an! Shout-Out an meinen Homie Maz an dieser Stelle. Das ganze Label Spastic Fantastic bringt geile Sachen raus.

Danke dir für das Gespräch!