Foto: Anna Caderas | Quelle: Facebook

Foto: Anna Caderas | Bildquelle: Facebook

Auf einmal war er da, der junge Sänger, Songwriter und Gitarrist Faber. Zwar schlägt Google bei der Suche nach seinem Namen noch Glücksspielanbieter und Schreibwarenhersteller vor, bei Last.FM gewinnt den Kampf ums Artist-Foto noch die gleichnamige Band aus Kanada und Wikipedia kennt den Zürcher Singer-Songwriter auch noch nicht. Doch man hört ihn langsam anrollen, den Hype um Faber. Einer Empfehlung des geschätzten Linus Volkmann folgend legte ich mir erst vor Kurzem seine erste EP „Alles Gute“ zu und war nicht gerade unbeeindruckt von dieser derart eigenen Weise, mit der der Schweizer seine Stücke schreibt und intoniert. Er versetzt sich in seinen Texten in die verschiedensten Rollen, singt Hymnen auf die käufliche Liebe und gegen das Land, in dem er lebt. Zeilen über vespafahrende 13-Jährige, die Wodka-Mint trinken und von ihrem Vater wissen: „Wer zur Schule geht, wird arbeitlos“ – die bleiben hängen. In ihrer Ungewöhnlichkeit wirken sie oft mehr wie Kurzgeschichten als wie klassische Songtexte.

Kein Jahr nach dem crowdgefundeten, sechsteiligen Debüt legt Faber mit vier neuen Songs nach und veröffentlichte Mitte April die – wieder nur digital erhältliche – „Abstinenz“ EP. Zwischenzeitlich ist schließlich auch einiges passiert: Supportshows für Wanda und Annenmaykantereit brachten ihn vor große Mengen, die ohnehin an moderner, deutscher Gitarrenmusik – gerne mit Dialekt – interessiert sind. AbstinenzEine sinnvolle Entscheidung also, seinem neugewonnenen Publikum nochmal fix ein paar neue Perlen vorzuwerfen.

Aber halt: „Abstinenz“ ist alles andere als ein Schnellschuss, der sich zur reinen Bekanntheitssteigerung der vom Vorgänger bekannten Machart bedient. Zwar ist der Titel des Openers derselbe, den er zuvor seinem Erstling gab – „Alles Gute“ – und klingt zunächst in seiner Wandergitarrenlastigkeit auch vertraut, doch schon bald setzen zuvor in Fabers Sound ungekannte Bläser ihre Akzente, ein stampfender Beat gibt dem Song eine Tanzbarkeit, die er zuvor ebensowenig zu bieten hatte. Was den geneigten Faber-Hörer sofort wieder abholt: die einprägsame, angenehm raue Stimme des Schweizers, dessen Dialekt wohl der einzige ist, in dem sich die Zeilen „Wenn du dann am Boden bist, weißt du, wo du hingehörst“ irgendwie reimen.

In „Es wird ganz groß“ holt Faber dann so richtig aus: Ein nach vorn preschender, wunderbar organisch klingender Bossa-Groove treibt ihn in ungeahnte BPM-Sphären, in denen er wieder mal kein Blatt vor den Mund nimmt und sich zwischen Youporn und Fäkalien dorthin singt, wo es ein bisschen wehtut, aber gerade dadurch so beeindruckt. Fast unbemerkt geht es dann Schlag auf Schlag im selben Tempo weiter mit dem Hit der Platte: Wenn Faber im Chor „Die Tram ist leer, ich bin voll“ brüllt, kann man nicht anders, als es ihm zumindest ganz leise gleichzutun und fühlt sich dabei noch nicht mal wie ein Ballermann-Hirni. Von solcherlei ist Faber meilenweit entfernt – vielmehr verkörpert er den angry young man aus der Schweizer Stadt, nicht den Proleten aus der nahgelegenen Skihütte. Das beweist zuletzt auch „Wer nicht schwimmen kann der taucht“, in dem er sich – wie bereits auf dem früheren Stück „Widerstand“ – sehr kritisch äußert und gekonnt diejenigen an die Wand stellt, die selbstzufrieden an selbiger in ihrem Garten lehnen und dabei praktisch den Flüchtlingsbooten beim Kentern zusehen.

So ist „Abstinenz“ eine anständige Erweiterung dessen, für das Faber musikalisch steht: Kleine, nicht selten tragische Geschichten in tolle, eigenwillige Singer-Songwriter-Stücke verpackt. Nun sind es eben auch immer häufiger Singer-Songwriter-Stücke with a twist. Wieder sind es diese unscheinbaren Songs, die einen dann wie aus dem Nichts packen und das Herz des Hörers im Sturm erobern. Und obwohl „Alles Gute“ ein paar mehr dieser Gänsehautmomente zu bieten hatte, ist es gut und wichtig, dass der Schweizer eine weitere Facette von sich gezeigt hat, ohne dabei zu sehr von seiner Linie abzuweichen. Behaltet diesen Mann im Auge, denn – um mit seinen eigenen Worten zu sprechen – es wird ganz groß.