Illustration von Tim Harrius, nach einem Foto von Martin Morris

Okay, reden wir über Fast Weltweit. Dieses sagenumwobene Label aus der ostwestfälischen Provinz, das in einem Satz mit so illustren Namen wie Begemann, Spilker, Distelmeyer genannt werden muss. Nur, wo fängt man da bloß an? Ich sage: Ganz am Ende. In der Jetztzeit.

Denn: Dieser Tage erreichte mein Postfach die Nachricht der Veröffentlichung von „Guten Morgen Sommer“ auf dem geschmackssicheren Hamburger Label Tapete Records. Eine Compilation von 24 Stücken, die Carsten Friedrichs – Tapete-A&R, Ex-Superpunker, DLDGG-Frontmann – zusammengestellt hat. Gemeinsam mit dem alten Bad Salzufler Weggefährten Bernd Begemann wurden die Songs aus dem Archiv einer der weniger populären Fast Weltweit-Bands aufgearbeitet: Die Time Twisters.

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Dass Friedrichs einen Narren am deutschen Untergrund-Powerpop der 1980er und frühen ’90er Jahre gefressen hat, bewiesen bereits seine beiden Sampler „Falscher Ort, falsche Zeit“ und die Veröffentlichung von „Liebe in großen Städten“, das – ähnlich dem am 6. April erscheinenden Time Twisters-Werk – aus verloren gegangenen Songs des Fast Weltweit-Songwriters Michael Girke a.k.a. Jetzt! bestand.

Dass er sich selbst aber auch schon Anfang der ’90er mit seiner damaligen Band Die fünf Freunde Platten mit jenen Acts teilte, könnte weniger bekannt sein.

Genug Gesprächsstoff also, um sich mit diesem großen Förderer der hiesigen Gitarrenpopmusik mal zusammenzusetzen – in den Raum, wo auch die Musikauswahl für „Guten Morgen Sommer“ getroffen wurde!


Warst du eigentlich je in Bad Salzuflen?

Nee, da war ich tatsächlich noch nie. Aber in Bielefeld und Herford, also Ostwestfalen ist mir schon ganz gut vertraut. Aber zu der Zeit, als Fast Weltweit dort aktiv war, war ich noch etwas zu jung. Die sind alle ein bisschen älter als ich. Kennengelernt habe ich deren Musik so ’88.

Das ist ja doch relativ früh – auf welchem Weg kamst du darauf?

Ein Freund von mir hatte das rote Fast Weltweit-Tape und hat mir das mal vorgespielt. Zu der Zeit habe ich selbst angefangen, Musik zu machen, aber es gab kaum gute Musik auf deutsch. Auf englisch konnte ich aber nicht texten, das fand ich irgendwie affig, wusste aber auch nicht, wie man es auf deutsch gut macht. Es gab gute Sachen aus der Neuen Deutschen Welle, aber das war auch schon so abgefrühstückt. Ich hätte gerne etwas gehabt, wie die englischen Bands, die ich mochte, nur mit deuschen Texten. Und die haben genau das gemacht! Das fand ich super.

Das erste Zeitzeugnis, wo sich eure musikalischen Wege gekreuzt haben, ist diese Single „Hit-Doppeldecker“, eine Split-7“ von den Fünf Freunden und den Time Twisters. Habt ihr euch denn davor auch schon mit den Time Twisters und deren Umfeld connectet?

Nein, wir haben die auch im Rahmen dieser Platte gar nicht kennengelernt. Da kam Götz Wentzel aus Krefeld auf uns zu, ob wir nicht auf seinem kleinen Label Viel Leicht Records eine Split-EP machen wollen. Das fanden wir natürlich toll und haben dafür unsere Stücke aufgenommen. Aber nicht mit denen zusammen – ich habe die Band erst jetzt im Rahmen der Compilation persönlich kennengelernt.

Zusammen wart ihr dann auch 1992 auf dem Viel Leicht-Sampler „Hier Super 12, bitte melden“…

Ja! Das fand ich besonders toll, dass wir da mit Huah! auf einer Platte waren. Von den Merricks war ich auch ganz großer Fan. Oder auch Painting By Numbers, da hat unser damaliger Organist mitgespielt…

Viele dieser Bands, aber auch viele andere, sind ja auch auf euren zwei Compilations „Falscher Ort, falsche Zeit“ dabei. Kanntest du die alle noch von damals, oder wie bist du an diese Zusammenstellung herangegangen?

Also die Idee dazu kam, als Peter Hein von den Fehlfarben mal hier zu Besuch war. Ich habe hier mit ihm und Gunther zusammengesessen und wir dachten, man könnte doch mal wieder Stunde X hören. Die kamen ja anfangs auch auf Peters Label Sneaky Pete raus. Allerdings gibt es die Platten heute nicht mehr, genau wie die von den Profis und so. Und da kam die Idee auf, mal so eine Compilation zu machen. Ich habe dann mal geguckt, ob es genügend gute Bands gibt – und die gab’s! Und sie hatten auch alle Lust, da mitzumachen. Wobei, in dem Rahmen bin ich auch auf die Vorgängerband von den Tanzenden Herzen, die sich damals Saturdays Boys nannten und auch auf deutsch sangen, aufmerksam geworden. Die wollen das leider nicht nochmal herausbringen…

Aber ja, viele kannte ich von früher, habe dann aber auch im Freundeskreis nochmal herumgefragt. Zum Beispiel hat mir ein Freund von der tollen Wiener Band The Venue erzählt, die wir dann auch ausfindig machen und für das Projekt gewinnen konnten.

Und jetzt also eine ganze Platte nur mit den Time Twisters, mit 24 Songs – ist das dann schon deren Gesamtwerk?

Absolut nicht! Die Idee zu der Platte kam Bernd Begemann. Der meinte zu mir, nachdem wir die Jetzt!-Platte gemacht hatten: Ihr müsst unbedingt mal sowas mit den Time Twisters machen! Und ich dachte erst, naja, die haben ja sogar eine LP rausgebracht, die es sicher auch noch irgendwo gibt. Von Jetzt! gab es ja damals bloß eine Single. Aber Bernd sagte, die haben so viel aufgenommen, da gibt es sicher 60 oder 70 Stücke. Das wiederum fand ich sehr interessant und habe Frank Werner kontaktiert, der das Label damals betrieben hat. Und der hatte tatsächlich all diese Sachen noch. Ich habe mich dann mit Bernd hier einen Nachmittag in diesen Raum gesetzt, um die 24 besten Stücke rauszupicken – was nicht einfach war!

Der Musikexpress hat vor Jahren mal geschrieben, die Time Twisters seien „durchaus eine Blaupause für das, womit später Superpunk Erfolg hatten“. Würdest du dem zustimmen?

Also erstmal – Erfolg?! (lacht) Erfolg ist doch was für Loser!
Aber ja, die haben mich schon beeinflusst und dazu gebracht, selbst deutsche Texte zu schreiben, das kann ich nicht leugnen.

Was meinst du denn, woran es liegt, dass eine Band wie die Time Twisters erfolgsmäßig ziemlich auf der Strecke blieb?

Die Reichweite einer deutsch singenden Band ist ja allein schon regional beschränkt. Und Deutschland tut sich auch immer schwer mit Popmusik. Die Television Personalities, an deren Sound mich die Time Twisters etwas erinnern, haben in England einen ganz anderen Stellenwert. Aber hierzulande muss es immer eher schwermütig sein, da muss ein Mehrwert sein, über seine Lieblingsgitarre oder seine Lieblingshose zu singen, ist den Leuten hier einfach zu flach! Obwohl das eigentlich doch die wichtigen Themen sind.

Ist denn das gesetzte Ziel so einer Zusammenstellung, den tollen Bands von damals den ihnen zustehenden Ruhm zuteil werden zu lassen?

Wenn sie den dadurch kriegen, ist das natürlich toll. Aber eigentlich geht es viel mehr darum, alte Musik, die aber gar nicht altmodisch oder outdated klingt, wieder zugänglich zu machen. Zum Beispiel von Michael Girkes Band Jetzt! gab es so viele tolle Songs, die man nicht mehr auf Platte hören kann. Das fand ich schade. Glücklicherweise habe ich das Privileg, als Popmusikfan bei einer Plattenfirma zu arbeiten, die das unterstützt. Und dann haben wir das einfach gemacht!

Gibt es weitere Pläne, solche Wiederveröffentlichungen zu machen?

Im Moment noch nicht. Ich hätte Lust, so etwas wie „Falscher Ort, falsche Zeit“ nochmal mit englischsprachigen Powerpop-Bands zu machen, das ist aber auch immer erstmal ein ziemlicher Aufwand. Und spannend wäre es auch, eine S-Chords-Compilation zu machen, da muss ich nochmal recherchieren.


Ich jedenfalls bin gespannt auf die Dinge, die da noch kommen werden, und bedanke mich recht herzlich bei Carsten, dass er sich Zeit für unser Interview genommen hat.

…und was hier noch kommen wird? Nun, vor diesem Gespräch steht „Teil 1“, weitere Interviews mit den Köpfen hinter Fast Weltweit sind bereits in der Mache. Bleibt einfach über unsere sozialen Kanäle informiert:

Wer sich in die Fast Weltweit-Thematik näher einlesen mag, dem sei die dreiteilige Reihe im Tante Pop-Blog empfohlen: #1, #2, #3