Illustration von Tim Harrius, nach Fotos von Axel Peter und Johannes Meyer

Nachdem wir vor knapp zwei Wochen unser erstes, eigentlich längst überfälliges Feature zum legendären Label Fast Weltweit hatten, soll heute unsere Reise in die ostwestfälische Pop-Provinz der ’80er Jahre weitergehen. Während Carsten Friedrichs auf Tapete Records dieser Tage die Werke der damaligen Musiker aufarbeitet, ist Frank Werner von Beginn an eine Schlüsselfigur der Geschehnisse gewesen und bis heute die erste Adresse, wenn es um Arbeiten zum Thema Fast Weltweit geht.

Teil 1: „Der Kompilator“ Carsten Friedrichs über Fast Weltweit →

Bernd Begemann traf ihn, so beispielsweise in dessen Online-Biografie nachzulesen, in der Raucherecke der von beiden besuchten Schule in Bad Salzuflen, denn Frank Werner war der Junge mit dem Kassettenrekorder. So fand zusammen, was zusammen gehörte und Werner betrieb von 1985 bis in die frühen ’90er das Label und leitete alle Aufnahmen, die darauf erschienen sind – oder bis heute in seinem Archiv schlummern. Ebenso archiviert er seit einigen Jahren jegliche, die Musiker damals wie heute betreffenden Artikel auf fastweltweit.de und steht Interessierten – das kann ich aus persönlicher Erfahrung sagen – mit Rat und Tat zur Seite.

Um mehr über die Geschichte von Fast Weltweit zu erfahren, durfte ich mit Frank Werner kürzlich ein Telefonat führen. So ein Interview mit ihm wirkt erstaunlicherweise so, als hätte er nie etwas anderes gemacht. Gutes Erinnerungsvermögen und eine anschauliche Erzählweise muss man ihm definitv attestieren! Hier erscheint nun unser Gespräch als Teil 2 unserer kleinen Interviewreihe.


Wie man so liest, bist du ja eher durch Zufall, durch die Begegnung mit Bernd Begemann, zum Musikproduzieren gekommen. Warst du denn vorher schon Fan von solcher Gitarrenmusik?

Das war ja 1977, 1978. Da war ich Hippie und habe Jazz gehört, Folk, Beatmusik, Psychedelic, auch ganz obskure Sachen. Punk, wie ihn Bernd mit Vatikan gespielt hat, habe ich kaum gekannt. Ich fing dann an, Nightflight von Alan Bangs und John Peel’s Music zu hören, die mich etwas punkifiziert haben. Ich hatte da ein sehr offenes Ohr, weil unheimlich viele Sachen aus Amerika und England rüberkamen. Das Radio hatte eine wichtige Bedeutung, insbesondere BFBS als englischsprachiger Sender von der Rheinarmee, wo ein deutlich lockereres und moderateres Programm lief im Vergleich zum Westdeutschen Rundfunk, mit seinem grausamen Schlagerprogramm.

Und die Musik, die du dann später mit den Fast Weltweit-Musikern aufgenommen hast, war aber schon dein Ding? Oder ging es mehr darum, überhaupt irgendetwas aufnehmen zu können?

Erstmal ging es darum, Leute kennenzulernen. Von Vatikan habe ich ja die ersten Aufnahmen gemacht, mit meinem kleinen Kassettenrekorder und geliehenem Equipment. Wir waren ein paar Leute mit Interesse an Musik, und da blieb dann eben einer übrig, der das Mischpult bedienen musste – und das war ich. Und diese Rolle hat mir gut gefallen. Diese Zusammenarbeit hat mich dann auf ganz neue Sachen gebracht und neugierig auf diese Musik gemacht. Zwischen dem Punkt, ’77, und Fast Weltweit liegt aber noch eine lange Entwicklung. Da war dann noch mein Zivildienst, dann fing ich an zu studieren, und parallel gab es von meinen Eltern einen Bausparvertrag. Keine sehr hohe Summe, vielleicht 7.000 oder 8.000 Mark. Davon habe ich mir dann eine Vierspur gekauft und ein kleines Mischpult. Meine Verwandten haben mich für bekloppt erklärt!

Wie ihr damit dann später eure Aufnahmen gemeinschaftlich gemacht hat, darüber kann man ja auch schon viel nachlesen. Aber du warst auch der Betreiber eures Labels Fast Weltweit, richtig? Wie kann man sich diese Arbeit vorstellen?

Wir alle haben das Label betrieben. Das klare Vorbild dafür waren die Leute von Schneeball Records. Das war in Deutschland der erste Independent-Vertrieb. Ich habe das erstmals mit 15, 16 im lokalen Plattenladen mitbekommen, wo die Musiker ihre Sachen selbstständig angeboten haben, statt einen Vertreter von der EMI hinzuschicken. Das fand ich cool.

Und war das dann auch deine Rolle, in Plattenläden zu fahren und eure Musik anzubieten?

Nein, in erster Linie habe ich ja aufgenommen und produziert. Aber eigentlich hat sich da gar keine Rollenverteilung ergeben, jeder hat alles gemacht und sich untereinander helfen war angesagt. Glücklicherweise waren wir ja nicht auf die Lokalität Salzuflen beschränkt, viele sind früh zum Studieren in größere Städte gezogen. Frank Spilker nach Hannover, Jochen Distelmeyer nach Hamburg, Achim Knorr nach Köln, und Bernadette Hengst und Michael Girke nach Berlin. So hatten wir quasi lokale Niederlassungen, um unsere Sachen zu verkaufen, lokale Konzerte und Touren zu organisieren. Das überregionale Auftreten führte wiederum zu Interesse bei der Musikpresse.

Über diese Städte kamen neue Musiker hinzu und beeinflussten wiederum die musikalische Arbeit und Auseinandersetzung. Jochen Distelmeyer hat zum Beispiel über einen Hinweis in der Spex ’86 zu Fast Weltweit gefunden und einen ersten Kontakt mit den Time Twisters und Andreas Henning. Es gab einen ersten gemeinsamen Auftritt mit seiner ersten Band „White Palms“ im JZ Jöllenbeck in Bielefeld.

Spielte da denn der Wunsch, groß rauszukommen, eine wichtige Rolle?

Naja, was heißt schon groß rauskommen… Es ist natürlich schön, etwas Geld damit zu verdienen und dadurch sein Tun weiterentwickeln zu können. Geld war Mittel zum Zweck, sich künstlerischen Freiraum zu schaffen. Der Antrieb war in erster Linie, Musik machen zu können, damit bestenfalls bekannter zu werden und so für neue Entwicklungen offen zu sein. Für viele war früh klar, dass Musik ein Lebensweg ist.

Hast du eine Erklärung, wie so viele von euch – gemessen an der geringen Anzahl Bands, die es überhaupt auf Fast Weltweit gab – tatsächlich so erfolgreich werden und bleiben konnten? Was haben eure Künstler richtig gemacht?

Sie arbeiten sehr bewusst. Schon früher war uns eine gemeinsame Auseinandersetzung, inhaltlich und ästhetisch, sehr wichtig. Dadurch war jedem Musiker schon sehr früh sehr bewusst, was er macht und wie er’s macht. Wir waren ja nicht nur ein Label, sondern vor allem ein Freundeskreis, der untereinander sehr solidarisch, aber auch sehr ehrlich war. Wenn man über sein Tun bescheid weiß, schafft man sich eine Kontinuität. Aber warum genau eine Band heute erfolgreich ist oder nicht, das ist schwer zu erklären…

Die Time Twisters allerdings blieben immer etwas unter dem Radar. Was meinst du, woran das lag? An der Entscheidung gegen einen Umzug in die Großstadt?

Ich kann das nur für mich beantworten… Wäre ich in die Großstadt gegangen, wäre ich sicherlich verschuldet! Weil Studios verdammt teuer sind, genau wie Equipment, Proberäume, das ist alles mit Geld verbunden. Und die Time Twisters haben ja eine bürgerliche, sichere Karriere für sich gewählt. Alle haben einen normalen Beruf und haben nebenbei Musik gemacht. Bei anderen war es ja so, dass der Musikerjob zu einem Fulltime-Job geworden ist. Und das entstand zwangsläufig aus der Entscheidung, in die Stadt zu gehen, eine gewisse Professionalisierung zu erreichen. Das führte aber auch zu einem ganz anderen Handlungsdruck und auch einem Risiko. Das mag nicht jeder auf sich nehmen.

Und du bist bis heute in Bad Salzuflen, ja?

Nee, in Schötmar, einem kleinen Vorort von Salzuflen. Ist aber genau so schlimm!

Was macht den Ort denn schlimm?!

Naja, Salzuflen ist immer noch ein sehr alter, morbider Ort. Da hat sich nicht viel geändert. Es ist vielleicht etwas offener geworden, ein paar weniger Kurgäste, aber sonst…

Bist du denn auch aus Überzeugung dort geblieben, so wie Andreas Henning das auch mal in einem Interview äußerte?

Oh, ich bin kein Großstadtmensch, da kriege ich immer einen Rappel. Ich fahre da sehr gern hin, um Urlaub zu machen, alte Bekannte zu treffen oder Konzerte zu sehen. Aber ich wollte da nie wohnen, mir war das zu hektisch. So gesehen bin ich schon ein Landei.

Heute bist du sozusagen Archivar der Fast Weltweit-Ära, betreibst die Webseite und Social Media. Aus welchem Antrieb machst du das so akribisch?

Vorwissen hatte ich durch meine Arbeit an einem Online-Lexikon von etwa 1997 bis 2005, da habe ich viel über das Internet gelernt. Der zweite Punkt war 2008, 2009 die Ausstellung „Stadt. Land. Pop.“. Dafür habe ich viel Material zusammengetragen, Bilder für das Begleitbuch aufbereitet, Interviews digitalisiert. Im Anschluss hatte ich all dieses Material und dachte, meine Güte, was machst du jetzt damit? Die Ausstellung war gelaufen und das Buch sehr schnell vergriffen. Ich begann also, Sachen online zu stellen. Parallel mit Ereignissen, die die jeweiligen Bands aktuell betrafen. Das ganze entstand also eher durch Zufall, wurde dann mit den Jahren aber immer voller.

Und hast du in den letzten Jahren, auch im Zuge der Tapete Records-Wiederveröffentlichungen, ein regeres Interesse an Fast Weltweit bemerken können?

Das Interesse war schon vorher da. Das habe ich schon früh an journalistischen Anfragen gemerkt, zum Beispiel von den Leuten vom Komm Küssen-Fanzine. Oder Marcus Bösch, der 2005 Bad Salzuflen besuchte und einfach bei uns klingelte, um uns zu interviewen. Später stand er auf dem Dach unseres alten Studios und sprach von „heiligem Boden“! Da musste ich schon sehr grinsen und habe festgestellt, dass da ja immer noch Interesse besteht.

Scheinbar sind ja von Tapete zur Zeit noch keine weiteren solcher Releases aus dem Fast Weltweit-Kosmos geplant. Gibt es denn Aufnahmen, von denen du dir besonders wünschen würdest, dass sie noch einmal erscheinen?

Da sind schöne Aufnahmen bei, aber die Frage ist ja immer, ob das in den Kontext des jeweiligen Musikers passt. Ob der Musiker mit dem Material einverstanden ist, ob es zu dem passt, was er gerade parallel vorhat. Das ist bei den Weltweits ganz gespalten. Nicht jeder will heute das Material von damals veröffentlichen. Das hat ja auch was mit der eigenen, musikalischen Entwicklung und Identität zu tun. Die Leute sind auf den Aufnahmen noch relativ jung, die Stimme ist weniger entwickelt, Texte werden heute anders empfunden als damals. Es ist eine spannende Frage, ob manche der Sachen wohl nochmal rauskommen können. Aber das wird die Zeit klären…

Und wie gefällt dir die Musik, die deine damaligen Mitstreiter heutzutage machen? Bist du Fan geblieben?

Ja, die höre ich immer noch alle sehr gerne. Und besonders gut gefällt mir auch, durch Frank Spilkers Sendung Frank-a-delic neue Musik zu entdecken. Auch die Sendung Hidden Tracks höre ich sehr gerne.

Also spielt damals wie heute das Radio eine wichtige Rolle für dich?

Heutzutage eher das Internetradio. Sender wie ByteFM sind unheimlich wichtig. Dort Courtney Barnett zu hören und solche Dinge, das ist wirklich toll. Auf der anderen Seite höre ich selten normales Radio, das ertrage ich nicht. Allein schon, wie oft im Mainstream-Radio die Sachen wiederholt werden! Auch die öffentlich-rechtlichen Sender waren da für mich nie eine Alternative, außer vielleicht für Hörspiele und solche Produktionen. Aber so Independent-Sender im Internet sind eine tolle Sache.

Und siehst du das Internet allgemein heute für Bands, die so unabhängig wie ihr damals agieren, eher als Chance auf mehr Bekanntheit? Oder hindert die schiere Masse an verfügbarer Musik eher daran?

Das sehe ich schon als Chance, bekannt zu werden. Weil es so einfach geworden ist, etwas zu produzieren und online zu stellen. Früher war es eine große Hürde, das Geld für Produktionsmittel und einen Vertrieb aufzubringen. Andere Herausforderungen sind aber bis heute ähnlich geblieben, zum Beispiel, Konzertauftritte zu kriegen. Da stehen sich die Bands gegenseitig auf den Füßen und müssen zum Teil schon Geld dafür bezahlen, irgendwo auftreten zu dürfen. Das ist eine gruselige Entwicklung.

Befasst du dich mit der heutigen Musik auch noch aus Sicht eines Produzenten?

Ja und nein. Auf der einen Seite habe ich wirklich losgelassen und bin viel mehr Konsument geworden, während ich früher oft sehr analysierend zugehört habe. Andererseits habe ich aktuell das Video Ich komm zurück von den Time Twisters für Tapete Records produziert. Das war eine neue Herausforderung, aus alten Bildern bewegte Sequenzen passend zur Musik zu schaffen. Den Time Twisters und anderen Musikern hab ich in den letzten Jahren auch bei Aufnahmen und Covergestaltung geholfen. Und ich remastere bei Bedarf immer noch alte Sachen, das werde ich wohl auch nie sein lassen!


Ein Glück, dass er das nicht lassen kann. Dass er auch nicht davon ablässt, diese für die deutsche Musikhistorie bedeutende Zeit der heutigen Öffentlichkeit so zugänglich wie möglich zu machen. Ich bedanke mich ganz herzlich bei Frank für seine Zeit und sein Engagement, das Fast Weltweit bis heute am Leben erhält.

Um auch meinen Teil dazu beizutragen, erscheint in Kürze auch schon der dritte Teil unserer Gesprächsreihe hier auf noisiv.de – bleibt hier up to date: