Illustration von Tim Harrius, nach einem Foto von U. Henning

Vor wenigen Wochen erschien auf Tapete Records die 24-Track-Compilation „Guten Morgen Sommer“ von der Band Die Time Twisters. Seit Mitte der 80er spielten hier Andreas Henning und Jürgen Jahn, lange auch in Begleitung von Frank Jacobs, gemeinsam eine Musik, die es so in Deutschland eigentlich nie gab. Authentisch-frohmutige Gitarrenpopsongs mit Namen wie „Der einzige Surfer“, „Der Junge mit der Mundharmonika“, „Sie ist ein Rebell“. Kein Spät-NDW-Schmarrn, das war schon durch, als Die Time Twisters gemeinsam mit Bernd Begemann und co. auf dem legendären Fast Weltweit-Label ihre ersten Songs veröffentlichten.

Teil 1: „Der Kompilator“ Carsten Friedrichs →

Teil 2: „Der Klangforscher“ Frank Werner →

Doch welche Referenzen lassen sich stattdessen für ihren Sound finden? Und warum geriet die Band, anders als viele ihrer damaligen Wegbegleiter, weitgehend in Vergessenheit? Kann die von Carsten Friedrichs bei Tapete veröffentlichte Zusammenstellung eine Versöhnung zwischen Time Twisters und Musikdeutschland herbeiführen? Das habe ich im dritten Gespräch unserer kleinen Reihe herausfinden wollen, das ich mit dem Sänger und Gitarristen Andreas Henning per Mail führen durfte.


Lass uns am Ende der Geschichte anfangen: 2013, als die Time Twisters (Today) ihr musikalisches Schaffen eingestellt haben. Wie kam es nach dem langen Bestehen der Band zu diesem Schritt?

Der Schritt ging von mir aus. Jürgen und ich waren, um ehrlich zu sein, im besten Alter für eine Midlife Crisis. In dieser Zeit enden bekanntlich schon mal langjährige Beziehungen. Musikalisch waren wir außerdem an einem Punkt, wo wir unseren Stil nicht mehr verbessern konnten, den ich einzigartig fand. Etwas war einfach vollendet.

Hat es euch jemals gewurmt, dass manche Fast-Weltweit-Kollegen so erfolgreich waren und sind, während man schon etwas länger suchen muss, um auf die Time Twisters zu stoßen?

Die anderen haben sich ihren Erfolg durch Talent, Inspiration und vor allem harte Arbeit absolut verdient. Aber, stimmt, wenn es um die Fast Weltweit-Geschichte geht, hadere ich, wenn wir mit keinem Wort erwähnt wurden. Das finde ich dann lieblos, schlecht recherchiert. Aber das ändert sich womöglich.

Bemerkt ihr denn jetzt dank der Tapete-Wiederveröffentlichungen ein regeres Interesse an eurer Musik und generell dem Label?

Fast Weltweit war schon immer interessant, wer alles dazugehört hat und wegen der Hamburger Schule und weil Frank Werner so liebevoll und akribisch die Legende am Leben erhält…

War großer Erfolg für euch je ein Antrieb, Musik zu machen? Oder worum ging es euch bei den Time Twisters?

Es ging um die Liebe zur Musik, sich auszudrücken, anders zu sein, Spaß zu haben, Mitglied in einer Band zu sein, Teil von etwas größerem zu sein. Be young, be foolish, be happy! Ich meine, wir hatten Erfolg!

Ich hätte eigentlich auch gar nicht gedacht, dass wir so erfolgreich werden! Damit meine ich, dass nach 30 Jahren Carsten Friedrichs und Bernd Begemann, die ich persönlich und deren Werk vor allem ich sehr schätze, uns diese Anerkennung zukommen lassen, ja, diese Ehre erweisen. Und dass alle, die wir gefragt haben und deren Meinung uns wichtig ist, uns geraten haben, diese Veröffentlichung unbedingt zuzulassen.

Erfolg ist aber auch, dass ich, wenn ich unsere Musik heute höre, nicht denke „mach den Scheiß aus“, sondern eher „mach den Scheiß aus – nee, warte mal.. Hey, gefällt mir immer noch, das hat was …“

Erfolg ist für mich schließlich auch, dass ich bis heute Musik wie unsere und die meiner zahlreichen Favoriten heute noch genauso liebe, wie als 14- oder 17- oder 20-Jähriger und meine tägliche Dosis davon brauche und noch weiter auf der Suche nach gleichgesinnten, wohlklingenden alten und neuen Bands bin.

Seid ihr denn mit der Titelauswahl auf „Guten Morgen Sommer“ zufrieden?

Die Titel hätte ich möglicherweise zum Teil anders ausgewählt, aber ich glaube, die beiden haben das optimal gemacht. Alle Phasen sind vertreten, aber die Anfänge, unsere Heydays, die stilprägende Zeit bei und mit Frank Werner ist der Schwerpunkt.

Du hast 1988 – zu lesen im Buch „Stadt. Land. Pop“ – geäußert, aus Überzeugung in der Provinz geblieben zu sein. Denkst du heute noch genau so darüber, oder meinst du, dadurch könnten euch Chancen entgangen sein?

Ich hatte, wo ich war, meine Band, meine Freunde und meinen Spaß. Und Hamburg hat sicher nicht noch auf so einen wie mich gewartet. Und außerdem, ich wollte einfach nicht alles genau so machen wie die anderen. Ich hatte auch nicht diese messianische Energie und Überzeugung. Nein, mir ist nichts entgangen. Im Gegenteil, auch damals ging ein Kapitel zu Ende, der Abstand hat mir gut getan.

Später habt ihr euch als Time Twisters Today gänzlich instrumentaler Musik zugewandt. Woher rührte es, dass ihr von da an ohne Gesang gearbeitet habt?

Jürgen und ich haben schon immer diesen frühen, simplen Instrumental Rock’n’Roll geliebt, insbesondere von Link Wray. Bei Bandproben sorgte das auch immer gleich für gute Stimmung, sowas einfach zusammen mal raus zu hauen. Dann kamen Pulp Fiction und das Surf Revival. Großartige Bands. Und wo die alle herkamen – nicht nur USA, sondern aus Kroatien, Belgien, und und und. Und keiner sang englisch mit einem schrecklichen deutschen Akzent! Gleichzeitig wurden die deutschen Texte vieler anderer immer kopflastiger, anstrengender. Nein, wir wollten Musik, zu der man bestenfalls tanzen kann, jedenfalls nebenbei noch andere schöne Dinge tun, als unbedingt das Textblatt mitzulesen. Hamburger Schule, gut und schön, wir sahen uns eher in der Surf Schule. Naja, the master of less is more wird ja heute der großartige Pete Astor genannt. Wir beanspruchten diesen Titel selber schon lange vorher für uns und dachten, scheiß auf die Texte! Das haben wir lange genug und gut gemacht, wir haben eine Haltung und wir wollen Songs und Gitarren Sounds.

Und wo wir schon bei euren verschiedenen Namen sind: Warum denn eigentlich Die Time Twisters, verdammt?

Das war so eine spontane Idee. Die Frage war: Sollen wir doch mal den Namen ändern? Was deutsches, belesenes, gehaltvolles? Hin und her-Diskussion, naja, wie soll die Band jetzt also heißen? Antwort: die Time Twisters, verdammt! Fanden wir gut.

Während mir Carsten die Television Personalities als Referenz mit auf den Weg gab, sieht Frank Werner vielmehr Jonathan Richmann als Einfluss. Wer sind denn nun aus deiner Sicht die Vorbilder eurer Musik?

Meine Lieblingsfrage. Meine Helden und Einflüsse. TVPs habe ich zum ersten mal nachts bei John Peel gehört. BFBS spielte bei uns eine wichtige Rolle. Da dachte ich: welch eine schöne Melodie. Welch ein tragikomischer Text. Das Lied handelt von mir. Und vor allem: die klingen wie wir. Jonathan Richman kam kurz danach. Ich entdeckte ein neues Album von ihm im damals angesagtesten Plattenladen in unserer Gegend, im Rockshop. Wieder diese schönen Melodien, witzigen und weisen Worte, Einflüsse aus den 50’s und 60’s und diese Lebensfreude. Mein ewiger Held. Aber die ersten waren die Beatles und einige ihrer Zeitgenossen, vor allem die Kinks, oder auch Zombies. Ganz wichtig auch die Undertones, Ramones, Buzzcocks. „Ever fallen in love with someone“, “You say you don’t love me“, Punk, Pop und Poesie – ich gerate ins Schwärmen.

Dann sind da Power Pop-Pioniere wie die Flamin‘ Groovies und Nick Lowe. Und: Cleaners form Venus, Martin Newell, noch so ein Querkopf. Homerecording, DIY, aber dabei purer Pop! Hört euch das heute an, kann man alles noch entdecken. Guided by Voices perfektionierten LoFi mit Pop Spirit und manischer Veröffentlichungspolitk. Und jede Menge One Hit Wonder Instrumentalhits wie „Groovin‘ with Mr. Bloe“, oder hört mal auf die Schönheit von „Man of action“, Les Reed Orchestra. Es gibt noch viel mehr: Northern Soul, 60’s Garagenrock. Genug.

1994 erschien euer erstes und einziges Album als LP – bei Viel Leicht Records. Warum nicht mehr über Fast Weltweit? Waren die Strukturen eures eigenen Labels da schon zerbrochen?

Fast Weltweit endete schon früher. Am 27.01.1990, ich habe noch das Plakat, hatten wir unseren letzten Auftritt, meine ich, unter diesem Logo in Bielefeld, mit den Sternen und dem Fremden. Wir waren kein richtiges Label. Wir waren eine Handvoll Typen, die sich gegenseitig hochschaukelten und beeindrucken wollten – mit einem, der ganz anders war, aber ein Tonstudio hatte. Wir hatten kein Label-Mastermind, keinen mit einer Vision und Finanzverstand und auch keinen Vertrieb. Wir haben danach gesucht, aber keiner wollte zunächst den Kram. Danach waren die anderen in Hamburg und wir hier im Keller und hatten losen Kontakt zu einer deutschen DIY-, Tape- und Twee-Szene. So kam meines Wissens Götz auf uns. Dann haben wir das Album aufgenommen und wieder: Kapitel zu Ende und gut.

Habt ihr das echt Twee genannt? Ich hielt das immer für so einen coolen, aber obskuren und eher ungebräuchlichen Genrebegriff. Wer war denn da noch in dieser Szene?

Du hast Recht. Twee gehört eigentlich nicht zu meinem aktiven Wortschatz. Der Begriff kam auch eher erst nach uns auf. Es gab Labels wie Little Teddy Recordings oder Frischluft, aus deren Umfeld meines Wissens wir angefragt wurden, Beiträge zu Samplern beizusteuern. Haben wir das ein oder andere Mal auch gemacht. Armin Müller (From Art To Pop And Back Again), der, wenn man ihn ließ, ein paar Rezensionen in der Spex und vor allem Band-Biografien u.a. der Cleaners from Venus veröffentlichte (strictly independent), veröffentlichte auch Tapes, z.B. von The Jetset. Das war so die Szene.

Wie siehst du den heutigen Pop-Untergrund in Deutschland? Befasst du dich damit und siehst du Bewegungen, die sich mit Fast Weltweit vergleichen ließen?

Das ist die schwerste Frage. Pop Underground, das ist für mich am ehesten heute Livemusik in Kneipen, hier in der Stadt. Vielleicht ein weitgereister Typ, nur mit Gitarre und Stimme und ein Glas Bier vor mir. Rob Lynch zum Beispiel. Neulich sah ich eine Ausstellung von Bruecke-Malern. Da dachte mir, interessante Geschichte, so ähnlich wie wir damals. Typen, die nicht machen, was sie sollen, sondern was sie wollen und das gemeinsam. Aber das ist nicht heute, sondern lange her. Aber sowas ähnliches hat es schon gegeben und gibt es jetzt sicher auch wieder irgendwo. Nur bestimmt wieder mal nicht da, wo alle danach suchen.


Ein Schlusswort, das ich mir besser nicht hätte überlegen können, denn genau in diesem Umstand liegt auch für mich der Antrieb, weiter in der Geschichte von Fast Weltweit zu wühlen: Schönes zu finden, wo nicht jeder schon gesucht hat. Mit den Time Twisters und der aufgearbeiteten Tapete-Compilation ging ja bereits eine wundervolle Schatztruhe auf, mal sehen, was und wer sich hier noch ausbuddeln lässt.

Ich danke Andreas sehr herzlich für das Gespräch und seine Musik!