Fatoni-Dexter_03

Es ist nun schon eine ganze Weile her, dass sich Fatoni als Teil der Rapcrew Creme Fresh einen Namen machte – und nein, das sind noch immer nicht die mit der Kakerlake! Mittlerweile wandelt der Münchner jedoch vermehrt auf Solopfaden und geht lieber nur noch für einzelne Albumprojekte Kollaborationen ein, so geschehen zum Beispiel auf dem großartigen „Nocebo”, das er 2013 mit Edgar Wasser veröffentlichte. Nun ist es ein weiteres Mal so weit: Fatonis neues Album erscheint als Gemeinschaftsprojekt mit dem szeneintern höchst verehrten Beatproduzenten Dexter und trägt den Titel „Yo, Picasso” – eine Referenz auf Pablo Picassos erstes Gemälde, in dem erstmals sein später so bekannter Stil im Ansatz sichtbar wurde.

Wie das mit Fatonis Schaffen in Zusammenhang steht, erklärt er im Opener der Platte: „Benjamin Button” handelt vom im Deutschrap quasi omnipräsenten Phänomen der stetigen Verschlechterung von MCs, die in ihrem Frühwerk noch die heißesten Songs veröffentlichten. Fatoni selbst ist also – der Songtitel verrät es in Anbetracht seiner filmischen und literarischen Vorlage – ypdas Gegenstück zu jener Entwicklung und wird besser und besser. Ein klassischer Representer also, der das Album eröffnet, aber mit einem interessanten Aufhänger.

Den guten, alten Rap über Rap findet man auf „Yo, Picasso” allerdings seltener denn je. Selbstreferenziell gibt sich Fatoni zwar schon, rappt von der eigenen „Authitenzität” [sic!] oder den Veränderungen in seinem Leben und Umfeld in dem von Bläsersamples geprägten „Schauspielführer”. Doch auch von eigenen Erlebnissen abgesehen wird real getalkt und knowledge gedroppt: „Semmelweisreflex” erzählt zwei in den Tiefen des Geschichtsbuchs ausgegrabene Storys von der Dummheit des Menschen, hübsch garniert mit massig Moneyboy’esken Ad-Lips. Sheesh.

Dass er auch ernste Thematiken in gute Songs zu verpacken weiß, zeigt die Videosingle „32 Grad”: Auf Dexters heillos überzogenem Westcoast-Synthie-Beat fasst Fatoni die Vorstellung, die manch minderbemittelter Mensch von einem Flüchtling zu haben scheint, in persiflierende Worte:

„Ich bin Gast in diesem Land. Ich kam hier an mit meinem Pass in meiner Hand. Meine Haut ist an vielen Stellen verbrannt – ich hab‘ die Sonnencreme vergessen, doch liege ständig am Strand! Ich frage die Einheimischen, ob sie den Code für’s WiFi wissen!”

Dieser und auch die allermeisten anderen Texte auf „Yo, Picasso” treffen absolut ins Schwarze – und doch ist Fatoni nicht vollends zufrieden, muss er doch in „Mike” feststellen: „Ich werde nie ein Mike Skinner!” Okay, das Mastermind hinter The Streets, das hier als Beispiel dient, ist schon schwer einzuholen, doch mit dieser Platte ist Fatoni zumindest auf dem richtigen Weg, in Deutschland bald zu den wichtigsten Vertretern der Hip-Hop-Szene zu zählen. Mit den richtigen Leuten hängt er ja auch bereits rum – das großartige „Kann nicht reden ich esse” featuret den nicht minder großartigen Kryptik Joe von Deichkind, mit dem Fatoni bereits auf dem letzten Fettes Brot-Album zu hören war.

Den besten Song der Platte liefert Fatoni mit „Kein Tag” ab. Mit einer gesunden Portion Selbstironie und dem tollen Aufhänger, dass Tage, die nur aus lethargischem Nichtstun bestehen, maximal ein „tagähnlicher Zustand” sind, bringt er dieses Gefühl perfekt auf den Punkt. Chorus-Sängerin Mine und Dexters bassiges Instrumental tun ihr Übriges dazu und so steht der Track stellvertretend für ein wirklich großes Rapalbum: „Yo, Picasso” steckt voller guter Ideen, die in Text und Beat treffend ausgearbeitet wurden und deren Gags immer ein gesundes Maß behalten, die Ernsthaftigkeit dabei nie in den Hintergrund drängen. Die These aus dem Opener bestätigt sich: Es ist das bisher beste, was Fatonis Diskografie hergibt. Man bleibt gespannt, was die nächsten Steigerungen dieses Benjamin Buttons sein werden. Übrigens: Genau über das und vieles mehr sprachen wir gerade erst mit Fatoni im exklusiven Telefoninterview, das hier nachzulesen ist!

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