Dieses Album zu hören, ist ein wenig wie zu spät ins Kino zu kommen. Den Anfang des Films hat man verpasst, aber nun rätselt man bei Popcorn und Cola, was in den ersten Minuten bereits passiert ist. Irgendwann fügt sich dann doch alles zusammen und man ist überwältigt von dieser Genialität und dem Schnitt und den Special Effects. So ungefähr kann man sich das neue Album „Gerne allein“ von Fayzen vorstellen.

Oder so ähnlich. Aber tatsächlich ist es so etwas wie die Fortsetzung vom 2013er Album „Meer“. War Fayzen vorhin noch bis über beide Ohren verliebt, beginnt das zweite Album auf Vertigo/Universal nun mit dem Fall ins kalte Wasser, beziehungsweise dem Verlassen des Mondes auf „Mondverlassen“. Als Zuhörer fragt man sich, wieso ist der Hamburger denn nun so dermaßen desillusioniert? Woher kommt diese Resignation?

Ich hab das Gefühl in diesem Leben kann mich Nichts mehr überraschen, die Menschen sind berechnend wie der Scheiß, den sie so machen. Das Leben ist ’ne Lüge, die macht das wir uns vermehr’n es geht tatsächlich darum. Nur darum und nicht mehr.

Fayzen – Mond verlassen

Das Mädchen ist weg. Die vermeintliche Liebe des Lebens. Der Mond symbolisiert nun die Spiritualität und Irrationalität, von der sich Fayzen in dem Moment beginnt abzuwenden. Wer das Ganze übrigens noch einmal aus der POV-Perspektive erklärt haben möchte, kann hier das Interview mit dem Künstler höchstselbst lesen, das ich vor einigen Tagen mit ihm führen konnte.

Es geht weiter mit dem tollen und titelgebenden „Gerne allein“. Fast ein wenig trotzig erzählt Fayzen darauf, dass er eigentlich niemanden braucht zum Glücklichsein – der Aufarbeitungsprozess beginnt. Und daraus resultiert dann auch ein tolles Album mit unglaublich persönlichen Lyrics. Jede einzelne Zeile ist von Fayzen genau so gemeint und wird eindringlich ins Mikrofon geseufzt.

Nachdem der erste Kummer verflogen ist, hat Fayzen dann auch kurz andere Dinge im Kopf: Familie und Freunde. Und im Hinterkopf lauert dann immer noch die bereits zuvor auf „Mondverlassen“ gewonnene Erkenntnis, dass das Leben vielleicht doch mal ein Ende finden könnte. Man könnte meinen, dieses Motiv schimmere tatsächlich häufiger durch, aber wenig offensichtlich. Deutlich wird es letztendlich auf „Unschuldig“.

Ich spür‘, dass ich gefangen bin und hier ende, aber nur fühl‘ ich mich jetzt zumindest frei im Gefängnis der Natur. All die Schwächen, dich ich habe, nehm ich mit Geduld, ich seh‘ Trauer und Verlust, aber gebe keinem die Schuld.

Fayzen – Unschuldig

Musikalisch ist „Gerne allein“ der ganz große Wurf. Der überraschend bildgewaltige Indiefilm. Auf den Punkt. Das Album wurde vielseitig produziert und klingt einfach unglaublich groß und schön und perfekt. Jeder einzelne Ton ordnet sich dem Text unter und dennoch gelingt es Fayzen diese teilweise schwierigen Texte in einem fast poppigen Gewandt zu präsentieren, das dem Album letztendlich nur gut tut. Da muss man sich fast schon erinnern, dass ‚Pop‘ gar kein so schlimmer Begriff ist…

In „1000 Teile“ hat Fayzen seine verflossen Liebe nun schon fast überwunden, lässt sich aber noch bis „Wundervoll“ Zeit. Im „Outro (Quillagua)“ erfolgt dann endlich die Abrechnung mit der Ex – kein Wunder, dass Fayzen dafür zu seinen HipHop-Wurzeln zurückfindet. Der Kreis schließt sich und der Vorhang schließt sich. Der Protagonist ist etwas desillusioniert, aber geht gestärkt aus den 15 Liedern hervor.

Vermutlich war diese Film-Metapher eine blöde Idee – sorry. Dennoch ist „Gerne allein“ wohl das beste Pop-Album, dass ich in einer langen Zeit gehört habe. Und vermutlich wird es das auch bleiben. Zumindest bis Fayzen sein nächstes Album herausbringt. Ich hoffe, dass ich darauf nicht wieder vier Jahre warten muss. Vielleicht hat Fayzen ja nun mehr Glück in der Liebe. Ich drücke ihm die Daumen!

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