Foto: Caren Detje

Ein Donnerstagnachmittag in der Hansestadt Hamburg. Ich warte vor der Roten Flora auf Fayzen, der sich anschickt, bald sein zweites Album „Gerne allein“ zu veröffentlichen. Eigentlich waren wir bereits eine Stunde eher zum Interview verabredet, aber das Auto musste in die Werkstatt, wie mir der sympathische, wenn auch hungrige Hamburger später mitteilte. Auch ein Künstler hat also seine ganz normalen Allerweltsprobleme.

Apropos Künstler und Allerweltsprobleme: Ersteres zu sein lehnt Fayzen ab von sich zu behaupten und zweites ist vorherrschendes Thema auf dem neuen Album. Natürlich geht es nicht um zu dunkel getoastetes Toastbrot, sondern um die echten Probleme des Lebens. Liebe zum Beispiel. Und irgendwie auch um das Erwachsenwerden. Dennoch klingt das Album fast noch besser, größer und schöner, als das 2013er Album „Meer“.

Schließlich biegt Fayzen ganz legere um die Ecke, entschuldigt sich für die Verschiebung und wir setzen uns in das portugiesische Cafe direkt gegenüber. Nachdem wir beide mit Kaffee versorgt sind und Fayzen sein Crossaint mit Chorizo und Ruccola bestellt hat können wir endlich anfangen.

Moin, was ist in den letzten vier Jahren passiert? Warum hat es so lange gedauert, bis nun ein neues Album rauskommt?

Ich hab erstmal so 1,5 Jahre wild drauf los geschrieben. Mir ist immer wichtig, dass ich die Phase oder Zeitspanne in der ich bin so gut wie möglich einfange. Dass ich eine Lebensphase so gut wie möglich einfange und dafür ist es wichtig, dass ich jeden Tag genau das schreibe oder das Lied mache, was ich gerade fühle in dem Moment. Irgendwann hab ich erkannt in welche Richtung es geht und in welcher Phase ich mich ungefähr befinde.

„Jedes Lied war ein Versuch aus dem Liebeskummer rauszukommen”

Und zwar hab ich irgendwann gemerkt, dass jedes Lied ein Versuch war aus dem Liebeskummer rauszukommen. Das Album fängt eigentlich damit an, dass die Frau, mit der ich damals zusammen war, abgehauen ist. Da gibt es auch so ein Intro drauf auf dem Album, auf dem sie sagt, dass sie den Regen hier einfach nicht mehr aushält. Und wenn sie noch mehr Regen abkriegt, würde sie sich auflösen. Dann geht sie nach Caihua – das ist in Chile. Das ist der trockenste Ort der Erde. Das steht im Guinnes Buch der Rekorde, 15 Jahre lang kein Regen. Da geht sie hin und meine ganze Welt bricht zusammen im Endeffekt. Und jedes Lied eigentlich, das ich in den letzten Jahren geschrieben hab ist so ein Griff nach dem Strohhalm um rauszukommen aus dieser Dunkelheit, aus dieser Trauer.

Und als das irgendwann erkannt hab – nach zwei Jahren erst! -, dass das Album darum gehen würde, hat das mega lang gedauert das fertig zu machen. Ich wollte dass das Album erst fertig ist, wenn ich damit abgeschlossen hab. Ich wollte unbedingt ein Happy End. Und irgendwann habe ich gemerkt: Ich bin raus, ich hab sie losgelassen – da gibt es auch ein Outro-Lied. Darauf habe ich gewartet!

Und natürlich hab ich viel Zeit damit verbracht die musikalische Welt so auf den Punkt zu bringen dass es das widerspiegelt, wie ich mich gefühlt. Das war eigentlich das schwerste. Das mit den Texten ging relativ schnell. Ich musste nur lange auf das Outro warten, auf dieses Loslass-Lied. Aber die meiste Zeit hat es trotzdem gedauert den musikalischen Rahmen dazu zu finden. Dass es sich so anfühlt, wie ich mich gefühlt hab.

Du sagst auf Herr Afshin „weil wir Pech hatten, wurde es ein Flop“ bezogen auf dein erstes Album „Meer“. Kannst du das nochmal erklären? Hast du tatsächlich das Gefühl, das wäre ein gescheitertes Projekt?

„Das Feedback, das ich auf „Meer“ bekomme habe, war krass überwältigend”

Nein, überhaupt nicht! Es bezieht sich auf eine Zeile von Freundeskreis: „Weil wir Glück hatten wurd’s eine Goldene.“. Und ich sag halt, weil wir Pech hatten wurd’s ein Flop. Ich glaub die CD hat sich 12.000-mal verkauft, was nicht schlecht ist heutzutage. Und ich find das Album mega geil. Und das Feedback, das ich darauf bekommen hab, ist so krass überwältigend gewesen, das ich das nicht wirklich als Flop sehe. Aber natürlich: sowas wie ein großes Label, wo ich halt bin [Universal. Anm. d. Autors], sieht sowas schon eher als Flop.

Ich find das neue Album hat auf jeden Fall deutlich „poppigere“ Stellen – gerade auf Wundervoll. Das klingt größer und schöner und runder. Dennoch würde ich nicht sagen, dass du irgendwelche Zugeständnisse gemacht hast, besonders nicht lyrisch. Siehst du das ähnlich oder hast du dich bei der Albumaufnahme doch gefragt, wie man es schaffen könnte, dass es sich 13.000-mal verkauft?

Nee, beim Schreiben kann ich das nicht. Da kommt auch nur Scheiße. Es gab auch mal Phasen, wo ich das probiert hab. Da erwischt man sich immer wieder bei. Da denkt man sich „Vielleicht muss die Zeile so und so sein, damit es den Leuten gefällt“. Aber es ist tatsächlich zu 99.9 % so, dass ich es mir am nächsten Tag anhör, und es mir selbst nicht mehr glaube. Und wenn ich es mir selber nicht glaube ist das Interessante, dass ich dann nicht weiß, wie ich die Musik dazu machen soll. Ich hab dann kein Gefühl mehr zu der Zeile um zu wissen, welche Akkorde ich spielen soll. Und wenn der Text ehrlich gemeint ist, weiß ich relativ schnell, was die Melodie im Hintergrund machen muss oder sowas.

Überhaupt nicht. Wundervoll hört sich schön an, weil ich wollte, dass sich das wundervoll anhört.

Hat es dich geärgert, letztens in einem Video-Interview als Newcomer bezeichnet worden zu sein? Gerade in der Verbindung mit dem obigen Zitat. Hast du das Gefühl, dass dich viele als Newcomer wahrnehmen?

Das kann gut sein. Ich mach schon CDs seit 15 Jahren. Meine erste CD hab ich vor 15 Jahren auf der Straße verkauft. Schon Abi-Zeiten haben wir Alben gemacht und in der Mönckebergstraße verkauft. Das ist jetzt meine fünfte CD. Ich bin eigentlich alles andere als ein Newcomer. Viele wissen auch nichts von meinen ersten 3 CDs, weil die standen nie im Laden.

Foto: Caren Detje

Muss ich nach deinen alten Sachen auf YouTube eigentlich bloß besser suchen oder gibt es davon gar nichts mehr zu hören?

„Wir waren nie auf dem Internetfilm”

Da gibt es so ein, zwei Straßenmusikvideos. Aber wir haben keine Musikvideo oder so gemacht damals. Dadurch dass wir Kohle verdient haben auf der Straße, war uns das scheißegal, ob das noch im Internet steht oder nicht. Wir waren da gar nicht so scharf drauf. Wir waren nie auf dem Internetfilm. Es war halt eine geile Zeit. Wir haben CDs gepresst, die Kosten 1 Euro das Stück in der Pressung, haben die Musik im Wohnzimmer oder im Kinderzimmer gemacht. Bei meinen Eltern oder bei den Eltern von meinen Kumpel, der die Musik aufgenommen hat. Und dann haben wir ein Cover dazu fotografiert. Dann sind wir zum Presswerk gegangen, machen lassen und die für einen 10er vertickt auf der Straße.

Wie kamst du eigentlich auf die Metapher vom Song „Mond verlassen“. Ich find das unglaublich schön.

Das ist ja das erste Lied vom Album. Diese Frau die da abgehauen ist hab ich derbe angehimmelt. Für die hab ich auch „Rosarot“ geschrieben [Vom Album „Meer“. Anm. d. Autors]. Das war so: „Du lässt mich Sachen sehen, die vorher nie gesehen hab. Du lässt mich an das Überirdische glauben“ und sowas. Und der Beweis dafür wäre gewesen, dass wir für immer zusammenbleiben. Und da das ja nicht passiert ist, hab ich daran den Glauben verloren. Wie nennt man das? Ich hab angefangen analytischer zu denken und angefangen mir einzureden, dass ich meine Träumereien sein lassen muss, weil das alles bloß Fantasie ist. So ist das Lied entstanden.

„Ich hab mir eingeredet, dass ich meine Träumereien sein lassen muss”

Das wird jetzt kompliziert… Als ich das Lied geschrieben habe, hab ich gemerkt: selbst wenn ich den Mond verlassen würde, hätte das Leben trotzdem noch einen Zauber. Und dadurch, dass ich akzeptiert habe, dass ich alt werde – weil manchmal will man ja auch dieses göttliche und spirituelle Denken. Manchmal sehnt man sich danach, weil man nicht alt werden will und nicht sterben will. Und auf „Mond verlassen“ sage ich ja: „Bald schon bin ich auf der Erde und wird‘ alt“. Als ich diese Pille geschluckt hab, hat mir das einen derben Frieden gegeben. Dann werde ich halt alt! Dann sterbe ich halt. Na und? Das heißt trotzdem nicht, dass das Leben nicht wundervoll hat oder keinen Zauber hat. Aber dieser Mond symbolisiert auf jeden Fall Spiritualität, Naivität und Fantasie und so was.

Hast du denn selber an dir als Künstler gezweifelt? Du hast mal angefangen zu studieren. Vielleicht hast du überlegt sesshaft zu werden – ich weiß ja nicht wie dein Leben so aussieht als Künstler.

Nee, der Mond symbolisiert nicht die Musik. Ich hab oft darüber nachgedacht, ob ich das mit der Öffentlichkeit lass. Ob ich mein Facebook-Account lösche und so Sachen und nur noch Musik mach, weil das ganze Drumherum oft auch nervt. Ich will einfach nur Musik machen! Ich will nicht darüber nachdenken, wie ich dastehe. Ich will gar nicht anfangen mich von außen zu betrachten, weil dann würde ich aufhören in mir zu bleiben. Und da ist auf jeden Fall am meisten Kreativität.

„Es geht nicht um dich, es geht um deine Musik”

Und in dem Moment, in dem man sich von außen betrachtet, wird es rational und wertend. Das fühl ich überhaupt nicht. Da hab ich schon Momente, wo ich denke: „Ey lass den Scheiß. Lad irgendwo deine Tracks hoch mit irgend’ner Zeichnung. Die Leute müssen ja noch nicht mal dein Gesicht sehen. Es geht nicht um dich, es geht um deine Musik. Du willst nicht dich verkaufen, sondern deine Musik“. Einfach machen und den Leuten zur Verfügung stellen. Darüber denke ich oft nach.

Was für eine Art von Künstler bist du eigentlich? Ich kann mir nicht vorstellen, dass du nur Zuhause sitzt, umgeben von Gedichtbänden, und dann still deine Texte schreibst und sonst gar nichts machst. Oder bist du tatsächlich so ein Mensch und ich irre mich gerade?

Also was den Künstlerbegriff angeht: Ein guter Freund von mir hat mal gesagt – fand ich sehr schlau: Ob man Künstler ist, kann man gar nicht sagen. Man kann nur Rückblickend, wenn er 80 ist oder tot sagen, ob er ein Künstler war. Jeder kann sich als Künstler bezeichnen. Könnte ich jetzt auch machen, weißt du! Aber ich weiß es nicht. Ich weiß nicht was ein Künstler ist und ob ich einer bin.

Ich könnte rückblickend eine Vermutung aufstellen. Aber vom Ding her ist es schon so, dass auf jeden Fall, wenn ich rumlaufe, 70, 80 % meiner Gedanken mit Musik zu tun haben. Dann denk ich mir Melodien aus, aber die allermeiste Zeit hab ich irgendwelche Textzeilen in meinem Kopf. Ich hab auch immer mein Handy dabei und tipp Sachen ein und abends nehm ich die bei mir Zuhause auf. Aber ich unternehm auch derbe viel. Ich brauch das auch. Wenn ich nur Zuhause sitzen würde und Musik aufnähme: das würde auch nicht klargehen.

„Ich weiß nicht, was ein Künstler ist und ob ich einer bin”

Ich versuch auch nicht mich mit diesem Künstlerbegriff zu befriedigen: „Ich bin Künstler“. Ich hasse das voll! Das ist derbe unreal und das ist eingeredet. Ich versuch einfach so doll es geht bei mir zu bleiben und das zu machen, was ich fühle und worauf ich Bock hab. Und ob ich Künstler gewesen bin werde ich in 50 Jahren wissen.

Du hast gerade schon den Begriff ‚real‘ benutzt: du kommst aus dem Hip-Hop. Ist das für dich immer noch ein Einfluss? Ich finde immer, dass man es Personen anhört, die aus dem Hip-Hop kommen und jetzt was anderes machen. Du hast sogar Scratches und Adlibs auf dem Album! Lässt du sowas bewusst einfließen?

Ich denke nicht darüber nach, ob der Song Hip-Hop sein muss oder nicht. Ich weiß auch nicht, was Hip-Hop ist. Ich war früher derbe der Hip-Hop-Head, bin immer mit der Hip-Hop-Flagge rumgelaufen: „Hip-Hop ist der realste Shit! Wir sind eine Community!“. Bis ich irgendwann gemerkt hab, 80 % der Leute, die mit der Hip-Hop-Flagge herumlaufen, die haben gar nicht diesen Community-Gedanken! Die denken nur an ihren Arsch und irgendwann fing es dann an, dass jeder Song nur noch um Party, Saufen, Weiber und Ficken ging. Und spätestens da war dann der Drops mit Community, politischen Inhalten gelutscht für mich.

Irgendwann hab ich mich auch mit einer gewissen Enttäuschung von diesem Hip-Hop-Film verabschiedet und gemerkt, dass es denn eigentlich nicht gibt, so wie ich mir den vorgestellt habe. Dann hab ich angefangen Musik zu machen, die ich selber geil finde. Unabhängig von irgendwelchen Genres oder Sparten.

Ich hasse das auch inzwischen, wenn Leute mich irgendwelchen Sounds oder Stilmitteln kokettieren. Ich hasse es, wenn sich 2017 irgendwelche Leute einen Scheitel ziehen und auf 60er machen! Genauso wie ich es hasse, wenn Leute mit dem Hip-Hop-Film kokettieren, sich irgendwelche Klamotten anziehen und sagen, wir finden nun im Hip-Hop statt oder sowas. Einfach nur, um die Leute abzuholen. Und ich wollte mich immer davon lösen von diesem Gestyle.

Das passt ja wieder zu diesem Künstlerbegriff.

„Ich will unbedingt etwas machen, was es noch nicht gibt!”

Ich will ja auch was Neues schaffen! Kreativität ist super wichtig und ich will ja nichts machen, was es schon gibt. Da hätte ich überhaupt gar keinen Antrieb zu. Ich will unbedingt etwas machen, dass es noch nicht gibt. Und das mache ich nicht indem ich gucke, ah, was gibt es noch nicht, dann mach ich genau das. Sondern wenn ich nur das mache, was ich zu 100 % fühl, dann wird es das nicht geben, weil wir sind alle so individuell, dass wenn eine Millionen Menschen ein Gedicht schreiben, dann würde immer etwas anderes bei herauskommen. Wenn sie einfach nur aufschreiben wir ihr Tag war, wird eine Millionen Mal etwas anderes dabei herauskommen.

Bist du eigentlich jemand der liest? Bei mir steht demnächst eine längere Reise an: Hast du eventuell einen Buchtipp für mich?

Ja, zwei! Beide vom gleichen Autor. Beides von Éric-Emmanuel Schmitt. Das eine heißt „Oscar und die Dame in rosa“ und das andere heißt „Misieur und die Blumen des Korans“. Das ist mega. Ich hab früher richtig viel gelesen. Hermann Hesse und den ganzen Shit hab ich mir richtig böse gegeben. Und irgendwann hab ich gemerkt, wenn ich mir das zuviel reinziehe, fang ich an zu dogmatisch zu denken. Ich lauf durch die Stadt, denke an Spiritualität und wie ich mehr Frieden in mir finde, und dann mach ich irgendwas aber denke, Sidata hätte das anders gemacht.

Und dann werde ich manchmal so dogmatisch, weil ich mich so an das Buch klammer, das ich gerade lese. Und irgendwann war ich auf dem Film: „Ey, du musst alles, was du gelernt hast vergessen“. Und alles was du wissen möchtest, musst du durch Erfahrungen lernen. Keine Ahnung, ob es das richtige ist… Trotzdem will ich die Bücher nicht missen, die ich gelesen hab!


Das neue Album „Gerne allein“ von Fayzen erscheint am 12.05.2017!

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