Mark Lanegan Band - Blues Funeral

Mark Lanegan Band – Blues Funeral

Am sechsten Februar war es endlich soweit: nach acht Jahren hat es der viel beschäftigte Mark Lanegan endlich geschafft, das erste Studioalbum seit 2004 aufzunehmen. Die außergewöhnlich charakeristische und starke Stimme von Lanegan klingt dabei besser als je zuvor und selbiges trifft auch auf die 12 Songs des Albums zu. Blues Funeral ist definitiv schon jetzt eines der stärksten Alben des aktuellen Jahres.

Mark Lanegan war schon immer ein Vertreter der düsteren Seite und da macht auch Blues Funeral keine Ausnahme. Bereits die Vorabsingle The Gravedigger’s Song hat genau das klargestellt. Eben jener Song ist auch der erste, der dem Hörer beim Hören der LP entgegenscheppert. Es geht also direkt los und haut volle Kanne in die Kerbe. Begriffe wie brachial, schwer, beklemmend und düster sind nur einige derer, die hier wie die Faust aufs Auge passen. Zusammen mit den treibenden Drums, die auf dem Album übrigens von Jack Irons – dem Ur-Drummer der Red Hot Chili Peppers – eingespielt wurden, haben wir bereits mit Song Eins den ersten Höhepunkt. Ein Höhepunkt, der die Messlatte für die anderen Songs bereits sehr früh sehr hoch setzt.

Auf der technischen Ebene sperrt sich Lanegan aber nicht auf die typischen organischen Instrumente ein, sondern experiment teilweise stark auf einem von ihm bisher unbekannten Level. Desöfteren hört man den Einsatz von Drummachines heraus und Synthies gibt es ebenso aufs Ohr. Praxisbeispiele sind hier die beiden Songs Harborview Hospital und Ode To Sad Disco. Vor allem bei Letzterem geht das Experiment mit den elektronischen Sounds so weit, dass man es fast als Electro-Pop bezeichnen könnte, über die Lanegan seine Lyrics singt. Jenes Experiment ist aber keines, das scheitert. Ganz im Gegenteil: die beiden Songs sind eingängig, Indie-Club-tauglich und tanzbar. Das mag in Bezug auf Lanegans Stimmspektrum zunächst komisch erscheinen, funktioniert aber außerordentlich gut. Auch Gray Goes Black ist ein Song, der in diese Richtung geht, das Experiment aber bei weitem nicht so weit treibt.

Allerdings spiegelt das nicht das gesamte Album wider, denn es gibt ja noch einige andere Songs. Riot In My House ist z.B. ein schwerer, rockiger Song, der Lanegans Ursprung zeigt, der ja in der Grunge-Szene der Mitt-Achziger bis zur Jahrtausendwende bei den Screaming Trees liegt. Eben jener Song ist übrigens auch unter der Beteiligung von Queens Of The Stone Age Frontmann Josh Homme entstanden, mit dem Lanegan ja bereits seit eben jenen Screaming Trees Zeiten befreundet ist und bei dem er auch in Hommes Band als zeitweise festes Bandmitglied fungierte. In die gleiche Kerbe schlägt auch Quiver Syndrome. Hart rockend mit Tempo und kratzigen Vocals – einfach nur geil! Mein drittes Highlight im Album. Es ist dieses Rohe, was mich hier einfach mitreißt, dieses kurze Besinnen auf die Wurzeln um danach einfach weiterzumachen – immer weiter, so lange es geht.

Mark Lanegan 01

[Bildquelle: 2.bp.blogspot.com]

Aber Mark Lanegan wäre nicht eben Mark Lanegan, wenn er nicht, wie oben angesprochen, ein extrem düsterer und teilweise sogar gruseliger Sänger wäre und die Lyrics nicht hart in diese Richtung gehen würden. Da ist beispielsweise der Song St. Louis Elegy, der vom Sound her sehr an die typischen Italo-Western der früheren Zeit erinnert. Dazu singt Lanegan düster und melancholisch darüber, dass „these tears are liquor and I’ve drunk myself sick“.

Neben St. Louis Elegy gibt es aber natürlich auch noch viele andere Songs auf dem Album, auf denen die düsteren Lyrics vorherrschen. In Phantasmagoria Blues z.B. singt er von Rasierklingen und elektrischen Stühlen, während er sich in Bleeding Muddy Water beinahe mantraartig nach seinem blutenden, nassen Grab sehnt. Dieser Song ist für mich persönlich der düstere (und somit zweite direkt nach The Gravedigger’s Song) Höhepunkt von Blues Funeral. Derartig beklemmendes und schlichtweg unheimliches habe ich in den letzten Jahren nicht gehört. Den im Albumtitel genannten Blues nutzt Lanegan hier um dem Hörer puren Schauer über den Rücken zu sagen. Man kann es praktisch wortwörtlich beim Albumtitel nehmen. Bleeding Muddy Water ist Blues, der zu einem Begräbnis passt – zu seinem.

Genauso beklemmend endet dieses Album dann auch in der Dreierkombination Leviathan, Deep Black Vanishing Train und Tiny Grain Of Truth. Chris Goss, der auf dem ganzen Album den Gitarrenpart übernommen hat, verleiht Leviathan mit seiner Stimme den beklemmenden Kick, der perfekt zu Lanegan passt. Kein Wunder, Chris Goss hat schließlich auch eine großartige Stimme, die er bei den Masters Of Reality (hörenswert!) auch nach über 30 Jahren noch zum Besten gibt.

Deep Black Vanishing Train hingegen ist ein Song, der audiotechnisch den Fokus auf die Akustikgitarre legt. Das ist ein anderes Muster des Düsteren, das in Form von implizierter Einsamkeit aber nicht weniger funktioniert. Genau das spiegelt auch der Text wider, laut dem Lanegan einfach ins Nichts verschwindet.

Mark Lanegan 02

[Bildquelle: MTVHive.com]

Das Finale stellt dann Tiny Grain of Truth dar. Wieder mit Synthies und Drummachines bewaffnet, mit denen ein Song gebaut wird, der ein passendes Ende darstellt. Langsam, repetitiv und von Trompeten begleitet ergibt sich Lanegan als personifizierter Protagonist dem Schicksal und ruft nach dem Doktor, der im Junkie schlummert, der ihm den Rest geben soll.

Nach 55 Minuten sind wir also am Ende eines insgesamt psychedelischen Gehirntrips durch Lanegans lyrische Welt angelangt. Ein bisschen mag dieses düstere Gesamtbild musikalisch irritieren, vielleicht sogar verstören in Anbetracht der heilen Welt, die einem im Schein der Musikindustrie immerzu präsentiert wird. Allerdings ist diese LP schlichtweg Kunst in ihrer Urform. Sie eckt durch die Themen an, geht ein ganzes Stück weiter als vieles andere, beschäftigt sich auch mit unbequemen Themen, eben diesem düsteren. Ich bin mir übrigens dessen bewusst, dass ich das Wort „düster“ unter Umständen ein wenig überstrapaziere. Ich kann mir aber nicht helfen, mir schwirrt beim Hören von Blues Funeral ständig eben jener Begriff durch meine Gedanken und das kommt nicht von ungefähr her, wie ich euch beschrieben habe.

Ist Blues Funeral, als erstes Soloalbum von Mark Lanegan nach acht Jahren (eben jenes hieß übrigens Bubblegum und war ebenso eklatant gut), also eine Empfehlung wert? Zu dieser Frage fällt mir eigentlich nur eine Gegenfrage ein: „gibt es jemanden auf dieser Welt, der das anzweifelt?“. Dieses Album ist ein ganzer Berg an Superlativen und noch viel mehr. Ich empfehle dieses Album jedem, der auf echte Musik steht, der sich nicht für die typischen, halbgaren Machwerke der Musikindustrie begeistern kann und verdammt nochmal jedem, der es lyrisch-sinnbildlich etwas komplexer mag. Dieses Album ist ein absolutes Muss und jedem, der sich dagegen erwehrt, gehört der Vogel nicht nur ein Mal, nicht zwei Mal, sondern mindestens hundert Mal gezeigt und das wäre ebenso noch viel zu wenig. Blues Funeral ist pure Kunst und Genialität!