Feine Sahne Fischfilet

Das Jahr 2014 lud nun wirklich nicht zum Tee trinken ein. Wenn nicht gerade Terrororganisationen aus dem Nahen Osten oder Afrika die Schlagzeilen unserer Tagesblätter dominierten, blieben uns Traditionen wie eine weitere Staffel des „Dschungelcamps“ oder die 7000. Staffel des Nahostkonflikts erhalten – leider. Die Krise in der Ukraine stopfte sämtliche Sommerlöcher. Sinkende Temperaturen lagen sich mit sinkenden Toleranzen im Arm. Und natürlich gab es auch ein paar schöne Momente.

Gegen politische Zustände anzukämpfen kostet Kraft und Ausdauer. Es sind besonders die hiesigen Krisen die ans Herz gehen, die Kämpfe in der Nachbarschaft. Naziaufmärsche begrüßen Flüchtlinge, Hooligans bekämpfen Salafisten und plötzlich ist auch irgendein „Abendland“ gefährdet. Währenddessen fährt auf der Parallelstraße dein Leben an dir vorbei, verpasst Kurve um Kurve, hinterlässt Kratzer after Kratzer – und das Chaos steht. Das haben auch Feine Sahne Fischfilet aus Mecklenburg-Vorpommern feststellen müssen.

Bleiben oder gehen

Auf Konzerten und Festivals glühte nochmal die Abrissbirne des Dorfpunks: Endorphine feierten Feste, Becher wurden geleert, Lungen geteert, Bühnen entkernt, Benehmen verlernt, Benehmen gelernt, Flaggen gehisst und auf Nazis gepisst. Kurzum: es ist wirklich viel geschehenEine Band, welche bereits beim 2012er Audiolith-Debüt Scheitern & Verstehen erklärt Komplett im Arsch zu sein, muss dann auch mal mit der Karre einen halben Gang runterschalten. Vor allem aber durchatmen, Potatoes mal potaten lassen. Shots werden mit Stiften getauscht, die Dauerkarte im Clouds Hill Studio reserviert und das Herz auf die Verstärker losgelassen. Das Rezept geht auf: die sechs Jungs zeigen sich von ihrer vielfältigsten, aber auch emotionalsten Seite. Eine starke Platte.

Die vierte LP Bleiben oder gehen versteckt sich nicht. So gar nicht. Auch dann nicht, wenn in diesen Tagen lauter „Charlies“ die öffentlichen Plätze dieser Republik aufsuchen, wie einst knallige Helgas die Zeltplätze unserer musikalischen Saufausflüge. Die Lead-Single Für diese eine Nacht legte anfang November bereits die Fährte fest (wir wussten das), grüßte auf dem Weg nochmal ganz laut The Clash: frei nach Should I Stay Or Should I Go sind wir schon beim Opener des Albums gelandet.

Kaum die Platte in den Player gelegt, sind die Anleihen an Turbostaats 2013er Platte Stadt der Angst unverkennbar. Und das ist gut so. Veränderung trifft auf Weiterentwicklung, Perspektivlosigkeit auf neue Chancen. Das Leben fährt unaufhaltsam weiter, das Lenkrad hält sich ungleich schwer. Die Band findet inmitten der melancholischen Zeilen die schönen Momente: auch wenn du deine alten Kumpels mittlerweile öfter in deinen Erinnerungen wiedertriffst, statt draußen im Park, ist den seltenen gemeinsamen Nächten noch jede Menge verborgen. Greif‘ zum Hörer, greif‘ zum Gruppenchat und trommel sie zusammen. Wir mögen Nächte. Einige unserer besten Tage waren Nächte!

Die Band wurde tatkräftig von Produzent Thorsten Otto (u.a. Beatsteaks: Limbo Messiah) unterstützt. Es war eine ordentliche Dosis Anpacken angesagt: all die angestauten Gedanken und Emotionen gehörten in zwölf Stücke kanalisiert. Sensible Phasen neigen schließlich häufig dazu zum Ausreissen zu ermutigen, gerne nehmen wir die ein oder andere musikalische Bewegung auf dem Weg mit. So beinhaltet Wut zum ersten Mal in der Geschichte der Band einen Rap-Part, welcher in wenigen Zeilen die Probleme der Band mit dem gegenwärtigen Staats- und Polizeisystem auf den Punkt bringt, ohne dabei dem Punksong zu schaden. Polizisten die Demonstranten niederschlagen? Verdammt uncool. Die Band fightet weiterhin munter das Law und resümiert: „niemand muss Bulle sein“.

Die ehemalige Schülerband schrieb und feilte am 4. Longplayer im verflixten siebten Jahr. Bei der Gründung 2007 dachte noch niemand daran, dass die gleiche Band die sich für eine Platte wie Backstage mit Freunden verantwortlich zeigte, jemals Stücke wie 48 Knoten oder So lange es brennt auf unser Trommelfell loslassen könnte. Feine Sahne, das bedeutet heute: aus den Boxen dröhnt Freundschaft und Pfeffifahne trifft auf Antifafahne. Ich bin jetzt nicht so der Chemiker, noch weniger Laborant oder andersweitiger Warrior der weißen Kittel, doch im Feld konnte diese Gleichung einfach nur eines bedeuten: Liebe.

48 Knoten, ein Song der sich mit den Schattenseiten dieser beschäftigt und die Band an ihre Grenzen drängt. Feine Sahne, das bedeutet vor allem auch Haltung zu zeigen. In der Liebe gar nicht mal so einfach. Umso dankbarer zeigt sich Sänger Monchi für die Unterstützung und das Verständnis seines Umfelds. Und wie er dankt: nie klang seine Stimme stärker, in Zukunft ist noch viel zu erwarten. Erinnerungen an die großen Feten des Vorgängeralbums werden bei Lass uns gehen und der aktuellen Single Ich glaube dir wach. Sie beweisen, dass eine gehörige prise Freundschaft in Gestalt von 44 Minuten Albumlänge euch durchs gesamte Jahr bringen kann, mindestens aber durch die nächsten beiden Jahreszeiten.

Für einen kurzen Moment müssen wir das „Straßenabitur“ aus Lass uns gehen und der längst überfälligen Stellungnahme zu Glitzer im Gesicht im gleichnamigen Track hinter uns lassen. Alles großartige Momente, den großartigsten haben wir uns aber für den Schluß aufgehoben: Warten auf das Meer. Ich werf‘ meinen Hut in die Runde und behaupte, dass Christoph „Tscherny“ Sell uns eines der emotionalsten – wenn nicht gar den emotionalsten Moment – des deutschen Musikjahres 2015 in die Ohren zupft. Ein halb-akustisches Stück, dessen lyrische Wucht sich gar nicht einer Rezension unterwerfen sollte. Hört es einfach. Die allseits bekannten Trompeten begleiten natürlich auch das neue Album und dieses Stück im besonderen. Es könnte Live ein paar Tränen geben. Nein, es wird Live ein paar Tränen geben.

Ist das denn wirklich alles so wunderbar wie hier beschreiben? Nun ja… Eingängige Melodien? Gibt es. Durchdachte Texte? Findet ihr auch. Was die Platten von Feine Sahne Fischfilet seit jeher ausmachen, ist die manifestierte Ehrlichkeit mit jede Menge Schuss und Gefühl. Wer mit ihnen auf Festivals und Gigs warm wurde, kann sich auch weiterhin den Gang in die Sauna sparen. Bleiben oder gehen kann als Übergangsplatte einer Band gesehen werden, die sich in schweren und emotionalen Zeiten gewagt hat das Neue kennenzulernen und das Innere zu erkunden. Scheitern tut man manchmal natürlich immernoch, ein FSF Album ist ja nun auch kein Avengers-Film und noch längst kein Arthouse. Soll’s auch nicht sein, wissen die Jungs. Das mit dem Verstehen klappt nun auch viel besser, in gewisser Weise komplementieren sich die beiden letzten Werke sogar. Ein schönes Album ist es geworden.

Tour

Ist ja ganz schön nobel wenn ihr morgens im Bad nicht lange braucht, das gleiche Verhalten wird an den Konzertkassen des Landes nämlich auch erwartet. Berlin, Hamburg, Köln und Breest zeigen wie ein Ausverkauf geht. Wenn ihr also die Bleiben oder gehen Tournee verpassen wollt, tut Euch keinen Zwang an. Gehen die Shows mit Gästen wie Waving The Guns, Adam Angst, Findus oder Neonschwarz eben ohne Euch über die Bühne. Ätsch. Wer sich heimlich doch noch ein paar Tickets holen möchte, kann das hier tun.

Support

Bleiben oder gehen erscheint am 23. Januar via Audiolith. Schon in Russland freut man sich drauf!

Und sonst?
Für diese eine Nacht: Alte Clips und frische Infos in unserem Artikel vom November!
2 Bier 1 Platte: Monchi steht auf Die Prinzen! Wir übrigens auch!
Im Radio-Interview: Lacht nur, das Medium wird uns noch alle überleben!
Auf YouTube: Vielleicht die einzige Band auf dem Planeten, die die Video-Beschreibungen zu nutzen weiß.
Feine Sahne Live in Moskau: Kein Traum. Ist wirklich passiert.
Konzertfyler: Hands Down, einen besseren hat es lange nicht gegeben.
„Ihr habt doch was vergessen?“: Geschafft! Den Verfassungsschutz nicht einmal hier erwähnt!

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