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Foto: Gabriel Everett

Nicht wenig nervös machte ich mich vor wenigen Tagen auf in die wunderschöne Hamburger Speicherstadt, um Femme Schmidt zum Interview zu treffen. Anlass ist der Release ihres neuen Albums „RAW“. Stattfinden sollte dieses in der Warner Music Lounge, angesiedelt in einem der typischen alten Backsteinlagerhäuser, in denen früher vor allem Kaffee und Tee gehandelt wurden. Unsere Review zu dem Album ist bereits auf noisiv.de erschienen.

Am selben Abend sollte noch der Tour-Auftakt im legendären Mojo-Club auf der Reeperbahn stattfinden. Ein durchaus passender Ort, um diesen filmischen, dramatischen Sound live zu präsentieren. Davor stand uns Femme Schmidt allerdings noch ausführlich Rede und Antwort und lieferte einige bemerkenswerte Aussagen.


noisiv.de: Du hast gesagt, du hättest schon sehr früh gewusst, dass du Künstlerin bzw. Sängerin werden möchtest. Jetzt tourst du um die Welt und hast die Nummer von Hugh Grant im Handy. Bist du dort angekommen, wo du vorhattest als Jugendliche zu sein?

Femme Schmidt: Wow… Ich glaube sogar darüber hinaus. Wenn man als Kind anfängt Musik zu machen, hat man natürlich seine Träume. Als ich dieses Album geschrieben habe, habe ich wahnsinnig viel über mich selbst und meine Musik gelernt und bin voll und ganz in diesem Künstlerdasein angekommen. Das ist ein riesen Geschenk für mich. Das hätte ich selbst vor vier Jahren noch nicht gedacht, dass es so sein kann.

Was lernt man, wenn man ein Album schreibt und unter anderem in London aufnimmt?

Man reflektiert sich einfach ziemlich viel selbst. Und ich bin auch jemand der versucht, sich aus seiner Comfort Zone heraus zu bewegen. Was lernt man? Am Ende lernt man die schlimmsten Seiten in einem selbst kennen und hoffentlich auch die Schönsten. Das Resultat der ganzen Reise ist ein sehr positives.

Jetzt mal ganz offen gefragt. Wäre das was für dich: Der nächste EDM-Hit? Der Robin Schulz-Remix deiner aktuellen Single und wirklich auf die Charts schielen? Es gibt ja im Moment viele sogenannte „Zusammenarbeiten“…

Ich bin für nichts verschlossen und für alles offen. Wenn man mit anderen Künstlern kollaboriert, ist es allerdings immer ganz gut, dass man sich kennt und sowas natürlich entsteht.

Das ist gerade das, was ich immer ein wenig bezweifle. Ich vermute, dass das Label, das arrangiert.

Es kann auch manchmal sein, dass es sowas gibt. Dann hat man den Kontakt durch die Plattenfirma und dann funktioniert das zum Teil gut. Zum Beispiel habe ich Guy Chambers [Produzent und Songwriter, mit dem 2011 das erste Album „Femme Schmidt“ entstand. Anm. d. Verf.] damals auch durch meine Plattenfirma kennengelernt und das war dann eine sehr schöne Symbiose. Aber ich bin auf jeden Fall niemand, der was machen würde, wo ich nicht 100% emotional und persönlich hinter stehen würde.

So habe ich mir deine Antwort auch vorgestellt. Du bist kreativ, du hast dein Album selbst geschrieben. Bleibt denn noch viel Zeit zum Kreativsein, wenn man wirklich viel unterwegs ist? Du hast vorhin ja auch schon deine „Comfort Zone“ angesprochen. Ich stell mir das ziemlich anstrengend vor.

Zunächst mal bin ich natürlich die ganze Zeit kreativ, wenn ich mein Album schreibe. Das ist wahrscheinlich der kreativste Prozess vom Ganzen. Ich bin aber auch niemand, der sich um acht den Wecker stellt und dann sagt: „So und jetzt schreib ich den ganzen Tag Songs”. Ich habe manchmal auch total uninspirierte Phasen. Manchmal sogar 3 Monate lang und dann schreib‘ ich auch nix. Dann gehe ich raus und das find ich auch wichtig als Musiker: Das man nicht vergisst, das Leben zu leben. Meine Aufgabe ist es ja Emotionen zu übertragen, um mich sozusagen mit den Menschen zu verbinden. Dafür ist es ganz wichtig, dass man einfach am tatsächlichen Leben teilnimmt. Und das tue ich in vollen Zügen.

Wie sieht das Leben dann aus? Du bist 26 geworden, deine Schulfreunde von früher beenden wohl gerade ihr Bachelor-Studium und leben bürgerlich. Unterscheidet sich das stark bei dir?

Naja, ich bin ja schon sehr früh ins Ausland gegangen mit 15. Ich war dann auf unterschiedlichsten Schulen – ich glaube auf fünf – bis ich dann Abitur hatte. Das heißt ich habe sehr unterschiedliche Freunde überall und natürlich haben wir ein anderes Leben. Aber ich habe auch noch von früher aus der Grundschule ganz ganz enge Freunde: Wenn die Wege sich noch kreuzen ist es cool und bei Manchen passt es nicht mehr. Da muss man einfach gucken wie es ist.

Du hast in einem Interview erzählt, Du warst dir gar nicht sicher, ob Du das Abi packen würdest…

Ich? Nee! Ich hatte fast 1,9er-Abi! Ich bin doch totaler Mathe-Crack. Ich hatte Wirtschaft- und Mathe-Abitur gemacht.

Tatsächlich? Hattest du irgendwelche Alternativpläne?

Nee, eigentlich nicht. Ich hatte auch gar nicht die Chance dazu, weil ich ja drei Monate nach dem Abitur von Warner gesignt wurde in diesem schönen Haus… Also ich hab mir auch nie einen Plan B gemacht. Für was?

Das finde ich sehr bewundernswert, dass man da selber so dran glauben kann und das ganz ohne Backup-Plan…

Ich glaube der Grund, weswegen ich angefangen habe Musik zu machen damals – da war ich 11 oder 12 – war ein Gefühl in meinem Bauch. Auch ein bisschen Intuition. Das hat mir schon immer, und auch bis heute, total viel Sicherheit gegeben. Das ist etwas, was ich total spüre und sich für mich richtig anfühlt. Natürlich hat man auch mal Momente, wo man aus dem Fenster guckt und denkt: bist du denn total des Wahnsinns? Bei all den Künstlerinnen und bei den Talenten. Aber man muss immer ein bisschen darauf hören, wo einen das Leben hinführt und ich habe nie eine Links- oder Rechtstür bekommen. Es ging immer nur Richtung Musik.

Wie war das damals, als du angefangen hast Musik zu machen?

Ich hatte eine Backing-Track-CD von Carol King. Da sind nur die Instrumentals drauf und da habe ich erstmal ein halbes Jahr jeden Song hoch und runter gesungen.

Wie startet man dann seine Karriere?

Ich habe wie gesagt sehr viel gesungen, war auch im Kindertheater und habe alle möglichen Sachen gemachten. Mit 16 bin ich dann auf ein Musik-Internat in England gegangen, habe da meinen Sound gefunden und angefangen Songs zu schreiben. Und während des Abiturs in München habe ich ein kleines Produzenten-Team zusammengesucht und Songs geschrieben. Mit diesem Album wurde ich dann bei Warner gesignt. Davor habe ich noch meinen Manager kennengelernt, der mich wiederum von YouTube-Videos kannte. Das war alles schon ein längerer Prozess.

War das denn von vornherein Jazz-orientiert?

Nein, mein allererstes Album – welches nie herausgekommen ist – war total Singer/Songwriter-mäßig. So ein bisschen Colbie Caillat glaub ich. Davon ist ein Song auf Ivy Quainoos Album gelandet [„Richest“ vom Album „Ivy“. Anm. d. Verf.]. Da war ich auch noch recht jung – so 18, 19 glaub ich. Danach habe ich mich einfach weiterentwickelt und auch meine Zusammenarbeit mit Guy hat mich natürlich sehr geprägt. Er war für mich ein sehr großer Lehrer und hat mir auch gezeigt, zu meinen Ursprüngen zurückzugehen: Weshalb ich angefangen habe Musik zu machen, was ich gehört habe. Mich halt nur darauf zu konzentrieren. Er war der Erste, der mich gesehen hat, und nicht meinte: „Okay, die macht jetzt Bubblegum-Pop“ oder so. Er hat mir ein bisschen auf den Zahn gefühlt – ich mir dann auch – und so ist das alles entstanden. Schmidt ist so entstanden.

Jetzt war es aber schon so, dass Du den Sound auf dem neuen Album fortführen bzw. auch weiterentwickeln wolltest. Allerdings ohne Guy oder?

Das war gar keine Entscheidung, die ich getroffen habe von wegen: Jetzt schreib ich nie mehr mit Guy. Ich habe auch für das neue Album mit ihm geschrieben, allerdings sind diese Songs nicht aufs Album gekommen. Ich habe ja schon einleitend gesagt: Ich bin jemand, der versucht sich aus seiner Comfort Zone heraus zu bewegen und wenn Du mit jemandem ein ganzes Jahr ein Album zusammen gemacht hast, bist du irgendwann definitiv in der Comfort Zone drin. Und hätte ich mit Guy noch ein Album gemacht, hätte ich noch ein Fühl-mich-gut-Album gemacht. So, wie mein erstes Album. Ich glaube Guy hat mich damals auch ein bisschen an die Hand genommen und jetzt habe ich es alleine durchgezogen. Irgendwann muss man ja auch sein Nest verlassen.

Ich zitiere aus dem Titelsong „RAW“: „I am a bitch with an attitude“. Was meinst du damit? Kannst du das noch ein wenig ausformulieren?

Damit meine ich, dass ich jemand bin, der ganz genau weiß, was er will. „I‘m gonna make you sweat“ geht der Text ja weiter. Und ich habe auch vor, das zu sagen. Das meine ich damit.

Fällt dir das leicht, immer so eine charakterstarke Person zu sein oder gibt es auch andere Momente?

Ich denke, das hört man ganz gut auf dem Album. Ich habe ja so zwei Seiten in mir – habe zwei herzen in mir schlagen. Ich bin total selbstbewusst und hab da auch kein Problem mit, aber wie es auch auf dem letzten Song auf dem Album heißt: „Even the wildest heart can fall apart” [Vom Song „Wild Heart“. Anm. d. Verf.]. Und deswegen bin ich natürlich auch nicht davor gefeit Liebeskummer zu haben, verletzt zu werden und das ist mir natürlich auch schon passiert. Von daher: Ich finde es ist wichtig, dass man jede Emotion zulässt, die auf einen zukommt. Das Album, das ich jetzt geschrieben habe, ist eine Betonmauer, die hinter mir steht und mich stützt. Weil mir das Album so viel bedeutet und ich mich so sehr damit identifiziere. Aber ich habe auch meine schwachen Momente, klar. Gehört ja auch zum Leben dazu.

Femme Schmidt spielt ja auch in den 20er Jahren…

Das erste Album, ja.

Wobei Du auf dem neuen Album auch einen orchestralen Bläsersound hast.

Ich würde eher sagen, dass wir im nostalgischen Sinne klassische Komponenten mit drin haben.

War das eine bewusste Entscheidung? Keine Synthesizer auf dem Album zu haben?

Die gibt es auch!

Okay, zugegeben. Aber sie sind sehr dezent!

Wie gesagt: wenn man so ein Album macht, wird man danach ganz oft gefragt: Warum habt ihr das gemacht? Warum habt ihr dieses Instrument eingesetzt? Das ist einfach in dem Moment passiert, weil wir das gefühlt haben, weil es gepasst hat. Und mir war es auch ganz wichtig bei diesem Album, mich darauf zu konzentrieren, was aus mir selbst rauskommt. Was ich fühle und was nicht. Am Ende kommt so ein Gemisch heraus, wie man es nun auf der Platte hören kann. Das ist nicht geplant oder irgendwie vorgeschrieben. Da gibt es ganz unterschiedliche Möglichkeiten. Man kann auch eine Cornflakes Packung als Shaker auf dem Album haben und keiner bekommt es mit.

Wobei so ein Sound wie Deiner etwas Besonderes ist, was ich sehr toll finde und sehr erfrischend.

Klar. Es sagen ja auch viele Leute, dass sie meine Songs sehr Filmmusik-mäßig finden. Ich bin einfach ein Fan von großen Emotionen und so ein 24-köpfiges String-Orchester pusht da alle Knöpfe.

Auf jeden Fall. Ein sehr mitreißendes Album. Ich bin auch sehr gespannt, wie das heute Abend wird. Wie wichtig ist es dir, das Album live zu präsentieren?

Mir ist das total wichtig. Es ist heut Abend ein ganz besonderer Abend und ich hoffe, dass ich nicht so viel weine und alles hinbekomme, wie ich es mir vorstelle.

Wie ist das denn bei Dir persönlich? Immer sehr stilvoll, klassisch im Cocktail-Kleid auf einer sehr seriösen Gala oder auch einfach mal mit den Mädels Bier trinken und feiern zu elektronischer Musik?

Feiern gehen und Bier trinken im Cocktailkleid! Aber was heißt Cocktailkleid…? Ich bin eine Diva mit Schmutz unter den Nägeln [lacht]. Ich habe ja einfach meinen bestimmten Stil und den habe ich halt immer, das ist nicht irgendwas, was ich ablege.

Also gibt es keinen Unterschied zwischen der Person Elisa Schmidt und der Künstlerin Femme Schmidt?

Ich bin immer ich [lacht].

Du hast schon einen kleinen Hinweis geben: Du bist super zufrieden. Das konnte man jedenfalls heraushören. Was sind denn noch langfristige Ziele für das Projekt Femme Schmidt bzw. für Dich als Künstlerin?

Ich lasse das jetzt erstmal alles auf mich zukommen. Ich habe mir jetzt ziemlich lange Zeit gelassen, um das Album zu schreiben. Jetzt kommt es am Freitag endlich raus und wir gehen erstmal auf Tour. Jetzt kommt das Baby auf die Welt – da habe ich nicht so viel Kontrolle darüber, was danach damit passiert. Ich glaube es ist auch ganz wichtig, dass man das jetzt erstmal ein bisschen loslässt, damit es selber atmen kann.

Wie lang geht die kommende Tour?

Den ganzen März und dann haben wir noch einige Termine im April und dazwischen immer wieder Fernsehauftritte.

Wo fühlst du dich denn eigentlich mittlerweile am wohlsten? Du warst relativ viel unterwegs, deine Familie wohnt wahrscheinlich auch noch in Deutschland.

Ja, die sind auch alle in Berlin. Ich bin totaler Wahlberliner geworden. Ich wohne da mittlerweile seit 6 Jahren. Zwischendurch habe ich auch noch 2 Jahre in London gewohnt, aber fühl mich in Berlin so zuhause wie noch nie. Ich finde das ist eine ganz tolle Stadt, um Inspiration zu tanken, runter zu kommen oder auch manchmal aufzutreten. Ich gehe dann aber auch ganz gerne nach London, LA oder New York. Arbeiten tue ich hauptsächlich immer in London und ich glaub der Mix ist ganz gut. Aber ich fühl mich eigentlich überall wohl.

Auch in Hamburg?

Ja, ich fühl mich sehr wohl in Hamburg! Hier sitzt meine Plattenfirma und deswegen ist auch mein Release-Konzert heut Abend in Hamburg. Das Mojo ist einfach mein Lieblings-Club in Deutschland. Wir sind hier alle ein Team und deswegen feiern wir das gemeinsam in Hamburg und vor allem war Hamburg die letzte Station des Albums. Ich habe hier nochmal einen Song mit Andreas Herbig aufgenommen und der hat mir sozusagen am Ende auch nochmal geholfen das Baby auf die Welt zu bringen. Von daher hat es schon seine Berechtigung, dass wir heute Abend in Hamburg sind. Mit ganz vielen Berlinern!

Wer?

Freunde!

Kommen alle hier hin?

Ja, einige.

Ich bedanke mich einfach recht herzlich. Möchtest du noch etwas loswerden?

RAW!


„RAW“ ist am 4. März über Warner Music Germany erschienen.

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