Findlay 01

Wer hätte das Gedacht: eine Stunde Tanz pro Woche reicht angeblich vollkommen aus, um Körper und Geist langfristig fit zu halten! Zwar können wir euch bei noisiv.de mit Unplugged Sessions, Interviews, Reviews und ähnlichem Gedöns mehr als gerne weiterhelfen, für ein medizinisches Tanzzentrum reicht es trotzdem noch nicht ganz. Glücklicherweise sind wir auch ohne ärztlichem Rezept beim Konzert der Rock- und Popsängerin Findlay am 3. Dezember im Hamburger Molotow gelandet.

Die britische Musikerin, die bereits als Support-Act für Jake Bugg und AnnenMayKantereit in Deutschland auf der Bühne stand, veröffentlichte erst im November diesen Jahres ihre Electric Bones EP. Eine EP, die – das muss ich gestehen – nur zu Teilen überzeugt hat. Großartige Popmelodien trafen auf eine solide Rockproduktion und einer übersteuerten Vocalspur. Auch die elektronischen Einschübe, die den Titeltrack zur Platte schmückten, wollten mich einfach nicht vom Hocker hauen. Und doch konnte am Abend auf der Hamburger Reeperbahn der Gig der Engländerin so sehr überzeugen, dass sich dieser anfühlte wie die verfrühte Öffnung des 24. Türchen des Adventskalenders.

Der Abend wurde mit der sanften Stimme der Singer-Songwriterin Antje Schomaker eingeleitet, welche nicht einmal gegen die parallelspielende Band aus dem Karatekellers des Molotows ankämpfen musste – die Augen und Ohren des Hamburger Publikums waren zu 100 Prozent auf ihre Stücke und den dazu eingestreuten Anekdoten gespitzt. Erst im November trat die Musikerin auch als Support für die Singer-Songwriter Hudson Taylor und Greg Holden auf. My humble prediction: ein Konzert noch und die 1000 Likes sind ihr sicher.

Antje Schomaker 01

Singer-Songwriterin Antje Schomaker live im Hamburger Molotow am 03.12.2015.

Als Findlay samt Begleitband die Bühne betritt und Greasy Love anstimmt, sind die Fans längst guter Stimmung: das zweite Stück aus der Electric Bones EP platzt nahezu aus den Grenzen seiner Produktion heraus und weiß seine Stärken, die zu Teilen an den früheren Blues-Rock der Black Keys erinnern, voll auszuspielen. Die verwendeten Samples und elektronischen Spielereien des EP-Titeltracks wurden im anschließenden Stück auf die Live-Probe gestellt. Habe ich mich anfangs über die Studiofassung des Tracks nicht so glücklich gezeigt, so bin ich nun doppelt glücklich darüber, dass im Molotow keine Bananen verkauft werden, um beim Tanzen nicht auf den Schalen auszurutschen. Ein gutes Konzert bahnt sich an.

Natalie Rose Findlay, wie die Musikerin mit vollem Namen heißt, hat ein Gespür dafür klassische Rockharmonien in moderne Popsongs zu überführen: wie auch schon beim Auftritt der Band auf dem Glastonbury 2014 kommen die nachdenklichen Töne eines Titels wie Stoned & Alone wunderbar beim Publikum an, welches obendrein noch mit einem Gitarrensolo beschenkt wird. Während ein Fotograf – der dem EDM-Fachmeister Steve Aoki verdächtig ähnlich sieht – versucht die Szenarie des Konzerts von Anfang bis Ende der Spielzeit einzufangen, eilt die Londonerin von Stück zu Stück: Junk Food wird zum vorläufigen Highlight des Konzerts und die Linse des Mannes hinter der Kamera dankt den freudigen Gesichtern des Molotows.

Findlay 03

Mit großen Schritten näherte sich das Finale der Show. Your Sister, ein Track der zu den ältesten Stücken in Findlays Fundus gehört, erinnert an ein verlangsamtes Stück aus den hochzeiten des Alternative-Rock mitte der 2000er. Der Grip der Studioversion wird auch im Kiez-Club noch einmal angezogen. Die Stimmung erinnert an abgenutzte Werbeposter, verrauchte Backstagebereiche und Astra-Flaschen die sich in Ascher verwanden.

Das vorläufige Finale besiegelt Sunday Morning: eine Ballade, in der die Sängerin und Gitarristin aus Stockport mit ihrer Gitarre als Schwert auch die kleinsten Gefühle der anwesenden Fans entlockt. Auf vielen Konzerten jener Bands, die noch nicht einen einzigen Langspieler aufweisen können, würde man sich spätestens an dieser Stelle wie auf einem Spielplatz im Industriegebiet an einem kalten Sonntag Morgen fühlen. Bei Findlay nicht.

Findlay 03

Off & On bildete das Finale eines großen Konzerts am Donnerstag Abend im Molotow. Der Erfolg des Konzerts war dabei ganz und gar nicht allein der jungen Sängerin geschuldet: eine ausgezeichnete Begleitband aus Keyboarder, Bassisten, Drummer und einem ausdauerstarken Fotografen sorgten für eine der schönsten Shows der letzten Monate. Mit gestähltem Körper und erfrischtem Geist geht es nach einem letzten Bier und einer erfolgreichen Reise zum Merchstand des Trupps in Richtung Heimreise. Beinahe hatte ich vergessen, dass wir auf dieser Seite des Globus noch nicht im Wochenende waren. Findlay: Mission accomplished.

Und wohin jetzt?
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