Findus 01

Unangemessen miese Smartphone-Fotos: Charles Engelken, noisiv.de

Ich neigte früher dazu, mich zu fragen, warum Menschen eine tiefe Trauer empfinden, wenn sich eine ihrer geliebten Bands auflöst. Die Musik bleibt schließlich und gute Gründe werden die Musiker zumeist auch haben. Am ersten März gaben Findus ihre Auflösung bekannt, für den 20. Mai setzten sie ein Abschiedskonzert an. Nun kenne ich dieses Ohnmachtsgefühl und diese Trauer aus erster Hand. Ich weiß nun, wie es ist, sich zu fühlen, wenn man eines der besten Konzerte seines bisherigen Lebens sieht und dabei weiß, dass es das Letzte dieser Band sein wird. Aber eines nach dem anderen.

Eigentlich sollte das Abschiedskonzert im Hamburger Knust stattfinden. 45 Minuten nach dem Start des Ticket-Vorverkaufs waren selbige vergriffen. Die Reaktion: Eine Hochverlegung in den Ballsaal des Uebel & Gefährlich. Auch die dadurch zusätzlich verfügbaren Tickets waren in Windeseile ausverkauft. Der Ansturm war also praktisch nicht stillbar. Ungefähr 1.000 Leute aus allen Ecken Deutschlands machten sich auf den Weg, um dieser Gruppe noch ein letztes Mal den verdienten Respekt zu erweisen und sie würdig zu verabschieden.

Zoi!s: Die Weitergabe des Staffelstabs

Zoi!s

Für den Support-Slot wurden Zoi!s aus Schleswig eingeladen. Ich sah sie Ende März bereits als Turbostaat-Vorband im Kölner Gloria Theater, wo sie mich überzeugen konnten; dementsprechend freute ich mich auf die junge Post-Punk-Formation aus Schleswig.

Wie erwartet enttäuschten sie nicht! Ihre Musik ist voll von Energie, die Gitarren-Riffs und Basslines greifen einen an den Eiern. Ihre Hauptaufgabe, das Einheizen des Publikums, haben sie exzellent gemeistert; stellenweise sah man bereits kleinere Moshpits. Einzig und allein die Sound-Abmischung war verbesserungswürdig. Die Texte konnte man nur bruchstückhaft verstehen. Eine viel zu häufig auftretende künstliche Einschränkung von Support-Bands.

Gerade, dass Findus eine so junge Band, wie Zoi!s, für ihr Abschiedskonzert auswählten, spricht Bände. Es wirkt ein Stück weit wie die Weitergabe des Staffelstabs. Findus sagen „jetzt seid ihr dran“ und Zo!s haben definitiv das Potential, um eine der großen Bands der deutschen Punk-Szene zu werden!

Findus: Eine letzte Achterbahnfahrt

Findus 02

Es war nun so weit: Das letzte Findus-Konzert stand ultimativ bevor. Schnell nochmal den Wasser- und Nikotinhaushalt mit Bier und Zigarette aufgefüllt (das Uebel & Gefährlich bietet ein Raucherzimmer am Ballsaal – ein vergessener Luxus für mich als NRWler) und dann kamen sie unter tosendem Applaus auch schon auf die Bühne, um ihr Set mit „Anfang vs. Ende“ einzuläuten. Die Stimmung war sofort ausgelassen, der erste Song perfekt ausgewählt: Der Anfang des letzten Konzertes vs. das Ende der Band; Metaebene hoch zehn as fuck.

Jeder einzelne Song wurde von der gesamten Crowd leidengeschaftlich mitgesungen, bereits beim zweiten Song „Handflächen“ stellte sich des Textes wegen die Gänsehaut schon ein und um ein Haar waren die Augen voller Pipi. Tief durchatmen, locker machen, weitersingen. Im weiteren Verlauf wurden unter anderem „Gehen im Schnee“, „Hafenklang“, „Hafencity“ und „Nachtwache“ gespielt. Die 20 Songs umfassende Setlist war bärenstark. Persönlich hätte ich mir „Doris und Peter“ sowie „Adam“ noch gewünscht, allerdings kann man natürlich nicht alles haben.

Über den Verlauf steigerten sich die Band und das Publikum immer weiter – Pogo und Moshpits waren angesagt. Beide Seiten haben noch ein letztes Mal alles gegeben, es war knülleheiß im Ballsaal. Die Konfettikanone belohnte diesen Einsatz am Ende des regulären Sets, als sie die alternative Version von „Feuer ohne Flamme“ spielten. Ein besonderer Moment: Der ehemalige Findus-Gitarrist Moritz Buhmann kam auf die Bühne und spielte zwei Songs mit seinen früheren Bandkollegen. Eine unerwartete, aber umso schönere Geste!

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Findus mit Moritz Buhmann (2.v.l.)

Hier war aber natürlich noch lange nicht Ende! Mit „Mondspaziergang“ wurde der Zugabenteil eingeleitet und da war es wieder: Das Pipi in meinen Augen – dieses Mal aber so richtig. Wie soll man aber auch anders können, wenn es im Refrain „Wenn Du mich verlässt und jetzt gehst / Wenn Du mich alleine lässt / In einem eigenen Versteck ohne eigenem Respekt“ heißt? In einem Konzert dieser Art? Emotionale Verlorenheit, Trauer und irgendwo ist da auch noch Euphorie. Noch einmal nach der eigenen Fassung suchen.

Über „Alcatraz“, das ich im Vorfeld als Setlist-Opener vermutete, ging es zu „Erdbebenwarnung“ und „Feuer ohne Flammen“. Den Refrain des letzteren Songs sang das Publikum unbeirrt auch nach dem erneuten Abgang der Band weiter, bis diese nochmals rauskam, um jenen Refrain nochmal mit der Crowd zu singen. Dann ging es zum großen Finale. „Gold“ von der „Quatscherei“-EP. Der Song war perfekt ausgewählt, denn so beendete der letzte Song der letzten Findus-Veröffentlichung das letzte Konzert der Band. Wieder einmal Metaebene hoch zehn as fuck.

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Noch einmal entlud sich alles: „So mag der Wind uns in das Nichts entführen / Alles wird Gold und alles wird leer“ – bärenstarke Zeilen, die wie die Faust aufs Auge dieses Moments passten. Wieder Gänsehaut bei diesem Duett zwischen Band und Crowd, wieder Pipi in den Augen. Bei keinem Konzert habe ich jemals auch nur eine Träne vergossen; Findus hingegen schafften es mit scheinbarer Leichtigkeit. Noch einmal schoss die Konfettikanone ihre (dieses Mal goldene) Ladung ab, dann war das Konzert zu Ende. Unter tosendem Applaus verabschiedete sich die Gruppe von der Bühne und ihren Fans. Das war es. Klappe zu, Affe tot. Tief durchatmen und sofort in das Raucherzimmer. Der Denkprozess beginnt. Verarbeiten, was man gesehen hat. Noch immer nage ich an dieser Aufgabe.

Das, was rund 1.000 Menschen da miterlebt haben, war etwas ganz besonderes. Eine besondere Band mit besonderen Texten trat ab und hat noch einmal alles mobilisiert, was geht. Niemals zuvor war ich nach einem Konzert sowohl physisch, als auch psychisch derartig mitgenommen. Diese Band in Zukunft nicht mehr sehen zu können bricht mir das Herz, ich fühle eine Leere und Ohnmacht in mir, die ich so zuvor nicht kannte. Findus verabschiedeten sich mit einem Karrierehöhepunkt – einem Konzert, das seinesgleichen sucht.

Findus-Setlist

  1. Anfang vs. Ende
  2. Handflächen
  3. Gehen im Schnee
  4. Hafenklang
  5. Geld frisst Stadt
  6. Sansibar
  7. Nachtwache
  8. Bleiben wo wir sind
  9. Die Delle im Entertainment Programm
  10. Hafencity
  11. Ein letzter Gedanke zum Tag
  12. Weil Du heilig bist
  13. Delphine
  14. Vis a vis
  15. Feuer ohne Flamme
  16. Mondspaziergang
  17. Alcatraz
  18. Erdbebenwarnung
  19. Feuer in Paris
  20. Gold

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