Foto: Kidizin Sane

Berlin. Ich warte vor einem Hotel auf den Rapper Gerard. Überraschenderweise kommt dieser allerdings nicht aus dem sich lautlos öffnen- und schließenden Hoteleingang, sondern von seiner frischbezogenen Wohnung um die Ecke, wie er mir später erzählt. Für drei Monate quartiert sich der Österreicher in Berlin ein, um dem Baulärm vor seiner eigentlichen Wohnung in Wien zu entfliehen.

Im Hotel sind wir bloß, weil man dort nett sitzen kann. Und reden. Letztendlich halte ich 35 Minuten von ganzen 1,5 Stunden auf Band fest, die wir uns bei Cappuccino unterhalten. Über seine Freundschaft zu Matthias Schweighöfer, sein Label Futuresfuture, seine Faszination für Deutschrap-Interviews und natürlich über sein neues Album „AAA“, welches übrigens sein letztes sein könnte, wie er bereits im ersten Halbsatz verrät. Wie Bitte?

Was hast du gerade gesagt?

„Man braucht keine Alben mehr”

Ich weiß nicht ob das Album tatsächlich noch Sinn macht in der Streaming-Zeit. Entweder echt EPs oder Singles, aber so ein Album…? Ich weiß nicht wie du Musik konsumierst, aber ich bin echt ein Streaming-Fan mittlerweile. Es gibt kein Album mehr, dass ich von vorne bis hinten richtig durchhöre. Ich pick‘ mir da immer die geilen Songs raus und pack‘ sie in eine Playlist. Deswegen glaube ich, dass man Alben gar nicht mehr braucht. Dann kann man auch schneller Sachen rausbringen.

Kann ich nachvollziehen. Das macht auch bei vielen Alben Sinn. Aber du bist zum Beispiel ein Künstler, bei dem ich gerne Alben von vorne bis hinten höre. Ein Album hat ja auch eine gewisse Aussagekraft und man kann eine Geschichte erzählen – ich bin Befürworter des Albums.

Ich bin hin- und hergerissen und frage aktuell alle Leute, denen ich begegne.

Ich als wichtiger Blogger sage: Bring bitte weiter Alben raus.

[lacht] Das Ding ist: Das stimmt natürlich mit der Geschichte. Aber ich glaube das kann man auf einer EP mit 5, 6 Songs auch erzählen. Jetzt kam erst der Gedanke bei mir auf – daher auch der Titel „AAA“ –, dass Alben gar nicht mehr einen ordentlichen Titel brauchen. Digital ist „AAA“, alphabetisch sortiert, immer am Anfang. Ich spiel ja auch mit so Clickbaits quasi, weil ich ja so einen Song „The Streets“ habe und auch „Moonbootica Mond“ und immer, wenn du nach Moonbootica suchst, kommt auch mein Song.

Hart kalkuliert!

Für mich fühlt es sich nach einem Album-Abschluss an.

Ist das denn auch das Konzept hinter deinem neuen Label Futuresfuture? Kurze knackige Projekt. Ohne Alben.

„Warum tust du dir das an?”

Nee, eigentlich nicht. Das kommt einfach von den Künstlern. Die meisten sind auch jung – 21, 22. Die wollen gar keine CD mehr. Als ich zum Beispiel mein Album bekommen habe, wollte ich Probehören und ich konnte nicht mehr, weil ich kein CD-Laufwerk mehr hatte! Da hab‘ ich echt alle meine Freunde gerufen und keiner hatte mehr ein CD-Laufwerk. Das war echt ein Knackpunkt, wo ich mir dachte, warum tust du dir das an? Booklet und Presswerk. Das ist einfach nicht mehr Zeitgemäß irgendwie. Ich bin da echt gerade am Überlegen… Schön, dass ich deine Meinung nun auch kenne.

Ich war vor ein paar Tagen in einem Wiener Club, als einer ankam und meinte „Geiles Album“. Da hab‘ ich auch so gefragt und da hab‘ ich voll lange darüber philosophiert, wie er das sieht. Er meinte er wäre auch eher ein ‚Album-Hörer‘.

Du hast mal gesagt: „Ich hätte schon gern mal einen Song, der cool ist und eine gewisse Reichweite kreiert“. Hast du es jemals forciert einen Hit zu schreiben?

Nein, das kann man nicht forcieren. Man kann einen Radio-Hit forcieren, aber das will ich ja nicht. Ich will einen Gerard-Song als Hit. Das klingt zwar so als würde ich einen Radio-Hit wollen, aber ich will halt einen Song, der Gerard voll auf den Punkt bringt. So was wie „Maschin“ für Bilderbuch war. Wo jeder verstanden hat, wofür was die stehen. Und ich glaub sowas kannst du nicht planen. Das muss einfach kommen, aber das hätte ich schon gerne mal. Aber nicht so geplant, der muss echt aus mir rauskommen.

Welcher deiner Songs ist am nächsten da dran?

Wahrscheinlich „Lissabon“, nehm‘ ich an. Manchmal ist der mir persönlich zu glatt. Aber Lissabon war schon so eigen.  Das war was Neues.

Kann ich nachvollziehen.

Es kann auch sein, dass ich heute wieder so einen Hit schreibe, wenn ich Heim fahre. Aber da muss viel zusammenpassen. Und so ist das auch bei Alben. Also ich sag dir ganz ehrlich: Ich find auch „Blausicht“ ist bisher mein bestes Album.

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Das hab‘ ich nicht gesagt!

Ne, aber ich sag das selber. Aber ich find „AAA“ zumindest mal wieder besser als „Neue Welt“. Ja… Es muss einfach viel zusammenspielen, dass es im richtigen Moment dann clasht. Aber ich hätte schon gern einen richtigen Hit mal.

Was sind denn die Sachen die zusammenkommen müssen?

Das Leben an sich einfach. Das glaube ich. Die Stimmung von mir selbst muss die richtige sein. Du musst gerade irgendwas erlebt haben und dann einen Beat hören oder irgendwas, was das triggert. Musik ist ja immer so ein Gefühl. Unter „Moonbootica Mond“ gibt es so einen elendslangen Eintrag von einem, der ist echt lustig, weil der diese Fan-Einstellung sehr gut auf den Punkt bringt. Der hat so angefangen „Ey, bei Gerard, nach „Blausicht“ ging es ihm zu gut. Damals war er jung und hungrig und hatte Zweifel“. Dann hat er aber editiert und meinte „Okay, jetzt hab ich das Album gehört und es ist doch richtig geil“. Dann hat er es nochmal editiert und meinte „Mein Eintrag war voll der scheiß“. Echt der hat so dreimal editiert. Total lustig.

Es ist glaub ich einfach das Leben, dass dich so inspirieren muss, dass du halt so einen Song schreibst.

Würdest du denn sagen, dass es dir zu gut geht, um gute Musik zu machen aktuell?

„Mir geht es gut. Ich habe keine Selbstzweifel mehr”

Das klingt ein bisschen blöd, aber ich schreibe zum Beispiel gerade ein Buch und da meinte mein Lektor auch: „Ein Buch braucht immer einen Konflikt. Sonst ist es langweilig“. Mir geht es schon gut. Ich habe überhaupt keine Zweifel mehr, so blöd das klingt. Ich habe überhaupt keine Selbstzweifel mehr. Dass irgendwas, was ich mir vornehme, klappt. Aber ich glaube trotzdem, dass man so auch geile Musik machen kann. Weiß auch nicht.

Bei mir ist es ja immer so: Wenn du Musik hörst, die dein Feeling aufschnappt, dann gibst du da auch viel mehr rein. Und das war halt eben auch die Zeit, kommt es mir so vor. Da war das größte Problem dieses Generation Maybe-Ding. Ist halt nicht mehr. Jeder, der sich jetzt darüber sorgen macht, würde sagen: „Ey, es gibt gerade echt andere Probleme. Außer dass du nicht weißt, was du tun sollst mit deinem geilen Leben“.

Aber dennoch sagst du, dass Blausicht dein besseres Album ist…

Ja, wahrscheinlich. Weil ich natürlich auch ganz viele Sachen damit verbinde. Das war das erste Mal, dass jemand meine Musik gehört hat – also im größeren Rahmen zumindest. Und wenn jeder jetzt „AAA“ am besten finden würde, würde ich auch denken „AAA“ ist das beste. Es ist auch glaub ich immer etwas abhängig wie Leute das finden.

Die Resonanz zum neuen Album war ja schon sehr positiv.

Voll. Ich bin auch echt happy. Ne, ich bin ja auch voll happy. „Moonbootica Mond“ ist ja mein persönlicher Hit, aber der kommt überhaupt nicht so an. Das merk ich auch. Was ich auch voll schade finde, weil den mag ich halt voll gerne. Der ist für mich wieder voll anders. Und so soll ein Gerard-Hit sein. Der einfach so weit weg ist von allem, was es gerade gibt – nur, dass der dann auch noch ankommt [lacht]. Und Leuten wirklich gefällt. Das ist für mich der Hit des Albums, weil der am mutigsten ist.

Wo siehst du dich denn in 5-10 Jahren?

So lustig, das hat gestern erst eine Freundin gefragt!

Du hast das Label, du schreibst ein Buch, hast bereits von einem Drehbuch gesprochen. Du wirst keine Alben mehr machen…

„Ich geh voll gern raus aus meiner Comfort Zone”

Ich kann es dir ehrlich gesagt nicht sagen, weil bei mir ist echt das Ding, ich hab voll Freude daran neue Dinge auszuprobieren. Ich geh voll gern raus aus meiner Comfort Zone. Ich habe gemerkt, dass es echt lustig ist, neue Dinge auszuprobieren. Meine 5-Jahrespläne sind auf jeden Fall auch in die Schauspielerei gehe, dass ich ein Buch schreibe eben. Einfach geile Dinge mache, darum geht es. Musik werde ich dennoch immer machen. Mir geht es echt schlecht, wenn ich lang keine Musik mach. Ich brauche das. Welchen Prozentsatz das dann an meinem künstlerischen Schaffen nimmt, kann ich nicht sagen. Aber ich werde die nächsten 5 Jahre definitiv Musik machen.

Ist das nicht auch ein finanzielles Risiko. Ich mein: Musiker zu sein und dann Musik nur noch nebenher zu machen.

Ja, aber ich denk ehrlich gesagt so nie. Ich hab einmal gelesen, die Chance in Österreich von Musik zu leben ist so groß wie einen Sechser im Lotto. Ich hab einmal gelesen: “Do what you love and buisness will follow”. Und das glaube ich voll. Wenn du was gern machst, machst du es dementsprechend gut. Und heutzutage kannst du mit allem Geld verdienen. Wie diverse YouTuber oder andere Leute eindrucksvoll beweisen. Sogenannte ‚Influencer‘, die einfach nur einen Instagram-Account haben.

Bist du da sehr aktiv? Versuchst du das zu forcieren?

Nee, ich forcier das nicht. Ich werde kein Influencer. Aber die Story macht mir schon Spaß. Ich liebe einfach Kreativsein. Und wenn am Ende des Tages ein Song von mir rauskommt oder ich einem anderen Künstler bei einem Song helf oder aus einer Idee ein Label wird ist für mich eigentlich nebensächlich. Mir geht es um den Moment des Ideenhabens, um dann zu gucken, wie man das manifestiert. Das ist das lustigste. Und bei Instagram find ich das geile, dass du tagsüber noch ein kleiner Regisseur sein kannst.

„Ich werde kein Influencer”

Ich mach gerne so Gags. Kennst du das mit Matthias Schweighöfer? Oder vorgestern hab ich in die Kamera geschaut und gesungen: „…Liebten aneinander vorbei, doch jetzt ist es vorbei, bei, bei.“ Und dann kommt von hinten die Steffi von Silbermond. Das liebe ich, wenn du mit den Erwartungen spielst und jeder fragt sich, warum macht der das? Ist das eine Message an seine Freundin? Das find ich immer sehr lustig. Wenn ich so Leute treffe überlege ich, was könnte ich für einen Gag machen.

Das mit Matthias Schweighöfer hab ich auch gefeiert.

Da war ich auch echt stolz auf mich.

Wie kam das denn zustande?

Der ist voll der Fan tatsächlich. Der kann jede Blausichtzeile auswendig. Der hat mich damals angerufen und wenn ich in Berlin bin treffen wir uns. Er hat echt einen guten Musikgeschmack.

Ich fand es ja echt super, als ein Interviewer gefragt hat, welchen seiner Filme du denn am schlechtesten fändest. Und du hast tatsächlich gesagt, dass du alles von ihm feierst.

Ich bin kein Hater. Ich mag auch Rom-Coms.

Wie bitte?!

Romantic Comedies. Es gibt echt keinen Film, wo ich mir denk, der ist mir zu seicht. Ich mein, gibt auch bessere und schlechtere – genau wie bei meiner Musik [lacht]. Ich find es geil, wenn Leute Sachen machen. Und wenn es denen scheißegal ist, was andere Leute sagen. Das find ich auch geil. Matthias war auch völlig klar wie er sein Album rausgebracht hat, dass jeder sagen wird, ey, jetzt singt der auch noch. Aber das war ihm scheißegal und das muss dir auch scheißegal sein. Das find ich immer schön und inspirierend.

Ich find ja Männerherzen nicht schlecht.

Spielt der da überhaupt mit?

Das ist die andere Frage…

Ich glaub nämlich nicht [lacht]. Christian Ulmen spielt da mit. Den hab ich auch sehr gern.

Der war aber gut gemacht. Da muss man vielleicht auch mal zugeben können, dass man das gesehen hat und nicht total schlecht findet.

Ja, manchmal kommt es mir vor, so viele Leute reden irgendwas, dass du dir gar keine eigene Meinung bilden willst, sondern automatisch scheiße findest, was der macht. Es gibt zum Beispiel den Film „Kammerflimmern“. Auch wieder so ein doofer Zufall… Oder eben nicht Zufall. Bevor ich ihn kannte, hatte ich auf meinem zweiten Album, „Blur“, einen Satz von ihm in einen Song reingeschnitten und das zum Thema des Songs gemacht. Er sagt: „Wenn gar nichts mehr geht, musst du nur atmen“. Der Song heißt „Einatmen,Ausatmen“.

Du hast mal gesagt, dass du das ‚Rapquiz‘ gewinnen würdest.

„Ich mach mich da nicht lustig drüber”

Ja, aber lustigerweise nur, weil ich den Gossip rundherum aufsauge. Ich guck mir gerne Interviews an und ich weiß gar nicht warum. Ich schau mir gerne Silla-Interviews an, obwohl ich in meinem Leben noch nie einen Silla-Song gehört habe ganz. Auch so ein Manuellsen-Interview mit so Rockergangs und Großfamilien, das ist einfach so weit weg von meiner eigenen Realität, dass ich das interessant finde. Aber ich würde mir nie ein Manuellsen-Album anhören. No disrespect. Von daher würde ich das gewinnen, da das ja nicht um Musik geht.

Ich bin übrigens mit Sierra Kid im ICE nach Berlin gefahren. Der wird ja schon als der neue Interview-König bezeichnet. Hat man da noch Spaß mit den Protagonisten oder macht man sich da drüber lustig?

Nee, lustig überhaupt nicht. Ich mach mich auch über einen Silla nicht lustig, das darf man nicht falsch verstehen. Ich find das total interessant, weil das überhaupt nichts mit meinem Leben zu tun hat. Wenn man über Alkoholsucht spricht oder Manuellsen sagt, wie er zur Abou-Chaker Familie ins Cafe kommt und da ein Beef geklärt wird – das ist so weit weg von meiner Realität. Ich mach mich da nicht lustig drüber. Ich find es interessant, dass es sowas gibt. Und auch Sierra Kid. Dass du dir das Gesicht tätowierst. Das ist eine total andere Welt, aber ich find es interessant da einzutauchen. Eine Welt, die so nah an meiner ist, weil wir eigentlich den selben Beruf haben.