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Neun Jahre ist es her, da veröffentlichte Gerard – damals noch ganz rap-typisch als Gerard MC unterwegs – seine erste 12″-Single „Jede Nacht”. Doch schon damals entzog er sich rap-typischen Performances, trug den Song mit Unterstützung eines Orchesters live vor – ganz offensichtlich strebte der österreichische Rapper also schon damals nach Höherem und nannte sein Debütalbum passenderweise „Rising Sun”. Für mich persönlich ging die Sonne mit dem Nachfolgewerk auf: Mit „Blur” zeigte Gerard sein Storytelling in einem losen Konzept, das ihn durch eine zerfeierte Nacht führte. Eines der ganz großen und unterschätzten Alben des deutschsprachigen Hip-Hops unserer Zeit!

Gerard_CoverDank Vernetzungen zu großen Acts wie Prinz Pi oder den Orsons schaffte es Gerard dann aber doch zur verdienten, flächendeckenden Bekanntheit hierzulande und gab sich fortan einem progressiveren, für Rapmusik noch untypischeren Sound hin, der sich im 2013er „Blausicht” auf Albumlänge manifestierte. Nun geht er mit „Neue Welt” einen Schritt weiter in ebenjene: Seine Vorabsingle „Höhe fallen” ließ dank Deepdream-Video und abermals neuartiger Produktion bereits durchblicken, dass Gerards vierte Soloplatte mehr back to the future als back to the roots ist. So macht es uns auch der Einstieg in die „Neue Welt” klar – Mit drückenden Bassdrums und cloudrap-esken Synthies heißt uns „Ein Gedanke” willkommen – „und es ist plötzlich alles anders als noch vor einem Moment!”, denn kurz drauf lässt unser Protagonist uns wissen: „Kommt raus, die Sonne schneit”! Dieses Wort- und Gedankenspiel machte sich zwar Genrekollege F.R. bereits vor vier Jahren zu eigen, doch statt sich dessen doch recht plump konstruiertem Epik-Beat nach Schema F zu bedienen, setzt Gerard auf ehrliche, toll produzierte Atmosphäre.

Auf das behagliche „Hallo” und bereits erwähntes „Höhe fallen” lässt Gerard den ersten Featuregast folgen: Wie bereits auf seinem letzten Album gastieren die Indie-Hip-Hopper OK KID und erweitern das „Panorama” der neuen Welt um eine aufgeregte Uptempo-Nummer. Nachdem das Kölner Trio in seiner letzten Gerard-Kollabo noch die Stadt ein- und ausatmete, geht es nun raus aus gewohntem Territorium – Bandleader Jonas singt:

„Wenn ich fall‘, richtest du mich wieder auf. Richte allen Leuten aus: Ich bin raus! Raus aus dem toten Winkel. Bin da wo sich der Horizont zur Liebe im Detail verbindet.”

Die Aufbruchstimmung und Freude am Vorankommen lässt sich durchaus als textliches Kernelement in Gerards neuem Werk erkennen. So gibt er in „Hymnen” zu verstehen: „Wir sind immer da, wo oben ist!”

Trotz allem Willen zum Fortschritt bleibt die Vergangenheit aber doch nicht gänzlich auf der Strecke: Das melancholische „Licht” verarbeitet den Tod seines Großvaters und hält mit „Spielst du mal ’ne falsche Note, dann spiel‘ sie einfach noch mal und spiel‘ sie laut!” eine der schönsten Zeilen seines neuen Albums bereit.

Den zweiten Gastauftritt bestreitet Maeckes, in letzter Zeit vor allem als Teil der Orsons bekannt und wie auch Gerard ein absolutes Talent im Storytelling. Dass die beiden hervorragend zusammenpassen, ließen sie bereits im „Blur”-Track „Wahllose Szenen” hören und liefern auch mit „Gelb” wieder lyrische Highlights ab:

„Auf dem Spielplatz gegenüber fragt ein kleines Kind das andere: ,Sag, was würdest du jetzt tun, wenn die Sonne explodiert?‘ und es sagt: ,Ich würd‘ reingehen. Ich würd‘ so schnell wie möglich reingehen.’”

Maeckes hingegen lässt das Kind fragen: „Sag mal ’n anderes Wort für Synonym!” und gibt uns hübsche Merksätzchen wie „Wenn man sich immer alle Türen offen hält, herrscht Durchzug” mit auf den Weg

All diese Songs fügen sich wunderbar ineinander, trotz des durchaus abwechslungsreichen Soundbilds zieht sich auch musikalisch ein roter Faden durch die zwölf Stücke. In den Texten passiert selbiges ohnehin: immer wieder begegnet uns die Natur in Form von Sonne, Ozean oder Atmosphäre in den Lyrics. Nachdem bei „Blausicht” noch die Großstadt und persönliche Emotionen das lyrische Grundgerüst bildeten und es den einzelnen Tracks in ihrem Instrumental etwas an Zusammenhang mangelte, hat sich mit seinem aktuellen Werk also einiges getan bei Gerard. Mit Piano, tackernden Drums und Sätzen wie „Wollten wir uns widersetzen, sollten wir wohl erstmal stehen” führt er es mit „Goldregen” an ein euphorisches Ende, das uns noch einmal den Beginn seiner Reise in die „Neue Welt” in Erinnerung ruft, denn nun heißt es: „Schnell, kommt alle raus! Die Sonne regnet Gold!”

Die LP zeigt erneut, wie viel Potential in Gerard steckt und wie passend der Name seines Indie-Labels Heart Working Class ist, denn das Herzblut und die Liebe zum Detail lassen sich deutlich aus den Tracks heraushören. Kaum jemand in der deutschsprachigen Musikwelt gibt sich so der klanglichen Progressivität hin wie er – dass er daraus nun auch ein derart rundes Album geschaffen hat, hebt ihn nochmals einige Stufen höher in der Rangordnung der wichtigen Rapper dieser Tage. Beeindruckende Leistung!

„Neue Welt” erscheint am kommenden Freitag, den 4. September und enthält in der Deluxe-Version zudem sieben Songs in live eingespielten Akustikversionen – wem die Instrumentals also doch zu elektronisch geraten sind, muss also trotzdem nicht gänzlich auf die schönen Arrangements und inspirierenden Texte verzichten!

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