Foto: K. Hintze

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Die Backstory sollte ja mittlerweile bekannt sein: Eine Hälfte des Duos, das bei Pro7 nach Stefan Raabs Weggang zum besten Hengst im Stall wird und der ehemalige Basser einer der damals wichtigsten Bands im deutschen Indiepop trafen sich vor langen Jahren in Hamburg, um Musik zu machen. Aus dieser musikalischen Freundschaft reifte irgendwann die Band Gloria und das ebenso betitelte Debütalbum heran: Eine kluge, ruhige und schöne Platte, die so manchen zarten Ohrwurm abwarf. Selbst eine Coverversion des wohl bekanntesten Enno Bunger-Songs „Regen” setzten Klaas Heufer-Umlauf und Mark Tavassol mit Bravour um und schufen sich so mit ihrem akustisch geprägten Pop eine sehr solide Basis für weitere Zusammenarbeit.

Dass diese nun schon nach weniger als zwei Jahren in einer zweiten LP mündet, hätte man bei den zahlreichen weiteren Beschäftigungen, die man besonders von einem der Mitglieder öffentlich wahrnimmt, nicht erwartet. Gloria_Cover_800Umso erfreulicher also, dass sie nun – passend zu Tavassols ehemaligem Beruf – im Arztkittel-türkisen Look ab dem 7. August erhätlich ist: „Geister”.

Mit „Heilige und Hunde” starten Gloria gewohnt behutsam in das Werk, um es langsam mit einem ersten Hit-Refrain in Bewegung zu setzen. Heufer-Umlaufs prägnante, dezent angeheiserte Stimme singt „Keiner bekommt was er verdient” und „Keiner verdient was er bekommt!” Was hier bereits auffällt, ist die Erweiterung des Soundbilds: Mit wabernden Riffs geben Tavassols Gitarren dem Stück einen Hauch von Post-Rock. Besonders stark zeichnet sich dieser auch in „Stolpersteine” ab: Ein Beat, der fast ausschließlich durch bedrohlich hallende Bässe getrieben wird und massig Atmosphäre erzeugt.

Besonders eigensinnig kommt „Das Seil” daher – die Gloria-typische Akustikgitarren-Basis trifft auf eine treibende Post-Punk-Hook mit einer recht überraschenden Gesangsmelodie, in der Heufer-Umlauf kundtut:

„Wir sind wie wir sind: Wie ein Zelt auf grauem Boden, blau und gelb. Wir sind verbunden durch das Seil, das uns hält. Bevor es reißt und zerfällt. Sonst sind wir schon verloren.”

Das Verlieren des Halts im Leben scheint ohnehin eines der Kernthemen auf „Geister” darzustellen. In „Kreis” besingt Heufer-Umlauf die Notwendigkeit, seine Bewegung im Leben zu behalten und illustriert das hervorragend mit der bedeutsamen Zeile „Verrückt bist du erst dann, wenn du glaubst, dass dir nichts passiert, solange du wartest”, die den Text zum stärksten des Albums werden lässt. Und treffliche Merksätzchen, die er stets duzend vorträgt, lassen sich auch auf dem hymnischen „Haut” ausmachen:

„Ohne die Kraft gibst du auf und ohne die Liebe gehst du aus. Ohne die Angst fliegst du raus und ohne den Mut gehst du drauf. So viele Straßen sind verwoben, es wäre Zeit für ein Gebet. Doch du kannst gut damit leben, dass es nur die Menschen gibt.”

Tavassols Bässe dröhnen unter jenem Refrain; es fällt auf, wie bedacht die Band darauf zu sein scheint, das Ganze nie vollends in einen stumpfen, Editors-mäßig stadiontauglichen Song aufgehen zu lassen und stattdessen einen eigenen Sound zu behalten. Etwas Pathos lassen sie sich zwar nicht nehmen und steigern Songs wie diesen oder „Das, was passiert” in ausufernde Outros hinein, etwas Glanz und, nun ja, Gloria vertragen ihre Indie-Popsongs auch sehr gut. Doch zu keinem Zeitpunkt stellt sich das Gefühl ein, all das schon mal gehört zu haben! Besonders nicht von Gloria selbst. Die auf dem ersten Album sehr präsente Barhocker-Ästhetik und Smoothness weicht dringlichen Post-Punk-Riffs und tanzbarem Beat im eingängigen „Ohne Träume”.

Besonders angesichts der Kürze der Entstehungszeit haben sich Gloria mit ihrem zweiten Album einer beachtlichen Weiterentwicklung unterzogen, lassen Experimente zu und verlieren doch nie den roten Faden, der sich durch einprägsame Hooks und hintersinnige Lyrics auszeichnet. Dass diese Veränderung im Sound besonders ausgelöst wurde durch die Konzerterfahrungen zur ersten LP, deren Liveband nun auch als Studioband bei „Geister” fungierte, verrieten uns die beiden Köpfe der Band im Interview, das wir vor einiger Zeit mit ihnen führen durften und dass ihr in der kommenden Woche bei uns nachlesen könnt. Gloria ist sehr gesund in eine neue Phase ihres Schaffens hineingewachsen und das macht Hoffnung, dass uns das vom Projekt zur handfesten Band gereifte Konstrukt zukünftig noch so einige weitere Überraschungen bieten wird. Zunächst erscheint nun aber das wirklich beeindruckende „Geister” am 7. August bei Grönland Records.

Geister

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4.1 von 5 Sternen (40 customer reviews)

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