Foto: Presse / Landstreicher Booking

Es ist Samstag. Es ist Spektrum Festival. Ich bin bereits ein paar Stündchen auf dem Gelände unterwegs und konnte mir einen Eindruck von diesem bunten Treiben machen. Ab und zu schlag ich auch die Hände über dem Kopf zusammen, aber eigentlich lässt es sich bei Bier und Beats auf dem MS Dockville Gelände bestens aushalten. Weiteres lässt sich übrigens in meinem Festival Rückblick nachlesen.

Nachdem ich mir im Pressecontainer noch schnell ein Wasser gemopst habe, treffe ich Goldroger vor dem Artistbereich, der sich gerade mit einem umtriebigen Manager unterhält, dessen Identität hier aber unerwähnt bleiben soll. Diese Story gibt es dann auf der nächsten Noisiv-Weihnachtsfeier zu hören. Nachdem wir aber endlich in einer ruhigen Ecke Platz genommen haben, schmeiße ich den Recorder an und wir unterhalten uns über das Line-Up des Spektrums, verpatzte Festivalauftritte und zweite Alben. Viel Spaß!

Hast du dir eigentlich das Line-Up angeschaut?

Ja klar! Wir spielen auf der DJ-Bühne, da spielen auch ein paar geile Sachen. Die Achse zum Beispiel würde ich gerne sehen. Ansonsten RIN würde ich mir angucken. Wen ich am liebsten sehen würde ist Loyle Carner. Der hat draußen gerade pervers gut Fußball gespielt mit den Jungs, der könnte auch aufm Platz stehen. Aber da haben wir eine miese Überschneidung leider.

Den wollte ich mir auch ansehen…

Ja guck dir lieber Loyle Carner an.

Haha, ich überleg’s mir. Ich würde schon sagen, dass das Line-Up sehr viele neue Künstler beinhaltet und einen sehr modernen Sound liefert. Ist das deins?

Meins ist eigentlich alles. Also ich bin da nicht festgefahren. Ich höre auch viel andere Musik: Indie und sowas, Techno. Ich kann eigentlich alles hören, von daher ist mir das egal. Ich kann UFO361 genauso feiern wie … Umse. Um beim ‚U‘ zu bleiben. Ich bin da ganz offen und kein Realkeeper oder so.

Ich saß vorhin auch noch in der Klüse, hab ein Interview von dir gelesen, das du in Wien gegeben hast…

The Message!

Ich musste sehr lachen, als ich vom „Deutschroger“ gelesen hab.

Der Deutschroger und die besorgten Bürger! Wir spielen auch viel zu wenig Auftritte im Osten, das wäre eine gute Maßnahme.

Hast du eigentlich den einen Song ‚gegen Rechts‘?

Ich find sowas bescheuert. Der Song gegen Rechts, dann kommt der Song gegen Kapitalismus… Ich hab einen Song, „Yunus“ heißt der, und ich hab in mehreren Songs mal eine Line, aber ich find das immer so bescheuert… Das ist jetzt der politische Song zu dem Thema: das find ich zu eindimensional so Musik zu machen.

Wie wird das dann auf dem neuen Album aussehen?

„Deutschrap-Songs über Frauen sind in der Regel super peinlich”

Das nächste Album ist auf jeden Fall wesentlich städtischer von der Thematik her. Und es geht auch wesentlich mehr um Frauen, weil ich glaube, dass das in Deutschland noch kaum einer cool gemacht hat. Deutschrap-Songs über Frauen sind in der Regel super peinlich. Und ich glaub, dass ich das schon von der Wortwahl besser hinkriege als die meisten. Auch ohne, dass es kindisch oder kitschig wird [lacht]. Das ist jetzt natürlich gut vorgelegt, aber doch, das krieg ich hin. Und vom Sound ist es auf jeden Fall auch sehr anders als „Avrakadavra“. Es gibt immer noch viel Gitarre…

Auch alles mit Dienst & Schulter?

Auch mit ein paar anderen Leuten. Ich bin großer Fan von diesem Prinzip wie das bei Kanye West ist, dass jedes Album für sich steht und in sich ein abgeschlossener Kosmos ist von Artwork bis zur Liveshow und Sound und Thematik. Und dementsprechend ist das nächste Album nicht unbedingt die Fortsetzung von „Avrakadavra“.

Hast du da schon was im Kopf?

Ja, ich hab ein paar Sachen, aber das wär jetzt doof, das zu spoilern, weil das Album kommt erst nächstes Frühjahr [lacht]! Ich will halt schon was machen, wo dann alle sagen „krass, wieso hat da keiner dran gedacht?“. Das hat halt in Deutschland so noch keiner gemacht. Das sagen auch immer alle Rapper, aber ich hab’s ja bei der letzten Platte auch hingekriegt. Und die nächste Platte steht eben auch wieder komplett für sich. Ich will jetzt nicht spoilern und dann macht irgendwer anders das vorher.

 Aber nächstes Frühjahr ist spruchreif?

Ich würde das schon anpeilen, dass es im Frühjahr irgendwann kommt. Das weiß man halt nie. Ich hab jetzt richtig angefangen zu schreiben, hab jetzt in den letzten Tagen im Auto zwei Tracks geschrieben. Mal gucken, wenn das jetzt so weitergeht, dann im Frühjahr. Wenn nicht, dann im Herbst. Es wird aber 2018.

Freu ich mich! Was macht dir eigentlich mehr Spaß: eigene Tour, kleine Clubs oder Festivalbühne?

Mir definitiv eigene Shows. Klar, beim Appeltree Festival hatten wir so eine riesen Crowd – das ist schon geil. Aber bei der eigenen Show hast du halt nur Leute, die sich so committen, dass sie dafür sogar Geld bezahlen würden. Dann nehmen sie auch die Arme hoch, dann springen sie auch. Das macht mir mehr Spaß. Außerdem spiel ich nicht so gern unter hellem Himmel, weil wir ein paar Songs haben, wo das nicht passt. Und wir sind einfach noch nicht groß genug, um abends zu spielen.

„Ich spiel nicht so gern unter hellem Himmel”

Mal schauen, vielleicht ist das mit dem nächsten Album anders. Ich merk das jetzt, dass man fürs Festival ein paar Nummern braucht, die wesentlich mehr Druck machen. Bei so einem UFO ist das kein Problem einen Moshpit zu haben. Es ist aber auch meine erste Festival-Saison, ich glaub da wächst man dran. Ich glaub, dass wird irgendwann noch mehr Spaß machen, aber momentan hab ich noch mehr Spaß bei eigenen Shows.

Direkt aus den 70ern: Goldroger bringt „Avrakadavra“!

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Versuchst du denn einen Hit zu schreiben? Um das mal so platt zu formulieren… Damit es größer klingt und mehr Leute erreicht?

Ich glaub nicht, dass man einen Hit so geplant schreiben kann – zumindest heutzutage nicht mehr. Die Leute können bei so Streaming-Sachen relativ selber entscheiden, was sie cool finden. Und wenn der Song genug Fahrt aufnimmt, landet der in Playlists und wird dadurch wieder stärker. Ich glaub, dass Sachen, die etchy sind, durchaus ein Hit sein können. Aber klar, ich mach jetzt mein zweites Album und ich weiß jetzt besser, worauf es bei einem Song ankommt.

Ich war nie so gut drin Hooks zu schreiben glaub ich. Das war auf „Avra“ schon ein Stück besser, als auf dem Mixtape davor und das wird mit der nächsten Platte noch ein Stück besser. Ich glaub, dass da noch ein paar bessere Hooks dabei sind und dementsprechend auch ‚Hits‘.

Unter welchen Bedingungen hast du das Gefühl dein zweites Album zu machen: Verspürst du mehr Druck oder geht es dir leichter von der Hand?

„Ich kann mich im Endeffekt ja nur steigern – glaub ich zumindest.”

[Überlegt] Also ich hab das erste Album komplett high geschrieben und das Album will ich jetzt nüchtern schreiben. Von daher: Ich weiß es grad nicht, woran es liegt. Ich glaub es liegt nicht daran, weil es das zweite Album ist. Es lief jetzt erstmal ein bisschen schleppend, weil ich es nicht gewohnt war nüchtern zu schreiben. Ich freu mich ja voll drauf eine Platte zu machen. Ich hatte jetzt auch nicht den riesen Erfolg. Ich glaub zum Beispiel, wenn man das AnnenMayKantereit-Album hört und man liefert so ein krasses Album ab und das ist der Oberbrecher, dann ist das ein ganz anderer Druck ein zweites Album abzuliefern als bei mir jetzt. Ich kann mich im Endeffekt ja nur steigern – glaub ich zumindest.

Dieses Konzeptalbum wurde aber gut angenommen und viele Leute kennen jetzt deinen Namen.

Es ist jetzt nicht schlecht gelaufen, aber es auch nicht so groß, dass es auf mich jetzt einschüchternd wirkt. Es ist nix, wo ich glaube, dass ich das nicht nochmal so hinkriege. Vor allem weil ich ja die ganzen Fehler raushöre. Ich höre ja was mir nicht gefällt und was ich das letzte Mal scheiße gemacht hab. Ich hab voll undeutlich auf vielen Tracks gerappt. Ich wollte jeden Part als One-take aufnehmen. Manchmal ist dann auch einfach cool zwischendurch zu cutten. Klar sollte man alle Parts live auch durchrappen können, aber wenn es dann für die Betonung besser ist…

Und das sind so viele Sachen, die ich höre auf „Avrakadavra“, dass ich das als völlig beschissenes Album wahrnehme. Wenn ich die Platte höre, höre ich ja nur die Sachen, die mir nicht gefallen. Deshalb hab ich eher Bock ein neues Album zu machen. Deswegen glaub ich, das geht mir eher leichter von der Hand.

Hast du eigentlich eine Live-Situation, die dir besonders im Gedächtnis geblieben?

Ne, das ist auch so ein Ding. Da sind so viele schöne Momente bei – wenn Leute die Hook mitrappen, feier ich das krass ab. Oder als wir in Köln gespielt haben im ausverkauften CBE, klar ist das supercool, wenn man weiß da sind so viele Leute, die man schon so lange kennt. Oder in Dortmund, wenn ich da spiele. Das ist halt nochmal eine ganz andere Sache vor Leuten zu spielen, die ich schon eine Ewigkeit kenne.

„Ich erinner mich immer nur an die schlechten Momente”

Aber sonst erinnere ich mich auch spontan nur an die ganzen Situationen, wo ich was verhaspelt habe, wo ich einen Texthänger hatte, wo Moritz [von Dienst & Schulter] eine Gitarrenseite gerissen ist, wo das Gitarrenkabel einen Kabelbruch hatte und das Gitarrensolo nicht kam, wo Ableton abgekackt ist. Also ich erinnere mich immer nur an die schlechten Momente, glaub ich [lacht].

Aber ich glaub das ist gar nicht so ungesund, dadurch wird man besser. Also ich bin nicht so zufrieden und wenn man schnell zufrieden ist, dann verliert man schnell den Drive. Kohle motiviert mich jedenfalls nicht so krass, wie mein eigener Ehrgeiz mal eine Platte zu machen, mit der ich leben kann.

Meinst du, du kriegst das hin?

Vielleicht bei der Nächsten. Ich hoffe! Und wenn nicht bei der Nächsten. Und dann bei der danach. Aber vielleicht sollte ich das auch gar nicht hinkriegen. Wer weiß, was danach passiert. Es kann auch gut sein, dass ich nur noch zwei Goldroger-Alben mache und dann mach ich was anderes. Da bin ich auf jeden Fall auch der Typ für, der so einen irrationalen Move bringen würde. Dass ich dann sag, ich kann jetzt singen und spiel Gitarre und mach dann so eine King Krule-Platte und scheiße halt auf Rap. Je nachdem.

„Es kann sein, dass ich nur noch zwei Goldroger-Alben mache”

Du bist echt unzufrieden mit dir.

Ich mach halt einfach gerne Mukke. Das auf jeden Fall. Es geht immer mehr. Es gibt immer den besseren Mix, es gibt auch immer eine besser Line und es gibt einen cooleren Take, aber wenn man nur so denkt, bringt man nie was raus. Deshalb ist es für mich auch nicht schwer für mich ein Album zu machen, weil ich nicht denke, dass das ein Meisterwerk sein muss. Das muss halt die beste Momentaufnahme vom Status Quo sein. Ansonsten läuft man einem Luftschloss hinterher, das klappt halt nicht. Glaub ich. Wer weiß. Es gibt so krasse Rapper, die noch nie ein Album fertiggebracht haben und auch so krasse Rapper, die daran scheitern und deshalb nie ihr zweites Album rausbringen oder ihr drittes.

Mir fällt gerade keiner ein, der bloß ein Album rausgebracht hat…

„Ich will super gern Pop-Songs machen”

Oder der danach halt ein zweites beschissenes Album rausgebracht hat, weil sein Manager dann gesagt hat, yo, du musst jetzt das und das auf dem nächsten Album machen. Auf einmal sagen dir tausend Leute, was funktionieren würde und du willst das glauben. Weil du willst ja nicht, dass es aufhört. Da verlierst du dich selber voll drin. Ich will jetzt keine Namen nennen, aber da gibt es mindestens einen richtig erfolgreichen großen deutschen Rapper, der glaub ich besser beraten wäre, wenn er nur cool rappen würde. Der dann aber den Move zum Pop machen musste – oder wollte – und jetzt einfach da drin für mich so krass unbeholfen wirkt.

Wenn einer Pop machen will, ist das ja geil. Ich will zum Beispiel super gern Pop-Songs machen, weil ich damit eine andere Konnotation hab. Wenn man aber glaubt, Pop ist nur dumme Musik, die nach Schema F funktioniert, dann sollte man das vielleicht lieber nicht machen. Da gibt es wie gesagt einen Rapper, der zumindest für mich komplett an Reiz verloren hat.

Also: Wie sieht heute dein Abend noch aus? Du schaust dir Die Achse an?

Yes, und dann guck ich mir glaub ich noch RIN an. Vielleicht spring ich auch von der Bühne und renn direkt zu Loyle Carner und hoffe, dass er „Mean it in the morning“ noch spielt.

Ich kann dich auf jeden Fall auffangen!

Haha, ich bin krasser Fan. Ich war gerade voll Starstruck, als ich den gesehen hab. Bei dem läuft’s aber auch richtig gut… Der ist ja auch so ein absurd talentierter Rapper. Das ist zum Beispiel so ein Ding: Ich kann viel Musik feiern heutzutage, auch in dieser neuen HipHop-Entwicklung. Aber ich bin auch jemand, der das richtig krass wertschätzt, wenn einer so ein handwerklich guter MC ist. Ich seh das auch wieso sich Leute darüber abfucken und Loyle Carner ist definitiv so ein Typ, der ein krasser Rapper ist.

„Ich würde Loyle Carner so gern live sehen”

Der das, was er macht, halt so unfassbar krass draufhat. Boah ey… Ich würd den so gern live sehen. Auf dem Splash konnte ich den schon nicht sehen und in Köln hab ich es auch verpasst.

Scheiß einfach auf dein eigenes Set.

Haha, ich hab auch schon überlegt! Unser Slot wurde ja verlegt und ich hatte fest auf dem Zettel Loyle Carner zu gucken und jetzt klappt das leider nicht… Ich hätte auch vorhin Chima Ede gesehen, aber wir waren im Stau.

Alter!

War killa, ne?

Der ist underrated. Was der live draufhat!

Ist das noch an [der Recorder]? Das muss nämlich auf jeden Fall jemand hören. Chima Ede ist der krasseste!

„Chima Ede ist der krasseste! ”

Ich würde Loyle Carner so gern live sehen. Das sag ich dem auch immer. Ich glaub das ist auch richtig unangenehm, wenn so ein anderer Rapper zu dir kommt: „Boah, Bruder, wenn ich dich höre, ist das dasselbe Gefühl, das ich hatte, wenn ich damals alte Dynamite Deluxe-Platten gehört hab“. Wo du halt einen Typen hörst und denkst, boah, der ist so ein krasser Rapper!