Grimes 01

Grimes, so nennt sich der Alias der kanadischen Electropop-Künstlerin Claire Boucher. Als Grimes schreibt und produziert sie ihre traumähnlichen Stücke, sowie dreht und schneidet die Videos dazu – wie kaum eine Zweite im aktuellen Popgeschäft das von sich behaupten kann. 2011 schoss sich die heutige 27-Jährige mit ihrer Erstveröffentlichung, der „Darkbloom EP“, in die Herzen der Musikblogs, ehe nur ein Jahr später mit dem Major Label-Debüt „Visions“ auch der kommerzielle Erfolg nachzog.

Pitchfork wählte die Single „Oblivion“ zum bisher größten Popsong des Jahrzehnts, und auch der Arbeitsplatz der Produzentin und Songwriterin in Eigenregie sollte sich ändern: Ein Signing bei Jay-Z’s Roc Nation Label hier, ein Umzug nach Los Angeles dort. Es war größte Vorsicht im Vorfeld geboten, können Lobregen und Veränderungen junge Künstler bekanntlich in alle möglichen Bahnen lenken.

Auf den 14 Stücken des neuen Albums singt weder die Stimme eines längst vergessenen Sommers, noch eine Internetikone der Generation tumblr: „Art Angels“ ist das Werk einer Musikerin geworden, die weiß wohin sie will. Tatsächlich wirkt Grimes sowohl vor, als auch hinter den Reglern so selbstsicher wie nie zuvor. So schön es auch ist Identitäten beim Reifen zuzusehen, wird jedoch auch diese musikalische Entwicklung ein paar Freunde vergraulen und am anderen Ende verschlossene Türen öffnen.

Die Veröffentlichung der ersten Single „Flesh Without Blood“ versetzte noch kurz vor Halloween meine inneren Leuchttürme in Alarmbereitschaft: zuviel Pop, zuviel Schmalz. Ein Titel, den man in ähnlicher Ausführung auch bei Taylor Swift oder Selena Gomez erwartet hätte. Wenige Tage später fiel „Scream“ vom Himmel – und damit jedes Review zurück auf „Los!“: der energiegeladene Crossover-Titel, angetrieben von der taiwanesischen Rapperin Aristophanes, mündet in eine Explosion aus Verstärkern und Schreien und deutet auf die große Zukunft von Grimes: „Scream“ ist die Production-Only Premiere der kanadischen Künstlerin.

Nun war ich ratlos. Und verwirrt. Meine Erwartungen waren wieder bei Null angekommen, meine Ungeduldigkeit auf einem neuen Höhepunkt. Nach dem das Album vergangenen Freitag herauskam, wandten sich meine Ohren sofort „REALiTi“ zu. Als der Titel noch im Frühjahr ein Musikvideo spendiert bekam, hatte Grimes eigentlich gar nichts anderes vor, als einer alten Demoversion ein unerwartetes Leben zu schenken. Auf das Album sollte das Leftover aus den eher tristeren Sessions für Platte Nr. 4 eigentlich nie landen. „Art Angels“ zog „REALiTi“ nun die melancholischen Zähne und setzte dem verlorenen Stück bassige Beisser ein. Die Stimme klingt nun ausgesprochen kräftiger, der Chorus tanzbarer. Kein anderes Stück spiegelt die Wandlung zwischen „Visions“ und „Art Angels“ wohl so gut wider.

Die Platte balanciert zwischen Kaugummie und Untergrund, wirkt zeitweise verstörend kalkulierend und frisch verstörend. „California“ und „Butterfly“ sind da so zwei Kandidaten: lassen sich schon die Titelnamen buchstäblich schmieren wie Butter, stellt man bei genauerer Betrachtung schnell fest, dass sich Boucher die poppigeren Songs der Platte ausgesucht hat, um sich über Identifikation und Persönlichkeit auszulassen. „Oh, California. You only like me when you think i’m looking sad.“ stellt Grimes noch im zweiten Stück fest, ehe sie im melodischen Finale deutlich macht: „I’ll never be your dream girl!“

„They Don’t Know Me!“: Auf „Kill V. Maim“ hört man Grimes diese Worte in eine Welt schreien, die nicht immer gewillt war sich auf die junge Musikerin einzulassen. Nur drei Wochen habe sie schließlich gebraucht um „Visions“ zu schreiben und aufzunehmen – und das eigenen Angaben zufolge mit der Garage Band App von Apple. Respekt von mir, Suspekt für Andere. „Kill V. Maim“ zählt zu den stärksten Stücken der neuen Platte. Zwar ging auch an Grimes kein 80er-Revival vorbei, wie die synthielastige Produktion des Titels verdeutlicht, trotz allem gelingt es „Kill V. Maim“ die Nähe zum Pop mit dem gestiegenen Selbstvertrauen der widerwilligen Indieikone aus Kanada wunderbar in Einklang zu bringen. Ein kleiner Wahnsinn, so to speak.

Mit „Art Angels“ landet Grimes im Steilflug in die US-Popkultur. Hat es der Lo-Fi geprägte Sound aus dem Untergrund Montreals noch geschafft drei Langspieler innerhalb zwei Jahre in die Presswerke zu jagen, hat die dreijährige Produktionszeit der jungen Musikerin Zeit zum Wachsen verschafft. Titel wie „Venus Fly“ (feat. Janelle Monáe) oder „Kill V. Maim“ sind geborene Hits, die Produktion der Platte eine 1A-Bewerbung um in der Champions League der Musikproduzenten mitzuspielen.

Ein „klassischer Grimes“ ist nun weitaus mehr geworden, als blanke Melancholie und bunte Haare. Und wenn es nur das ist, dass „Art Angels“ als Botschaft zu transportieren vermag, sind nun der Künstlerin Tür und Tor geöffnet sich auch als Produzentin für weitere Künstler ins Zeug zu legen. Die Titel werden nicht jedem Gefallen; aber warum sollten sie auch: she’ll never be your dream girl.

„Art Angels“ ist am 6. November über 4AD erschienen.

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