Als ich einem Kollegen von Grizzly erzählte, war seine Reaktion: „Aww, das ist aber ein süßer Bandname!“ Süß sind die fünf Jungs aus Karlsruhe allemal, allerdings würde ich eher das Attribut „wild“ für ihre Live-Auftritte und Musik benutzen.

Im Januar erschien ihr Album „Polaroids“ – ein Brett von einem Album, denn seitdem läuft es bei mir hoch und runter. Ebenso ging die fünfer Kombo im Januar auf „How to fuck up 6 lives at once“-Tour und machte unter anderem im Hafenklang in Hamburg halt, wo ich sie zu einem ziemlich langen, diskussionsreichem und witzigen Interview traf.

Fotos: Jasmin Reckers, noisiv.de

Heute startet eure erste eigene Headliner Tour, wie aufgeregt seid ihr, eure neuen Songs zu performen? Ein paar habt ihr ja bestimmt auf der Tour mit den Emil Bulls schon zum Besten gegeben.

Kev: Wir sind tatsächlich sehr aufgeregt, weil wir vor der Tour – darf man das in einem Interview sagen? – nur eine Probe gemacht haben (alle lachen). Es war so, dass wir das zeitlich leider nicht anders machen konnten. Dementsprechend sind wir aufgeregt, aber dennoch gut vorbereitet.

Wie fucked up werdet ihr denn nach eurer Tour sein, was glaubt ihr?

Samu: Wir werden glaub ich heute sehr fucked up sein – finanziell oder körperlich?!
Zig: Die Reeperbahn ist hier ja in der Nähe, das geht schon, das kann man gut aufwerten heute Nacht.
Samu: Wir werden auf jeden Fall sehr fucked up sein, weil unsere Platte heute rausgekommt. Und dann gucken wir aber, dass wir möglichst unfucked up sind – wird aber nicht funktionieren – weil wir noch nie am Stück neun Shows gespielt haben, maximal drei. Deswegen wird es, glaube ich, schlimm, aber da ich nicht singe…
Zig: Es geht eigentlich, man muss halt schon wissen, entweder man säuft oder man schreit rum.

Und wie wäre es mit beidem?

Zig: Nein!
Samu: Er meint das Schreien beim Saufen, nicht das auf der Bühne.
Zig: Nein, also beim Feiern halt so. Wenn wir später in der Haifischbar sind, dann nehme ich mich auch ausnahmsweise zurück, wenn Costa Cordalis läuft. Ich werde dann nur nackt tanzen, ohne Worte! How to fuck up 6 lives at once kommt aber eigentlich von dem Album, aus der Entstehungsphase.

Willst du das sonst noch mal kurz erörtern?

Zig:

„Wir haben uns ein sehr kurzes und sehr hohes Ziel gesteckt”

Wir haben uns ein sehr kurzes und sehr hohes Ziel gesteckt (alle lachen). Also wir wollten halt ein geiles Album machen, haben aber uns selber eine kleine Timeline gesetzt, dementsprechend war es sehr heftig für uns.
Kev: Man muss dazu sagen, wir haben das Album nach der Festival-Saison  angefangen zu schreiben und mussten im November, vor der Emil Bulls Tour, mit allem fertig sein – also auch mit den Recordings, weil wir dann ja auf Tour waren und nicht mehr ins Studio hätten gehen können. Das heißt wir haben in der Zeit alle Songs geschrieben.
Samu: Im Oktober gingen schon die Aufnahmen los.
Kev: Waren dann in drei Studios parallel, haben dort an verschiedenen Parts der Platte gearbeitet und haben quasi am Schluss, als die Platte fertig war, zum ersten Mal das Gesamtkunstwerk gehört.
Zig: Das klingt so großkotzig, von wegen wir waren in drei Studios, aber es ging halt nicht anders.

Ihr wart im April mit Staatspunkrott schon einmal hier, was verbindet ihr denn mit dem Hafenklang?

Zig: Einen saugeilen Abend! Es war ein unfassbar geiler Abend!
Samu: Es war unsere erste Hamburg-Show, und wir wussten natürlich nicht, weil es auch eine der ersten Shows der Tour war, wie viel bei Staatspunkrott los sein wird. Wir haben uns da auch nichts vorgemacht, von wegen: Wegen uns kommt eh kein Schwanz, wir freuen uns über jeden von den Fans die wir abgreifen können. Und dann war doch ganz gut was los. Es hat super viel Spaß gemacht auf jeden Fall, also wir verbinden sehr viel Gutes damit und freuen uns auch, dass unsere Tour hier startet.
Zig: Sehr viel lustiges erlebt, also hier im Hafenklang und dann danach noch in der Bandwohnung.
Kev: Und im Schellfischposten!
Zig: Und im Schellfischposten, da wo „Inas Nacht“ gedreht wird, die hat extra wegen uns nochmal aufgeschlossen.
Dome: Die Ina!
Zig: Die Wirtin! Und die war super posh, die hatte richtig geile Leggings an. Und dann hat sie gedacht, sie macht den Umsatz ihres Lebens. Aber dann hat Peter von Staatspunkrott ein Wasser bestellt, da hat sie einen Aschenbecher nach ihm geworfen und uns rausgeschmissen.

Im ernst jetzt?

Samu: Ja, wir gehen nachher wieder hin (alle lachen).

Ihr wart ja auch mit Emil Bulls auf Tour und unter anderem hier in der Markthalle. Gab es denn noch größere Bühnen als die Markthalle bisher für euch?

Kev: Köln die Live Music Hall war auch ausverkauft.
Dome: Schlachthof war aber größer.
Kev: Ja? Dann der Schlachthof in Wiesbaden.

Aber Markthalle fetzt schon oder?

Alle durcheinander: War mega geil!!!
Kev: Weil du alles siehst, mega cool!
Samu: Voll der Hexenkessel!

An dem Abend war ich ja leider bei Marilyn Manson und hab mich geärgert, dass ich nicht in der Markthalle war. (Wilde Diskussionen über Marilyn Mansons Auftritte entbrannen…)

Samu: Wärst mal lieber zu uns gekommen…

Ja, auf jeden Fall. Aber dadurch, dass ihr jetzt mit den Emil Bulls und Staatspunkrott auf Tour wart, was lernt man denn so von den alten Hasen, wenn man mit denen auf Tour ist.

Dome: Nicht erster am Catering und nicht erster an der Bar.

Warum?

Dome: Das beschreibt sich von selbst.

Aber dann ist das Essen doch wenigstens noch warm.

Samu: Deswegen sind wir immer die letzten an der Bar.
Dome: Ne, also das ist einfach die Support-Position, einfach aus Respekt. Das haben wir gelernt.
Samu: Also was wir wirklich gelernt haben ist, dass wir schneller in all unseren Abläufen geworden sind. Jetzt nicht, weil wir es uns bei denen abgeguckt haben, aber weil wir in der Position waren, dass wir es einfach machen mussten. Und dadurch wurden wir viel eingespielter.
Zig: Gerade heute haben wir das beim Zeugs aufbauen gemerkt, das ging halt automatisch.
Kev: Jeder hat seine Aufgaben.
Zig: Vorher fehlte ein bisschen die Koordination, du machst das, du machst das. Das war künstlich aufgebauter Stress und jetzt weiß jeder was er zu tun hat.

Jetzt habt ihr ja im Sommer Flo gegen Bux ausgetauscht, war das etwas, was euch auf eurer Band-Reise etwas verändert hat?

Kev: Sagen wir so, es war für uns im Vorfeld wahnsinnig schwer, überhaupt darüber nachzudenken, den Flo gehen zu lassen. Der Flo ist einfach ein unfassbar produktiver Musiker. Der hat unsere letzte Platte „Kidlife Crisis“ komplett alleine aufgenommen und auch zum großen Teil geschrieben, und die EP danach auch. Das heißt, diese Position in irgendeiner Form adäquat zu ersetzen oder neu zu besetzen, war schon relativ schwer.
Samu: Haben wir auch nicht geschafft (lacht).
Kev: Haben wir bis heute in der Form tatsächlich auch nicht getan, weil der Flo im Hintergrund immer noch zur Band gehört. Er ist immer noch Teil von Grizzly, er steht nur nicht mehr auf der Bühne. Er hat auch am neuen Album mit geschrieben und er schreibt auch jetzt an den aktuellen Sachen noch mit. Insofern,

„wir sehen uns bei der Band Grizzly nicht so sehr als Einzelperson”

wir sehen uns bei der Band Grizzly nicht so sehr als die Einzelperson, wir sind so ein Kollektiv aus Menschen, die daran arbeiten.
Samu: Wir sind auch nicht die fünf oder sechs die auf der Bühne stehen, sondern da hängt echt noch sehr, sehr viel dran – da ist er halt ein riesiger Teil von und da sind wir auch froh, dass er da immer noch Bock drauf hat.
Kev: Aber der Bux spielt auch gut Gitarre (lacht). Jetzt mal Spaß beiseite, der Bux hat sich da echt gut reingefuchst, ich glaube es ist schwer in eine Band zu kommen, die schon ein paar Jahre besteht und irgendwie seinen eigenen Flo(w) für sich gefunden hat. Hat er super gemacht und ich glaube ohne ihn hätten wir „Polaroids“ auch nicht geschafft. Ich glaube die Phase, weil du da mitschreiben konntest, kannst du wahrscheinlich besser sagen – war schon krass.
Bux: Für mich war die Albumphase natürlich sehr wichtig, weil davor war es so, dass ich auf Shows einfach die Songs nachgespielt habe und jetzt konnte ich mich beim Album selbst verwirklichen. Da sind wir alle auch nochmal zusammengewachsen, weil man sich gerade beim Songwriting besser kennenlernt, das ist ungefähr wie der Sex in der Beziehung, wenn es nicht funktioniert… Es war für mich eine wahnsinnig intensive Zeit, super cool. Ich bin froh jetzt Mitschreiber von einem Album zu sein und nicht nur der neue Gitarrist, der die Songs nachspielt.

Ihr habt es ja bereits selbst angesprochen, es geht viel um Freundschaft. Auf eurer Platte sind ja auch Songs, die viel von Freundschaft handeln wie „Dirty Dudes“ oder „Till Sunrise“, jetzt seid ihr natürlich viel unterwegs, wie hält man Freundschaften in der Heimat am besten am Leben?

Samu: Rein professionell und beruflich (alle lachen).
Zig: Tatsächlich hat man jetzt weniger Zeit für Freunde und Familie, ich Handhabe es mittlerweile so, ich weiß nicht wie ihr das macht, aber viele in unserem Alter haben ja auch schon Kids oder so, weniger Termine. Aber die nutzen wir dann halt ein bisschen extremer. Man sagt dann halt ein Datum und da treffen sich halt 10/15 Leute, dann geht man um 18 Uhr eben schon weg bis morgens um fünf.
Samu: Es wird dann einfach besonderer, wenn man Leute sieht, die man früher jedes Wochenende gesehen hat. Es ist dann eher was spezielles, ich hatte das gerade mit meinem alten Mitbewohner, der letzt mit auf einem Konzert war und da registriert man erstmal, wie lange man manche Leute nicht gesehen hat. Aber es ist auch schön die Chance auf Tour zu nutzen, alte Freunde in anderen Städten mal wieder zu sehen.
Kev: Was wir auch gerne machen, dass wir Freunde, wenn sie Zeit und Lust haben, mit auf Tour nehmen, z. B. unseren Mercher.

Außerdem habt ihr auf Polaroids Songs wie „We stop at nothing“ und „Hide or run“, die davon handeln, seine Träume und Ziele zu verwirklichen. Was habt ihr denn noch für Ziele und Träume in eurem Leben?

Dome: Dazu muss man aber wissen, dass „We stop at nothing“ ein Cover von 5Bugs ist. Der Flo Nowak von denen ist unser Produzent.
Kev: Also das, was wir gerade erleben dürfen, ist schon mehr, als wir uns je erhofft haben. Ich weiß noch, als wir mit Grizzly gestartet haben saßen wir zusammen und haben gesagt, wir spielen halt ein paar Konzerte im Umkreis, und dann ist alles doch ein bisschen schneller etwas größer geworden. So eine Tour zu spielen wie jetzt gerade oder im November mit den Emil Bulls, das ist für uns alle schon die Verwirklichung eines riesigen Traums.

Ihr seid unter anderem auch bei Circus Halligalli aufgetreten, hat euch das weiter nach vorn gebracht?

Zig: Unfassbar! Wir haben eigentlich gedacht, das bringt nicht großartig was.
Dome: Du musst dir vorstellen, Mittags war die Aufzeichnung und abends wurden wir von Jan, unserem Label Chef, eingeladen, und haben bei ihm die Sendung geschaut. Wir waren natürlich alle total hibbelig und von wegen Auswirkungen und so. Und Jan hat immer ganz aufgeregt gesagt „Boah, 50 neue Likes, 100 neue Likes“ und das hat schon extrem viel gebracht.
Samu: Auf dem Heimweg ruft Jan dann an und sagt: „Ey Jungs, guckt euch die Zahlen auf Amazon an. Nummer 1 Album!“
Kev: Wir waren bei den Newcomer Charts auf Platz 1 und in den Rock Charts 4 oder 5 und bei den iTunes Charts International waren wir unter den Top 30.
Samu: Das war dann auch physisch total ausverkauft, total verrückt! Das war wirklich ein abartiger Schritt nach vorn. Wir haben es uns natürlich erhofft, aber man will sich ja auch nicht zu viel Hoffnung machen,

„Wir haben es uns natürlich erhofft, aber man will sich ja auch nicht zu viel Hoffnung machen”

denn sonst wirst du ja auch enttäuscht, wenn es nur 1000 statt 3000 Likes am Ende sind. Im Endeffekt waren es vier Refrains vor und nach der Werbepause und wir haben dazu Scheiß gemacht, das zeigt ja eigentlich auch das Verhältnis vom Fernsehen zu YouTube.

 

Dann komme ich schon zu meiner letzten Frage: Was ist die klischeehafteste Eigenschaft eines Grizzlys die ihr habt?

Samu: Fressen und saufen. Maßlose Getränkezuführung.
Kev: Wollen wir das so stehen lassen? Das dumme ist ja, dass wir eigentlich gar keine Klischees bedienen.
Samu: Doch, eigentlich schon.
Zig: Wir haben ein dickes Fell (alle lachen).

(Alle reden auf einmal durcheinander, wie eigentlich das gesamte Interview schon – haha.)

Okay, dann fällt mir doch noch eine Frage ein. Da ja heute Album-Release ist, kommt ja sicher ganz viel Arschgepuder, wie geil das Ding ist, aber habt ihr auch Angst davor, etwas schlechtes zu hören/lesen?

Dome: Ne, wir sind überzeugt davon (alle lachen).
Kev: Nein, es ist tatsächlich so. Wir stehen voll hinter dem was wir machen, sonst würden wir es nicht machen. Wir haben uns auch noch nie daran orientiert was andere Leute cool finden oder was gerade In ist. Wir machen einfach das, worauf wir Lust haben.
Zig: Wobei Kritik eigentlich immer gut ist, wenn sie konstruktiv ist. Ich finde Kritik immer besser als (imitiert eine Mädchenstimme) „Hey, voll geil“! Weil, es ist 1. ehrlicher und 2. kann man halt gucken, was man noch cooler machen könnte, wenn man selbst der Meinung wäre ob es rein passt.
Samu: Wir standen, glaube ich, noch nie so hinter einer Platte bei einer Veröffentlichung wie jetzt bei dem Album. Jetzt stehen wir zu 100 % dahinter. Wo wir beim Debüt Album und der EP vielleicht 90 % waren, sagen wir jetzt, das ist der absolute Wahnsinn in unseren Augen und wir sind sehr stolz auf unsere Leistungen. Wenn es jetzt jemandem nicht gefällt, dann ist das eben einfach persönlicher Geschmack und das finde ich, ist auch völlig in Ordnung.
Dome: Die größte Angst dabei wäre am ehesten, wenn jemand die Lyrics kritisiert. Was heißt Angst, aber ich glaube, das würde uns am meisten treffen, wenn die Lyrics niedergemacht werden würden, weil wir da sehr viel Herz rein gesteckt haben. Musik ist eher objektiver als Lyrics, finde ich.
Kev: Wir hatten letzt eine Review, wo genau das besprochen wurde. Da stand, unsere Musik klingt leichter als die Lyrics meistens sind. Es klingt immer spielerisch und nach Spaß, wobei unsere Texte teilweise sehr persönlich sind. Ich glaube, wenn diese verletzliche Seite von uns kritisiert werden würde…
Dome: …da wären wir am verletzlichsten. Wenn einer sagt, das Riff ist scheiße, da kann man mit leben.

(Es entbrennt wieder eine Diskussion, dieses Mal geht es um Deutsche die englisch singen und gutes und schlechtes Englisch.)

Okay, um das Ganze mal zum Abschluss zu bringen, wollt ihr noch etwas loswerden?

Zig: Ich muss auf´s Klo.
Samu: Ich würde das Interview nicht auswerten wollen.

Wenn ihr alle durcheinander sprecht ist das auch nicht so leicht für mich!

Junge – was für ein Interview! Wenn fünf Typen gleichzeitig durcheinander quatschen, ist es ziemlich schwierig herauszuhören, wer was sagt, daher verzeiht mir bitte, wenn ich ab und an nicht die richtige Person erwähnt habe. Trotzdem danke ich euch von Herzen für dieses geile Gespräch, den noch besseren Abend und hoffe, dass ihr in der Nacht nicht mit mehr mit Aschenbechern beworfen wurdet!

Grizzly im Hafenklang

Wer Grizzly dieses Jahr noch live erleben möchte hat hier die Chance dazu:

Grizzly Live

  • 01.06. – Frankfurt am Main, Ponyhof
  • 02.06. – Köln, Jungle Club (Nachholshow)
  • 29.06. – Dischingen, Rock am Härtfeldsee
  • 30.06. – Enkirch, Fallig Open Air
  • 07.07. – Nonrod, Nonstock Festival
  • 28.07. – Müchen, Free&Easy Festival