Grossstadtgeflüster

Foto: Kai Müller

Mal ehrlich: So richtig geil fand man Grossstadtgeflüster doch eigentlich nie. Ein bisschen Deichkind-Sound hier, ein ansatzweise provokanter Hit samt Nirvana-Sample da und immer irgendwo auf den Festivalplakaten zu finden – viel mehr wusste man ja auch einfach nicht über diese Band. „Ich muss gar nichts” hat sich durchaus im kollektiven Gedächtnis festgesetzt, weil sich eben jeder über das F-Wort freut, doch spätere Singles wussten leider nie ein gesteigertes Interesse am Trio zu wecken.

Nun mag man zunächst meinen, liest man den Titel der neuen Single und auch EP, Grossstadtgeflüster besönnen sich nochmals auf die eigene Vergangenheit und erlägen der Versuchung, das alte Erfolgrezept zu kopieren, um die Aufmerksamkeit noch einmal auf Fickt euch Alleesich zu ziehen. Drückt man jedoch den Play-Button des vor einem Monat veröffentlichten Musikvideos, stellt sich Überraschung ein: In „Fickt-euch-Allee” zeigen die Electroclasher einen sehr eigenen Sound, der minimal und modern daherkommt und einen Clip, der in jeder Hinsicht rotzig erscheint. Die mit dem Handy aufgenommenen Wackelaufnahmen von Sängerin Jennifer in ausgewählt unausgewähltem Look sind zwar nach wie vor eine Sache von Inszenierung, doch immerhin malen sich die Hauptstädter keine Neonfarben mehr ins Gesicht und der neue Swagger steht ihnen verdammt gut zu ebenjenem. Um ein vielfaches lockerer und glaubwürdiger kommt auch die im Text geäußerte Antihaltung dieses Mal rüber als im Frühwerk. Die Hook hat damit ganz klar Potenzial, schon bald aus den Mündern der Massen zu schallen:

„Ich bin meinem Wochenendhäuschen in der Fickt-euch-Allee! Wo ich auf der Veranda meine Eier schaukel‘!“

„Lass uns doch einfach darauf einigen, dass wir halt nicht so einer Meinung sind!” singt Jennifer im angepunkten „Die Einigung” und führt so die Attitüde auf der EP fort, die eigentlich gar keine EP darstellt, sondern den Beginn einer Reihe von Miniveröffentlichungen, welche schließlich in einem Album münden werden. Diese hier ist folglich auch mit „Episode 1” untertitelt und bietet mit „Weisse Kaninchen” einen beinahe instrumental geratenen Clubtrack, mit „Wo ist die Party” ein textlich ebendort anzusiedelndes Stück, das wieder mal irgendwie an Deichkind erinnert, was aber auch an der Stimme vom Zweitvokalisten Raphael liegen mag. Star der ganzen Nummer ist aber ohnehin Jennifer, die in dem ruhigeren „Blaues Wunder” beweist, dass sie nicht nur wie im Titelsong schreien und quasi-rappen, sondern auch als Sängerin überzeugen kann. Ums saufen geht es zwar trotzdem, doch wer der Band das ankreidet, weiß dank der deutlichen Betitelung dieses 5-Tracks starken Werks ja bereits, mit welcher Reaktion er zu rechnen hat. Ein sehr spannender Neustart in einen Veröffentlichungszyklus, mit dem die Band tatsächlich eine ganze Menge Überzeugungsarbeit leisten könnte!

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