Foto: Facebook / Gurr

Foto: Facebook / Gurr

Man wird dem Jahr 2016 eines Tages mal nachsagen es der Musikwelt besonders schwer gemacht zu haben: unerwartete Todesfälle, miese Platten und Politiker, katastrophales Wetter auf Festivals, ein starkes Album von Fler, das Comeback von DJ Bobo – Gedanken, an denen du knabberst. Heute lenke ich daher meine Aufmerksamkeit dem ersten großen Meilenstein einer frischen, hoffnungsvollen Karriere: Gurr aus Berlin. Das weibliche Garage-Punk-Duo aus Berlin veröffentlichte Anfang des Monats ihre Debüt-LP „In My Head“.

Schon in den ersten Sekunden des Albums versuchen Andreya Casablanca und Laura Lee Jenkins ihr Revier zu markieren: angefangen mit einem frechen Reverse-Effekt, welcher von Hendrix bis zu abgenutzten Tape Decks zunächst jeden Dreck von den Boxen abpult, wirft sich die Platte mit den ersten beiden Titeln sofort nach vorne. „Breathless“ macht uns mit der LoFi-Produktion vertraut, „#1985“ versucht sich an erstes Storytelling. Immer mit dabei: die verträumten Harmonien von Laura Lee Jenkins, welche schon beim zweiten Durchlauf der Platte um (m)eine Stimme reicher wurden.

„I watch the mess nicely unfold“ hieß es noch in den ersten Worten der ersten Single. Besser lässt sich auch der Titel kaum beschreiben. Auf „Moby Dick“ drehen Gurr an der Popschraube, der Sound wirkt klarer, die Instrumente akzentuierter. Bestnoten in Songwriting und Radiotauglichkeit. Auf einer Platte, die größtenteils frech und konsistent Garage-Rock auf LoFi-Produktionen bannt, wirkt das Stück wie eine Musterbewerbung für Größeres. Die wunderschöne zweite Single „Walnuss“ erweitert den Spagat, legt eine Schippe New Wave und Melancholie über die Scheibe und kommt mit fesselndem Orgelintro und Spring-Reverb-Gewitter daher. Man möchte der Band dafür danken.

Eindrücklich ist auch „Yosemite“: das traurige Stück über einen verstorbenen Bekannten, bewegt sich in einem Nebel zwischen Joy Division und Gun Club, lässt übere längere Strecken auch einfach mal nur die Band und Bassline sprechen – bis Casablanca mit „Your dog is all alone at your house“ die vielleicht traurigste Zeile der ganzen Platte durch die Speaker jagt. Wir verlassen die grauen Wolken, gleiten mit „Free“ über in einen psychedelischen Traum aus Orgeln, einer Prise Hendrix und ersten Regenbogen. Spätestens mit dem „Klartraum“ ist jeder Hauch von Melancholie wieder verflogen, gedrückt wird auf die Schweiß- und nicht auf die Tränendrüse: „We just wanna dance, is that a crime?“. Auf keinsten, Andreya.

„In My Head“ vereint in einer knappen halben Stunde das Beste aus allen Welten. Der 60s inspirierte „First Wave Gurrlcore“, wie sie ihn selbst nennen, gräbt sich quer durch die Geschichte des Rock n‘ Roll und weiß dabei von New Wave- bis zu Grunge-Anleihen („Diamonds“) erstaunlicherweise seinen eigenen Sound zu finden. Inklusive Melodien die hängen bleiben, Harmonien die zum Mitsummen einladen und Stücke bei denen du im Moshpit schnell mal dein Handy verlierst („Computer Love“). Das Jahr 2016 scheint, wenn auch nur für 29 Minuten, noch einmal rechtzeitig die Kurve bekommen zu haben.

Der erste Gurr-Longplayer nahm sich die Energie der ersten „Furry Dream“-EP und schenkte ihr Struktur und ein Gespür für eingängige Melodien und Songs, mit denen man noch über Jahre schöne Erinnerungen aufbauen wird. Letztendlich wird die Eingangs angesprochene Radiotauglichkeit von Casablanca und Jenkins zur Tür gebeten. Taucht sie dann aber doch mal auf, fragt man sich, wo sich diese Energieladung all die Jahre in Deutschland versteckt hat. Man fühlt sich ein Wenig an die ersten Jahre der Beatsteaks erinnert. Rotzfrech, dreckig, Berlin. So kann es gerne weitergehen.

Wer sie auf der „In My Head“ Record Release Tour sehen will, sollte sich beeilen. Könnte sein, das wir alle Karten kaufen werden und 40 Nächte durchfeiern (ernsthaft Netflix, sowas wäre doch ein Doku wert). Erstaunt müssen aber auch wir feststellen, dass Reisen bis nach Paris, London, Zürich oder Texas dann aber doch etwas teuer werden könnten.

„In My Head“ Record Release Tour

  • 23.11.2016 Ludwigshafen, Kulturzentrum dasHaus
  • 24.11.2016 Zürich, The Gonzo Club
  • 28.11.2016 Berlin, Kantine am Berghain (Support: Wolf Mountains)
  • 29.11.2016 Paris, Espace B
  • 30.11.2016 Brighton, The Hope & Ruin
  • 01.12.2016 London, The Old Blue Last
  • 20.01.2017 Nürnberg, MUZ Musikzentrale
  • 21.01.2017 Stuttgart, Pop Freaks @ Merlin Kulturzentrum
  • 22.01.2017 Saarbrücken, SYNOP*
  • 23.01.2017 Köln, Privat
  • 24.01.2017 Münster, Sputnik Café
  • 25.01.2017 Dresden, Ostpol
  • 26.01.2017 Leipzig, Conne Island
  • 27.01.2017 Hamburg, Hafenklang
  • 28.01.2017 Wuppertal, die börse
  • 30.01.2017 Tübingen, Epplehaus
  • 31.01.2017 Karlsruhe, KOHI-Kulturraum
  • 01.02.2017 München, Unter Deck
  • 02.02.2017 Würzburg, CAIRO Jugendkulturhaus
  • 03.02.2017 Mainz, Schonschön
  • 04.02.2017 Jena, Glashaus im Paradies
  • 10.03.-17.03.2017 Austin (TX), SXSW

„In My Head“ ist am 14. Oktober via Duchess Box Records erschienen. Des weiteren erscheinen auf noisiv.de demnächst neue Live-Sessions, die wir mit Gurr im Rahmen des Reeperbahn Festival 2016 aufgezeichnet haben. Mehr dazu in Kürze!

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