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Bereits zum vierten Mal war die niedersächische Stadt Stade am letzten Samstag, dem 21. März 2015 Schauplatz des Hanse Song Festivals. Dabei konnte sich das Line Up wirklich sehen lassen – besonders für Freunde deutscher Musik hatte das Indoor-Festival eine ganze Reihe an Künstlern im Programmheft stehen. Um auch allen ausreichend Zeit gewähren zu können, fand das Ganze im Stile des Reeperbahn Festivals in mehreren Locations über die beschauliche Stader Innenstadt verteilt statt. Insgesamt 18 Acts bespielten die sechs Hallen – Grund genug also, die normalerweise nicht all zu lange Reise von Hamburg anzutreten – wäre die proppevolle Regionalbahn nicht massiv verspätet.

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So schaffte ich es erst nach Beginn des Sets in die Seminarturnhalle, wo Die Sonne aufspielte – über ihr Album berichteten wir Ende letzten Jahres. Kennt ihr das Gefühl, in eine Konzerthalle zu kommen, auf eine Masse von Menschen zu stoßen und daher von vollem Haus auszugehen, dann aber nach vorne durchzudringen und zu bemerken, dass zwischen Bühne und Publikum eine drei Meter große Leere liegt? Nicht so scheu, Stade! Recht hell ist es auch im Publikum ausgeleuchtet, sodass sich noch keine rechte Konzertstimmung einstellen will.

diesonne2Die Sonne aber gibt ihr Bestes, erfreut sich ganz offensichtlich noch immer an der neuen Bandkonstellation, die aus dem Duo Wolke erwachsen ist. Und bei „Untergehen“, der großartigen B-Seite ihrer aktuellen 7″-Single, scheinen die Besucher auch endlich erreicht zu sein, die Appläuse werden tosender und die Atmosphäre lockerer. Und so sind es dann auch die großen Momente des Albums – „Es funktioniert einfach nicht“ beispielsweise – die zu den großen Momenten des Gigs werden. Hoch bejubelt auch Benedikt Filleböck, der bei „Es gibt Gründe“ zeitgleich Trompete und Keyboard spielt. Einen als „moralischen Teil des Konzerts“ durch Sänger Oliver Minck angekündigten, neuen Song namens „Krieg“ gibt es noch zu hören, nach einer Dreiviertelstunde beendet das Kölner Quintett die Show mit dem ruhigen „Ahnung von dir“. Ein schöner Gig, der leider nicht ganz die richtige Atmosphäre geboten bekam.

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Durch den keine 200 Meter langen Fußweg zum Königsmarcksaal im alten Stader Rathaus erlaubte es die Zeit, kurz in das Set vom szenebewunderten Pianisten Lambert hineinzuschauen. Und hier herrscht eine mehr als geeignete Atmosphäre für den jungen Herren mit der Antilopenmaske! In kathedralenhaftem Ambiente geben Lambert und sein ebenfalls maskierter Perkussionist ihre Neo Classical Stücke vor bestuhltem Publikum zum Besten. Mucksmäuschenstill bewundern die Gäste den Musiker, der durch seine Reworks in den letzten Jahren einiges an Aufmerksamkeit erlangen konnte.

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Die für mich am heißesten erwartete Band des Abends: Locas in Love, man erahnt es anhand unserer Album-Review. Zehn Minuten Fußweg durch die Stader Fußgängerzone findet man sich in der „Jugendfreizeitstätte Alter Schlachthof“ ein – traurigerweise nicht so zahlreich, wie der Raum es hergegeben hätte. Stichwort: Getränke auf und Jacken vor der Bühne, Gäste aber mehrere Meter davon entfernt. Sicher nicht die beste Ausgangssituation für eine Band. Nach dem eröffnenden Instrumentalstück „Leyendecker Straße“ bittet Sänger Björn Sonnenberg um weniger Beleuchtung im Bereich vor der Bühne – „damit sich niemand beobachtet fühlt, außer wir natürlich, wir haben es uns ja ausgesucht, angeguckt zu werden!“

locasinlove2Ganz helfen will das der Atmosphäre leider auch noch nicht. Locas in Love finden davon unbeirrt ihren Spaß am Darbieten von Songs des neuen Albums wie „Blackbox“ und „Wer weiß“. Einen großen Anteil der Setlist nimmt das zweite Album „Saurus“ ein, aus dem Songs wie „Mabuse“ und „Monkey“ ihren Weg auf die Bühne des Jugendzentrums finden.

Das Publikum lässt sich dann doch noch hinreißen und mit dem von Stefanie Schrank gesungenen „An den falschen Orten“ lässt sich der Saal endlich in die richtige Stimmung bringen. So wird dann auch Björn Sonnenbergs Einlage als Zweit-Schlagzeuger hervorragend aufgenommen – die Drums bespielte an diesem Abend übrigens wieder einmal Maurizio Arca, nicht wie auf dem aktuellen Album Saskia v. Klitzing. Zum Ende kommen die Kölner mit „Da ist ein Licht“ aus ebendieser Platte – und einer fulminanten Cover-Einlage des Songs „Psycho“ von den Sonics! Locas, you’re driving me crazy.

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Ein letzter, kurzer Fußmarsch noch, dann ist die wohl beeindruckendste Konzertlocation des Abends und der für mich letzte Gig erreicht: Singer-Songwriter und Ex-Nationalgalerist Niels Frevert spielte in der St. Wilhadi Kirche. Mit Kirchenbänken, Jesus-Statue und allem drum und dran – glücklicherweise aber ohne Klingelbeutel.

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Dem Ambiente entsprechend spielt Niels Frevert nur mit Akustikgitarre, begleitet von seinem Pianisten. Nach dem ersten Stück witzelt er: „Schon komisch, wenn man in so eine Kirche reinkommt, da fühlt man sich als Künstler nicht gleich wie der Chef. Also rauchen kann ich hier schonmal nicht…“. Generell ist er gut aufgelegt, erzählt von scheinbar betenden Besuchern beim Soundcheck, die dann doch nur ein Foto für Facebook machen wollten und von Kirchenkonzerten als Udo-Lindenberg-Coverkünstler.

Sein Set bestreitet Frevert vorwiegend aus seinen letzten beiden Alben „Zettel auf dem Boden“ und „Paradies der gefälschten Dinge“. Schon irre, als vom Christentum doch recht weit entfernter Mensch mal wieder in so einem Gotteshaus zu sitzen – aber mit so tollen Songs wie „Blinken am Horizont“ oder „Speisewagen“ sehr gut auszuhalten. Seine ohnehin ruhigen Stücke passen in ihren akustisch vorgetragenen Versionen wunderbar in diesen Ort und bereiten mir einen hervorragenden Abschluss des Hanse Song Festivals.

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