Fotos: Babak Kidney, noisiv.de

Nicht nur vor der Tür sollte es an diesem Abend von der Decke regnen: US-Rapper Ghostemane ist zum wiederholten Male in Hamburg zu Gast gewesen, um in der Hansestadt sein aktuelles Material vorzustellen. Ein Abend, den mit Sicherheit auch die Hamburger Fans nicht so schnell vergessen werden.

Das Konzert im Headcrash war unlängst ausverkauft, wenige Minuten nach Einlass war auch schon die Garderobe belegt. Wer auch danach noch mehr als ein Oberteil an seinem Körper trug, sollte es schon beim vorangehenden Support-Set von Wavy Jone$, Horse Head und Nedarb bereuen.

Angeführt von Nu Metal-Klassikern und modernen Bangern von Denzel Curry oder Smokepurrp, verwandelte sich das Support-Set schnell in eine Hommage an den verstorbenen Lil‘ Peep – mit einer textsicheren Crowd, die stimmungstechnisch gar den eigenen RBF17-Gig des einstigen Emo-Rappers übertraf.

Es war gegen Viertel nach neun, als die Bühne plötzlich um eine lange blonde Mähne reicher wurde: Eric Ghoste, aka. Ghostemane stapfte auf die Bühne und stimmte zu „NAILS“ an. Laufen seine Tracks an, sprechen viele bei dem außergewöhnlichen Sound von „Horrortrap“. Andere sehen darin gar eine Leiter zwischen Hip-Hop und Death Metal.

Tatsächlich wuchs Ghostemane mit einer Affinität zum Metal auf, zählt Carcass, Mayhem und As I Lay Dying zu seinen großen Vorbildern. Und das hört man auch: Leicht verzerrt und nahezu verstörend klingen die Vocals des 26-Jährigen, so als hätte sich der Abstand zwischen Mund und Mikro in Luft aufgelöst. Die sphärischen Beats und tiefen Bässe erledigen das Übrige.

Ghostemane + Crew ließen nahezu keine Atempausen zu, dirigierten einen Moshpit nach dem Nächsten und waren sich auch für einen Circle Pit nicht zu schade. Den Ton gab in Hamburg aber das Publikum an: War bei vielen Fans bereits nach dem Support-Set schon Schluß mit einem trockenen T-Shirt, wurde bei Titeln wie „Kybalion“, „Leprosy“ oder „D(r)own“ deutlich, dass dieser Abend wohl keinen weiteren Gang mehr herunterschalten wird. Shirts verkamen zu Schweißschleudern, Körper bildeten feuchte Massen und drehten das Headcrash auf dem Hamburger Berg zur Sauna um.

Die überfüllte Garderobe kam mir hingegen weniger gelegen. Immer die (proppenvolle) Tasche im Blick, blieb mir erstmal nur der Verbleib in den hinteren Reihen. Crowdbeobachtung im Spectatormode, während der tiefe Bass aus den Boxen dröhnte. Beeindruckende Bilder blieben hängen: Bilder eines jungen Publikums, bei dem lange Shirts und Ketten an der Tagesordnung sind. Bilder eines älteren Publikums mit volltättowierten Armen, dass ohne die Bandshirts großer Metalcore-Bands nicht das Haus verlässt. Wie schon bei Death Grips im Vorjahr habe ich das Gefühl: Hier bewegt sich langsam etwas großes auf uns zu.

Ghostemane beendete das Set mit „Mercury“, seinem bis dato größten Hit – das war zumindest der Plan. Die Hamburger Fans ließen jedoch nicht locker, skandierten lautstark „One More Song!“ und wollten den Rapper aus West Palm Beach noch ein letztes Mal auf der Bühne sehen. Ghostemane und dessen Crew, die für gewöhnlich keine Zugaben spielen, ließen ein paar Minuten verstreichen – und enterten um kurz nach zehn noch einmal die Bühne.

Es folgten ein paar improvisierte Titel, davon einer der nach eigener Aussage schon seit Jahren nicht mehr Live performt wurde. Um kurz vor halb elf war der Auftritt dann endgültig zuende. Wie viele andere US-Rapper, spielte Ghostmane zwar nur knapp eine Stunde – doch es reichte, um durch die Bank weg alle Erwartungen zu übertreffen. Für Ghostemane nach eigenen Worten, eines seiner bislang „favorite shows“. Eine Aussage, die viele der Fans mit ihm geteilt haben, als sie glücklich und verschwitzt den Kiez-Club an diesem Mittwoch Abend verlassen haben.

Ein kleiner Pro-Tipp, für alle die es bis hierhin geschafft haben: Packt‘ schon mal euer Ersatzshirt ein. Wir sehen uns bei scarlxrd am 26. Mai im Uebel & Gefährlich.