Foto: Markus Milcke

Foto: Markus Milcke

Sie sind Sonderlinge, die Stuttgarter Herrschaften von Human Abfall. Wer einmal in den Genuss einer Live-Performance der Band gekommen ist, wird unweigerlich in ihren Bann gezogen worden sein: Irritiert schaut man zunächst auf Frontmann Flávio Bacon, der mit stoischer Körper- und Antihaltung beinahe reglos auf der Bühne steht. Ab und an angewidert von seinem Bier trinkt, hasserfüllt in die Leere blickend, um dann in agitatorischem Tonfall der Menge seine oft nicht minder irritierenden Texte entgegenzukeifen. Hinter ihm: Eine fröhlich vor sich her jammende Triobesetzung. Irritation weicht Faszination, die sich langsam, aber sicher zu Begeisterung über diese bisher ungekannte Art der Liveshow entfaltet.

So zumindest meine erste Begegnung mit der Gruppe aus dem Schwäbischen, beim letztjährigen Reeperbahn Festival im Hamburger Indra. Bereits dort spielten Human Abfall erste Stücke aus ihrer neuen LP „Form und Zweck“, kommenden Freitag bei Sounds of Subterrania erscheinend. Und betrachtet man zunächst mal deren Texte, geht es wie vom vorangegangenen Erstling „Tanztee von unten“ gewohnt unheiter weiter. Unzufrieden, ungeschönt ehrlich, oft auch zunächst undurchschaubar. Denn Human Abfall ist keine Band, die sich beim gedankenverlorenen Bügeln hören lassen will. Gebügelt wird nicht, Falten gehören hier dazu, Ecken und Kanten – besonders in ihren Texten. In denen gehört Repetition zwar zum gelernten Stilmittel, doch am Ende eines Songs wie „Realismus verpflichtet“ – der dann doch eher vom Dadaismus geprägt zu sein scheint – ist man noch immer etwas ratlos, worum es nun eigentlich gerade ging.

Doch immer wieder wird auch glasklar politisch Stellung bezogen: Im Song „Montags“ – und alle wissen, was im hier zum Thema genommenen Dresden montags so läuft – positioniert man sich unmissverständlich gegen die dortigen Aufmarschierenden und stellt sich auf die Seite des britischen Kriegsoffiziers Arthur Harris, der die Bombardements des zweiten Weltkriegs auf deutsche Städte anordnete:

„Heute schau‘ ich aus wie Dresden ’45. Heute schau‘ ich besser aus, als jemals zuvor. Danke, Sir Arthur Harris! Danke, Bomber Harris! […] Kein Aber und kein Wenn, ihr Täter-Enkel!“

Human Abfall – Montags

Auch gegen die heute immer häufiger wahrzunehmenden Verschwörungstheoretiker wird geschossen, wenn es im passend betitelten „Denken lernen?!“ heißt: „Am Ende des Chemtrails wartet kein Gold auf dich“.

Bacons Lyrics sind Dreh- und Angelpunkt der Tracks, doch auch in der Musik hat sich einiges getan: FormUndZweckDer Post-Punk der Stuttgarter ist variabler geworden, lässt stellenweise auch unerwartete Soul- und Dub-Einflüsse zu und bildet zu den harschen Ansprachen, die einem entgegenprasseln, das tanzbare Gegengewicht. Die nötige Atmosphäre wird so auch in einem weiteren, unvorhergesehenen Höhepunkt des Albums geschaffen: Das abschließende „Wir hatten so viele Pläne“ berichtet vom Zerfall einer Beziehung – kein Kernthema im Werk dieser Band, aber kein radiotauglicher, seine zur Seelenlosigkeit ausformulierten Gefühle herausweinender Erfolgskünstler könnte darüber so treffend singen, wie es Flávio Bacon tut:

„Von wegen: Wir verbringen einfach mal eine schöne Zeit. Nur wir beide! Alles nur erlogen und erstunken und erstunken und erlogen! […] Eine Woche lang hab‘ ich nur gekocht und gespült und gespült und gekocht!“

Human Abfall – Wir hatten so viele Pläne

Human Abfall geben sich auf „Form und Zweck“ im Kern so, wie man es von ihnen bereits gewohnt war: Wahnsinnig bissig, bisschen wahnsinnig. Die Erweiterungen im Soundbild tun ihrer Musik gut, werden auch noch mehr Menschen zum Interesse für diese Band verhelfen, doch klar ist: Human Abfall wird nie eine Band für eine breite Masse. Das wollen und sollen sie auch nicht. Die Nische, die sie bedienen, wird sie für diese neuen, immer wieder verblüffenden Songs weiterhin lieben – vermutlich sogar noch etwas mehr als zuvor.

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Man kann und sollte sich Human Abfall an folgenden Terminen und Orten auch live zu Gemüte führen:

  • 17.05. Wiesbaden, Schlachthof
  • 18.05. Nürnberg, K4
  • 19.05. Dresden, OstPol
  • 20.05. Berlin, West Germany
  • 21.05. Hamburg, Molotow
  • 23.05. Köln, Sonic Ballroom
  • 24.05. Trier, Ex Haus
  • 25.05. Würzburg, Cairo
  • 26.05. Stuttgart, Schocken
  • 28.05. CH – Schaffhausen, Rasafari Open Air
  • 01.06. München, Feierwerk
  • 02.06. AT – Wien, Rhiz
  • 03.06. AT – Wolfsberg, Container 25