IDLES und eine Performance für die Geschichtsbücher (Alle Fotos: Charles Engelken)

„Ich mache das hier für AnnenMayKantereit“, erzählt mir der junge Mann an der Straße zwischen Festival- und Campgelände. Auf seinem Schild prankt in großen Lettern „Suche Ticket“, verzweifelt hält er es in die Augen der Menge. Bis zu 100 € würde er zahlen. Ein Zelt hat er nicht dabei, ein Schlafsack ist auch nicht in Sicht – dabei spielt die Truppe aus Köln doch erst morgen. Diese außerordentliche Hingabe für die großen Namen der Szene gehört zum Hurricane – genauso wie Fannypacks und Unwetter. Doch für diese Künstler bin ich gar nicht hier. Was treiben eigentlich die kleineren Bands, die in diesen Tagen zum Teil erstmals überdimensionale Bühnen betreten? Ein kleiner Rundblick.

Das Festival meinte es schon immer gut mit den „Kleinen“: Seit Jahren schon bieten junge Kartfahrer jenseits des Teenageralters bei der Anreise vom Bahnhof Scheeßel ihre Dienste an. Lauter kleine Stände am Straßenrand bieten für kleines Geld kühle Erfrischungen an, lassen dabei die Kassen klingeln, so laut wie nur selten in einem Scheeßeljahr. Für junge Menschen ist es häufig das erste große Festivalerlebnis. „Vom Abi auf’m Acker“ ist hier das Kredo vieler Besucher, welche jährlich in Scharen von Kiel bis Bremen anreisen, einige gar aus dem Ausland. Es gibt auch gute Gründe: Vom 21. bis 23. Juni warten u.a. die Foo Fighters, The Cure und Die Toten Hosen auf alte und neue Fans. Alles große Namen, vor denen sich die kleineren Bands nicht verstecken brauchen. Here‘s why.

Eröffneten den zweiten Festivaltag: Abramowicz aus Hamburg

Die Spielfreude und Energie, die aus intimen Clubkonzerten geschöpft werden, bringen frischen Wind ins Mittagsprogramm des Festivals, dessen sechs Headliner zusammengerechnet auf fast 150 Jahre Banderfahrung zurückblicken können. Ohne die kleinen Künstler, würde hier mehr fehlen, als nur Backgroundnoise zum Frittenfuttern und Müllsackhüpfen – sie hinterlassen Eindruck bei Fans, Künstlerkollegen und einer Industrie, dessen Suche nach dem nächsten Hit und den nächsten Nirvana ein Dauerzustand ist.

Ich bin am Freitag auf dem Gelände eingetroffen, Fotograf Charles ist am Samstag im Schlepptau von Abramowicz angereist. Die Deutschpunks aus Hamburg sollten am Samstag um 12 Uhr die „Forest Stage“ eröffnen. Ein Slot, der einst immerhin von Acts wie Jennifer Rostock besetzt und zum Beginn einer langen Reise nach oben im Lineup wurde. Abramowicz begeisterten die frühen Vögel auf dem Festivalgelände und gaben mit der aktuellen Platte „The Modern Times“ im Rücken auch auf großer Bühne eine fantastische Performance ab.
Anspieltipps: „Not My City“, „Celebration Day“

Doch moment mal: „Forest Stage“? Im Gegensatz zum Southside, dem Zwillingsfestival in Süddeutschland, bekamen auf dem Hurricane die Bühnen neue Namen verpasst: Die Green Stage ist jetzt die „Forest Stage“, aus der Blue Stage wurde die „River Stage“, die Red Stage hört nun auf den Namen „Mountain Stage“ und auch das weiße Zelt nennt sich fortan „Coast Stage“. Erdige Namen im Zeichen der Natur, wie auch die tierischen Maskottchen, welche seit Mitte des Jahrzehnts das Look & Feel des Hurricane Festivals repräsentieren.

The Dirty Nil am Samstag auf der „Mountain Stage“

Auf diesen großen Bühnen kleinere Bands zu sehen, ist ein bisschen so, als wäre man bei einer Geburt im Kreißsaal dabei: Acts, die in der Regel problemlos kleine Clubs ausverkaufen, müssen sich plötzlich wieder neu beweisen und entdecken dabei neue, spannenden Seiten an sich selbst. Shame waren am Freitag Nachmittag eine solche Band: Auf der „River Stage“ spielte die britische Punkband um und für jeden Fan, Sänger Charlie Steen wurde nicht Müde das Publikum zu animieren doch einige Meter weiter zur Bühne zu kommen. Die Band gab 110%, spielte als gäbe es keinen morgen und hat noch einige gute Jahre vor sich.
Anspieltipps: „One Rizla“, „Concrete“

Manchmal, wenn das Wetter partout nicht mitspielen will, hast du als Band zur Mittagszeit das große Los vor gerade mal zehn Zuschauern zu spielen – von denen sich acht nur den Platz in der ersten Reihe für den späteren Headliner sichern wollen. Als am Samstag The Dirty Nil um 13 Uhr die „Mountain Stage“ auf dem Hurricane Festival eröffneten, wartete am Horizont glücklicherweise nur die pralle Sonne und die legendären Descendents, die am Abend die Bühne grandios abschließen sollten. The Dirty Nil wirken so, wie man blink-182 am liebsten in Erinnerung hätte: Frecher Pop-Punk von drei Individuen, die über ihre eigenen Witze zwar am lautesten Lachen, doch mit ihren Instrumenten deutlich mehr Zeit verbringen, als auf Pornoseiten.
Anspieltipps: „Zombie Eyed“, „Bathed In Light“

IDLES ließen auf dem Hurricane Festival nichts unversucht

Aufgewärmt von The Dirty Nil, bewegten wir uns voller Euphorie in Richtung „River Stage“, wo die UK-Punks von IDLES schon auf uns warteten. Kompromissloser Punk, eines der aktuell stärksten Vertreter des Genres: Ihre Platte „Joy As An Act Of Resistance“ war 2018 auf mehreren Bestenlisten vorne dabei, erst kürzlich erschien mit „Mercedes Marxist“ eine neue Single. All sowas scheint Frontmann Joe Talbot jedoch nicht zu scheren, welcher mit leidenschaftlicher Brutalität die Textpassagen rausbrüllt, als würde sein Leben davon abhängen. Während wir uns also sozialkritische Mantras einverleibten („Mother“), stürzte sich der Bandgitarrist halbnackt in die Zuschauermenge und spielte im Moshpit einfach weiter. Solche Momente sind etwas ganz, ganz besonderes – und schon jetzt eines meiner großen Hurricane-Highlights der letzten Jahre. Woher IDLES ihre Energie hernehmen weiß ich zwar nicht genau, wo allerdings beim nächsten Tourstopp in Hamburg mein Gehalt hinwandern wird, schon.
Anspieltipps: „Danny Nedelko“, „Television“

Bloc Party begeisterten Fans mit einer Live-Performance von „Silent Alarm“

Als Bloc Party ihr Albumdebüt „Silent Alarm“ vor 14 Jahren veröffentlichten, waren auch sie in gewisserweise noch ein kleines Licht in der britischen Rockwelt. Am Samstag Abend sollte die Uhr nun für eine „Full-Album-Performance“ zurückgedreht werden. Ganz wie im letzten Herbst in Berlin entschieden sich Kele Okereke und Co. dazu, die Platte von hinten nach vorne zu performen. Der Opener „Like Eating Glass“ bildete daher das vorläufige Finale eines nostalgischen Sets, dem ein bisschen breiterer Sound gut getan hätte. Für einen schwachen Sound ist das Hurricane Festival auch sonst nicht bekannt – das wird auch nach diesem Jahr so bleiben. Für die Zugabe zauberten Bloc Party noch spätere Klassiker wie „Flux“ aus dem Hut, ehe sie nach 75 Minuten die Bühne verließen.
Anspieltipps: „Like Eating Glass“, „This Modern Love“

Im Gegensatz zu den Vortagen, war mein Programm am Sonntag eher mit größeren Namen besetzt: Ob Wolfmother, The Cure, Royal Republic oder The Streets – sie alle lieferten ausgezeichnete Shows ab und machten das Hurricane Festival 2019 für viele der Besucher zur schönsten Ausgabe seit vielen Jahren. Während The Cure-Frontmann Robert Smith sich das Lächeln nicht verkneifen konnte und sich an das Reading Festival 1978 zurückerinnert fühlte, lud Mike Skinner von The Streets das Publikum kurzerhand zum Trinken ein – und sprang mit vier großen Bierflaschen in den ersten Wellenbrecher.

Mike Skinner von The Streets: Einer, der sein Publikum mag

Keine Frage: Das Hurricane Festival kann mit großen Acts umgehen, vor allem in diesem Jahr konnten erstmals Namen aufgeboten werden, welche in dieser Form sonst nur beim Rock am Ring zu finden sind. Jedoch sollte den kleineren Acts des Festivals nicht weniger Beachtung geschenkt werden: Sie nutzen die Möglichkeiten mit ihren Fans zusammenzukommen und neue Fans zu gewinnen, schließlich waren sie selbst mal – und sind es auch noch immer – Fans. Als weiteres Highlight, bei dem ich leider nicht anwesend war, ist in dieser Beziehung die Alex Mofa Gang – zum Glück gibt’s ja die Bildergalerie unten im Artikel von Charles Engelken, welcher bei der „Gang“ mit am Start war.

Als ich den jungen AnnenMayKantereit-Fan am zweiten Festivaltag übrigens wiedertraf, war der Drei-Tage-Bart inzwischen ab und von einer große Portion Schwermut besetzt worden. Ein Ticket für das Hurricane Festival hatte er immernoch nicht – doch er meint es ernst mit seiner großen Band. Eine Hingabe, welche auch die Kleinen von heute später mal erfahren werden.

Fotogalerie: Hurricane Festival Tag 2

Fotogalerie: Hurricane Festival Tag 3