Foto: Carolin Breckle

Foto: Carolin Breckle

Mitten in seiner gefühlt ewigen Tour durch Deutschland hatte ich am 8. April die glückliche Gelegenheit, einen Fuß in den sicherlich nicht gerade leeren Terminkalender des Schweinfurter Yogalehrers, Familienvaters, Sozialpädagogikdozenten und natürlich Singer-Songwriters Matze Rossi zu kriegen. Vor seinem Konzert im Kleinen Donner, Hamburg-Schanzenviertel, traf ich einen gut aufgelegten Matze Rossi, um mit ihm über seine neue Platte „Ich fange Feuer“ (hier die Rezension nachlesen), seine musikalische Vergangenheit und Zukunft zu sprechen.


Für all diejenigen, die sich bisher mit deiner Musik noch gar nicht beschäftigt haben: Welcher Song steht für dich stellvertretend für das Projekt Matze Rossi?
Aktuell ist es wohl der Titelsong meiner neuen Platte „Ich fange Feuer”, denn das beschreibt eigentlich ganz gut, worum es mir geht: Feuer für eine Sache zu fangen, dafür zu brennen, das durchzuziehen. Ein ganz ruhiger Song, der dann zwar nicht meine ganze musikalische Bandbreite abdeckt, aber Text und Stimmung treffen es auf jeden Fall!

Die neue Platte hebt sich im Sound ja sehr von ihrem Vorgänger ab. Deine Instrumentierung ist breiter geworden und die Produktion aufwändiger. Wie kam dieser Wandel zustande?
Für die letzte Platte, „Und jetzt Licht, bitte”, habe ich sehr lange gebraucht. Im Entstehungsprozess habe ich zeitweise überlegt, ob ich überhaupt weiterhin Solo-Musik machen möchte oder nicht. Bis ich mich entschlossen habe, das Album überhaupt rauszubringen, habe ich verschiedene Versionen davon produziert, auch mit diversen selbst eingespielten Instrumenten. Am Ende fand ich aber gerade dieses auf die kleinen Dinge reduzierte total gut. Wie es dann aber immer bei mir ist: Bei der Tour zu dem Album habe ich einen breiteren Sound etwas vermisst und bin für die neue Platte ganz bewusst den Weg gegangen, mir Studiomusiker zu den Aufnahmen hinzuzuholen und die Platte so aufzuteilen, dass sowohl Bandsongs als auch Stücke, die ganz reduziert für sich stehen können, darauf Platz finden. Mit dem Ergebnis fühle ich mich auch sehr zufrieden!

Waren das „eingekaufte” Leute oder Freunde beziehungsweise Kontakte? Du bist ja schon eine ganze Weile in der Musikszene unterwegs.
Den Schlagzeuger kenne ich schon sehr lange, trotzdem ist er aber ein richtiger Studiomusiker, den ich entsprechend natürlich auch bezahlt habe. Und er hat wiederum zwei Freunde, mit denen er schon viel Musik gemacht hat, dazugeholt, die ich dann auch erst am Tag der ersten Aufnahmen kennengelernt habe.

Neben dem Soloprojekt bist du auch noch Frontmann deiner Punkband Bad Drugs. Wird es da weiterhin eine Trennung im Sound geben, oder kann man auch von Matze Rossi noch mit lauterer Musik rechnen?
Definitiv nicht. Mir war schon 2011, als ich die letzte Online-EP mit der alten Band gemacht habe, klar, dass Matze Rossi einfach mein Projekt ist, bei dem ich auch ganz allein entscheiden möchte. Aus dem Grund haben wir dann zusätzlich die Bad Drugs gegründet, um auch so etwas mit Freunden im Proberaum entstehen lassen zu können. Diese Trennung zwischen dem akustischen Rossi und den lauteren Bad Drugs soll bestehen bleiben. Ich schreibe auch gerade neue Songs für eine Bad Drugs-Platte, ich schätze, dass da im Herbst etwas kommen wird.

Vor der Erscheinung deines neuen Albums hast du deine Musik bisher immer selbst veröffentlicht. Welchen Reiz hatte der Vertrag mit End Hits Records und wie kam es dazu?
Oise, den Betreiber von End Hits Records, kenne ich schon seit über 20 Jahren. Der ist eigentlich Schuld daran, dass ich, als es Tagtraum noch gab, überhaupt mit Senore Matze Rossi angefangen habe. Er fand die Solostücke, die ich damals aufgenommen habe, so gut, dass er mich richtig gedrängt hat, die zu veröffentlichen. Und so hatte er auch jetzt, wo er End Hits Records betreibt, wieder Bock darauf, mein Album zu veröffentlichen – das fünfte Soloalbum nach rund zehn Jahren Matze Rossi übrigens, zum Jubiläum schließt sich da also mit Oise der Kreis!

Kann so ein Label mehr möglich machen, als du es alleine bewältigen konntest und bleibt dir dadurch auch mehr Zeit, dich auf Musik zu fokussieren?
Auf jeden Fall, ich habe mich momentan auch wirklich entschlossen, alles auf das Musik-Pferd zu setzen. Es steht jetzt ganz viel an, was wir mit End Hits und Uncle M für dieses und nächstes Jahr planen – allein am Tourplan sieht man das ja schon, wo bis Ende Mai 39 Konzerte anstehen! Das gefällt mir total gut und ich genieße die kreative Zusammenarbeit mit Oise und Mirko.

Einer der direktesten, persönlichsten Songs auf dem neuen Album ist „Zieh meine Träume nicht durch den Dreck“. Begegnest du denn tatsächlich so vielen Leuten, die deinen Lebensstil verurteilen?
Ich begegne zum Glück mehr Menschen, die das total gut finden, was ich mache. Aber manchmal trifft man auch beispielsweise nach zehn, fünfzehn Jahren auf Leute, mit denen man zur Schule gegangen ist, die sagen: Machst du immer noch Musik?! Ist ja krass, willst du nicht mal was gescheites machen? Das passiert schon auch und sowas verarbeite ich dementsprechend in dem Song. Und im Grunde ist das, was die machen, ja wohl auch nicht so geil. Viel weniger geil, als das, was ich mache! (lacht)

Vor zwölf Jahren erschien deine erste Soloplatte „solo(w) boy, so low”. Wenn du dir das heute anhörst: Wie viel von dem damaligen Matze Rossi steckt heute noch in deinen Texten?
Die Songs haben natürlich schon noch was mit mir zu tun, schließlich habe ich sie geschrieben. Manche Texte gewinnen auf eine andere Art heute wieder eine Aktualität, zum Beispiel „Schwimmen” – dieses zu weit raus schwimmen, obwohl man eigentlich auf dem Boden bleiben sollte. Ich sehe das alles als eine Art Entwicklungsfluss: Ich war nicht früher so und bin heute so, das gehört schon alles noch zu meinem Leben dazu.

Würdest du mir zustimmen, dass deine heutigen Texte sehr viel positiver sind als die damaligen?
Auf jeden Fall. Das hat sicherlich auch damit zu tun, dass ich jetzt Yogalehrer bin und mich viel mit dem achtsamen Leben beschäftige. Dadurch ist es definitiv so, dass ich Sachen heutzutage positiver sehe.

Bist du denn jemand, der alle schwierigen Situationen in Musik und Text verarbeitet? Oder eignet sich Yoga dafür mittlerweile besser?
Früher habe ich Musik oft als Ventil genutzt und dadurch sehr melancholische, traurige Lieder geschrieben. Heute ist es so, dass diese Yoga-Komponente noch mit dazu kommt – da geht es ja genau darum: Dinge anzunehmen, zu erspüren und auch zu akzeptieren. Diese Art, mit Widrigkeiten umzugehen, verarbeite ich nun teilweise auch in der Musik. Es ist keine ungefilterte Melancholie mehr, sondern umfasst in den Songs auch den Weg, mit Dingen umzugehen. Beides hat seine Berechtigung, aber mit dem Aktuellen fühle ich mich einfach besser. Wie ich ja auch singe: „Ich find‘ uns besser, als wir früher waren!”

Vielen Dank für das Interview, Matze!

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